{"id":170,"date":"2026-07-14T03:05:40","date_gmt":"2026-07-14T03:05:40","guid":{"rendered":"https:\/\/markusstettler.com\/?p=170"},"modified":"2026-07-14T03:09:29","modified_gmt":"2026-07-14T03:09:29","slug":"corpo-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/markusstettler.com\/?p=170&lang=de","title":{"rendered":"Corpo Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bekomme jedes Mal Kopfschmerzen, wenn ich den Tempel betrete und das Geschnatter auf meine Sinne trifft. Wie eine Party mit zu vielen Leuten und zu wenig Musik. Ich weiss, sie haben die Stadt vor diesen weintrinkenden, zigarettenrauchenden Existenzialisten gerettet. Sie \u2014 die G\u00e4nse \u2014 haben die Stadt geweckt. Die fiesen Wachhunde haben das Ganze verschlafen. Aber Mann, diese Kopfschmerzen, jedes Mal, wenn ich Junos Tempel betrete. Wie auch immer, es ist ein Vertrag. Ich muss sie nur einmal am Tag f\u00fcttern und der Senat bezahlt mich daf\u00fcr. Ein guter Deal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, Herr Publicani, es war ein guter Deal, wahrscheinlich einer der fr\u00fchesten dokumentierten \u00f6ffentlichen Auftr\u00e4ge Roms. Nein, das Eintreiben von Steuern kam sp\u00e4ter, wahrscheinlich. E. Badian hat die Details in seinem wunderbaren Buch \u00abPublicans and Sinners\u00bb \u2014 haupts\u00e4chlich dazu, dass es ziemlich schwierig ist, Genaueres zu wissen: unterschiedliche Quellen, nicht immer die besten. Trotzdem gibt er sein Bestes und stellt eine Menge antiker Business-Case-Berechnungen an.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die vorstandstaugliche Version: Das Unternehmen begann im antiken Rom. Der Staat beauftragte privates Kapital damit, staatliche Aufgaben zu \u00fcbernehmen, die er selbst nicht bew\u00e4ltigen konnte. Das Gesch\u00e4ft war gut, schuf Wohlstand, produzierte Betrug und erforderte regelm\u00e4ssige Korrekturen. Dieses Muster wiederholte sich im Laufe der Geschichte: Charter Companies erhielten souver\u00e4ne Macht, um den Seehandel und die nationale Kontrolle ausserhalb Europas voranzutreiben. Dann \u00fcberschritten sie ihre Grenzen. Free Incorporation demokratisierte die Institution in den 1850er-Jahren, w\u00e4hrend jeder \u00f6ffentliche Zweck in Vergessenheit geriet. Standard Oil zeigte, was ungebremste Unternehmensgr\u00fcndungen hervorbrachten. Roosevelt benannte das Problem und versuchte, es einzud\u00e4mmen. Das Muster war immer dasselbe: Eine Notwendigkeit schuf die Form, Legitimit\u00e4t wurde verliehen, die Macht wurde \u00fcberdehnt, der Staat musste korrigieren. Dann dokumentierten Berle und Means 1932, was dieses Muster hervorgebracht hatte: Eigentum und Kontrolle trennten sich voneinander \u2014 als Gr\u00fcndungsbedingung der modernen Unternehmen, nicht als ihre Entartung. Und dann zeigte Pistor, weshalb diese Ordnung nie neu ausgehandelt wurde: Das Kapital herrscht durch das Recht und wird von ihm gesch\u00fctzt. Das Unternehmen bleibt \u00abcollectively indispensable, yet individually unpredictable\u00bb \u2014 und die Frage, wem gegen\u00fcber es verantwortlich ist, wurde nie gel\u00f6st.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wissen mit Sicherheit, dass bei diesen Vertr\u00e4gen ernsthaft Geld ins Spiel kam, als 218 v. Chr. die Hannibalischen Kriege begannen. Und zu diesem Zeitpunkt wurden auch die societates publicanorum bedeutend. Und dies, meine Damen und Herren, ist die Geburt dessen, was irgendwann zum modernen Unternehmen werden sollte, dem Gegenstand dieses Essays. Okay, man nennt es Proto-corporate, also ist es noch nicht ganz dasselbe, sondern eher eine erste Alphaversion. Ich weiss, es gibt Leute, die jede Verbindung zwischen den societates publicanorum und dem modernen Unternehmen bestreiten. Nun, ich stelle euch gerne meinem fr\u00fcheren Professor f\u00fcr r\u00f6misches Recht vor, dann k\u00f6nnt ihr das mit ihm diskutieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den publicani und den societates publicanorum: Unser G\u00e4nsef\u00fctterer war eine einzelne Person mit einem staatlichen Auftrag &#8211; manchmal waren es auch mehrere, aber sie legten ihre Ressourcen nicht zusammen, um ihre vertraglichen Pflichten zu erf\u00fcllen. Wichtig auch: Sie waren keine Staatsangestellten, es war eher ein Outsourcing-Job. Aber G\u00e4nse zu f\u00fcttern ist eine relativ einfache Sache. Als Rom mit Hannibal konfrontiert war, der \u00fcber die Alpen marschierte, musste es sechzehn Legionen &#8211; ungef\u00e4hr 72&#8217;000 Soldaten &#8211; ins Feld schicken. Sie zu versorgen, \u00fcberforderte die damalige r\u00f6mische Verwaltung. Die komplexe Logistik und die angespannte Staatskasse f\u00fchrten dazu, dass Rom den privaten Sektor beauftragte. Und selbst dann konnte diese Aufgabe nicht von einer einzelnen wohlhabenden Person &#8211; oder Familie &#8211; bew\u00e4ltigt werden. Mehrere mussten ihre Ressourcen zusammenlegen, um all die Tuniken, Helme, Lebensmittel und was f\u00fcr einen Unsinn man im Krieg sonst noch braucht, bereitstellen zu k\u00f6nnen. Der Staat musste also einen Vertrag mit einer Gruppe eingehen, die durch das gemeinsame Ziel vereint war, staatliche Auftr\u00e4ge und damit einen \u00f6ffentlichen Zweck zu erf\u00fcllen. Diese societates taten vieles von dem, was moderne Unternehmen tun. Sie legten Kapital zusammen und finanzierten die Investitionen sogar vor &#8211; und der Staat bezahlte wahrscheinlich Zinsen, obwohl, du weisst schon, die Quellenlage ist etwas dubios. Sie hatten sich bereits vor dem jeweiligen Auftrag zusammengeschlossen, waren also nicht bloss One-Hit-Bands. Um 200 v. Chr. waren diese Vertr\u00e4ge ausserdem substanziell; davor scheinen sie f\u00fcr wohlhabende Familien eher ein Nebengesch\u00e4ft gewesen zu sein. Die Versorgung des Milit\u00e4rs blieb eine der wichtigsten T\u00e4tigkeiten, aber auch das Eintreiben von Steuern, der Bergbau, das Bauwesen und die Salzgewinnung wurden bedeutend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir reden hier jedoch \u00fcber Corpo, und das bedeutet, dass es damals wie heute ein paar faule \u00c4pfel gab. W\u00e4hrend der Hannibalischen Kriege wurden die Schifffahrtsrouten vom Staat garantiert. Da gibt es also diese Geschichte \u00fcber einige feine Herren, die wertlose Waren auf seeunt\u00fcchtige Schiffe luden. Wenn diese sanken, liessen sich die Gesch\u00e4ftsleute vom Staat den Verlust der angeblich teuren Vertragsg\u00fcter erstatten. Besonders unmoralisch, weil der Staat zu diesem Zeitpunkt angegriffen wurde. Manche Quellen machen daraus einen Corpo-Politthriller &#8211; der Senat gekauft, bezahlte Mobs, die Gerichte st\u00fcrmen, v\u00f6llige Straflosigkeit f\u00fcr die feinen Herren. Badian, stets der vorsichtige Historiker, macht die Geschichte komplizierter. Der Betrug hat wahrscheinlich stattgefunden. Aber vermutlich schob der Senat die Sache einfach auf &#8211; Kriegszeiten waren ein schlechter Moment, um die eigenen Kriegslieferanten strafrechtlich zu verfolgen &#8211; und der Senat war ohnehin kein Gericht in unserem heutigen Sinn. Der Mob, der versuchte, die Verhandlung zu sprengen, war wahrscheinlich klein und wurde daf\u00fcr bestraft. Weniger Netflix, mehr b\u00fcrokratisches Durcheinander. Was irgendwie glaubw\u00fcrdiger wirkt. Und vertrauter. Irgendwann kam es doch noch zu einer gewissen Rechenschaft, wenn auch chaotisch und unvollst\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere interessante Tatsache ergibt sich daraus, dass es in diesen Proto-Unternehmen keine Spezialisierung gab. Dieselben Gruppen bewarben sich um Auftr\u00e4ge im Bergbau und in der Versorgung des Milit\u00e4rs. Wechselte ein Auftrag von einer Gruppe zur anderen, wurden Ausr\u00fcstung, Infrastruktur und Menschen h\u00e4ufig einfach an die neue verkauft. Das zeigt, dass diese Gruppen \u00fcber Verm\u00f6genswerte und eine organisatorische Struktur verf\u00fcgten, die verkauft und \u00fcbertragen werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um 150 v. Chr. war die r\u00f6mische Elite, die Mitglieder des Senats, mit den publicani verbunden &#8211; nicht in persona, aber innerhalb desselben Netzwerks. Aktives Lobbying f\u00fcr Gesch\u00e4ftsinteressen war nicht n\u00f6tig, weil die wichtigen Leute aus Politik und Wirtschaft ohnehin alle miteinander verbunden waren. Es gab auf staatlicher Seite einige Kontrollmechanismen, aber sie wurden nur selten eingesetzt. Der Staat und die Proto-Unternehmen schienen eine gute Form der Zusammenarbeit gefunden zu haben. Bis zu der Geschichte mit den Br\u00fcdern Gracchus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tiberius und Gaius Gracchus waren r\u00f6mische Aristokraten im zweiten Jahrhundert v. Chr. Zuerst versuchte Tiberius, Landreformen zugunsten \u00e4rmerer B\u00fcrger durchzusetzen. Das richtete sich gegen den Senat, der \u00f6ffentliches Land faktisch in Privatverm\u00f6gen der politischen Klasse verwandelt hatte. Gaius Gracchus ging weiter. Er wollte die Besteuerung und die Verwaltung der Provinzen reformieren. Beide zielten darauf ab, den Machtgriff des Senats zu brechen \u2014 nicht durch einen direkten Angriff, sondern indem sie alternative Machtbasen aufbauten. Gaius gab der kommerziellen Klasse Kontrollmacht \u00fcber die Statthalter in den neuen asiatischen Provinzen. Im Grunde gab er damit den publicani die Macht, genau jene Regierung zu kontrollieren, die eigentlich sie h\u00e4tte kontrollieren sollen. So entstand eine seltsame umgekehrte Rechenschaftspflicht. Was nach einer allt\u00e4glichen dummen politischen Entscheidung klingt \u2014 irgendein Politiker gibt seinen reichen Freunden noch etwas mehr Macht \u2014, endete damit, dass beide Br\u00fcder durch politische Gewalt get\u00f6tet wurden. Es waren die ersten politischen Morde seit Jahrhunderten. Sp\u00e4ter sollte das sehr viel h\u00e4ufiger vorkommen. Rom wurde zum Epizentrum von Machtk\u00e4mpfen. Es dauerte noch einmal 100 Jahre, aber dann \u2014 nach Caesar und der ganzen Geschichte \u2014 schaffte Augustus die Republik faktisch ab und verwandelte sie in eine verkleidete Monarchie. Damit schloss er auch viele T\u00fcren f\u00fcr private T\u00e4tigkeiten. Das Eintreiben von Steuern beispielsweise wurde wieder in die direkte staatliche Verwaltung integriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war das Ende der ersten grossen Unternehmen. Danach gab es kurze Auftritte von Corpo. Die Z\u00fcnfte der mittelalterlichen Gesellschaften waren etwas mehr als reine Berufsverb\u00e4nde, aber keine wirklichen Unternehmen. Auch die Hanse, die italienischen Bankh\u00e4user und die Stadtstaaten waren bedeutend, erreichten aber nie ganz die Bedeutung der r\u00f6mischen publicani. Sie waren kleiner, meist lokal und b\u00fcndelten kein breit gestreutes Kapital f\u00fcr eine fortlaufende unternehmerische T\u00e4tigkeit. Einige von ihnen &#8211; etwa die italienischen Banken &#8211; waren in ihrer Struktur durchaus komplex, aber in ihrer Gr\u00f6sse mit den publicani nicht vergleichbar. Der Grund war ziemlich einfach. Es wurde nicht gebraucht. Europa war nach Rom wieder in kleinere Regionen zerfallen, deren Bedeutung weit hinter jener Roms zur\u00fcckblieb. Diese r\u00f6mische Erfindung schlummerte deshalb ungef\u00e4hr 1&#8217;400 Jahre, bis die Staaten wieder gen\u00fcgend Gr\u00f6sse erlangt hatten. Aber nicht nur die Staaten waren gr\u00f6sser geworden. Auch die Welt war es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1492 \u00fcberquerte Columbus den Atlantik, und vielleicht noch wichtiger: Vasco da Gama erreichte 1498 Indien, indem er Afrika umsegelte. Die Geburt des Ozeanhandels. Der S\u00fcden Europas verf\u00fcgte \u00fcber viel Erfahrung im Seehandel. Handelsrouten im Mittelmeer gab es bereits lange vor dem antiken Rom. Aber der Ozeanhandel war ein anderes Kaliber. Reisen dauerten Jahre statt Wochen. Das Kapital &#8211; f\u00fcr Schiffe und Handelsg\u00fcter &#8211; war w\u00e4hrend dieser ganzen Zeit gebunden. Die ersten Reisen wurden tats\u00e4chlich von den s\u00fcdeurop\u00e4ischen Monarchien Spanien und Portugal finanziert, aber wir wissen, wie das ausging. Es brauchte ein weiteres Jahrhundert und zwei n\u00f6rdliche Grossm\u00e4chte, um Strukturen zu schaffen, die f\u00fcr solche Unternehmungen besser geeignet waren. 1600 wurde die English East India Company gegr\u00fcndet, 1602 die Dutch East India Company. Die ersten Charter Companies.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide waren mit ihrem Unternehmen ausserordentlich erfolgreich. Die English East India Company hatte zu Spitzenzeiten mehr als 100&#8217;000 Besch\u00e4ftigte, und darin sind die mehr als 200&#8217;000 Soldaten in ihren Diensten noch nicht enthalten. Ach ja, und sie besetzte im Grunde den gesamten indischen Subkontinent. Die Dutch East India Company war wirtschaftlich sogar noch beeindruckender. Sie schickte beinahe 5&#8217;000 Schiffe nach Asien und brachte mehr als 2.5 Millionen Tonnen Waren zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es waren richtige Unternehmen. Sie hatten eine Vielzahl von Eigent\u00fcmern, eine eigene Rechtspers\u00f6nlichkeit und operierten getrennt von dem Staat, aus dem sie hervorgegangen waren. Obwohl sie wirtschaftlich getrennt waren, gew\u00e4hrten ihnen ihre jeweiligen Staaten ein Monopol und quasi-souver\u00e4ne Macht &#8211; etwa das Recht, Kriege zu f\u00fchren und M\u00fcnzen zu pr\u00e4gen. Im Gegenzug mussten sie einen in ihren Charters festgeschriebenen \u00f6ffentlichen Zweck erf\u00fcllen: den Handel und die Pr\u00e4senz ihrer Nation auszuweiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bereits erw\u00e4hnt, war die English East India Company im Grunde eine privat gegr\u00fcndete Besatzungsmacht. Und auch die niederl\u00e4ndische Version war nicht unschuldig. Sie setzte ihr Handelsmonopol auf den verschiedenen Gew\u00fcrzinseln mit Gewalt durch. Und dies waren nur die zwei bekanntesten Beispiele f\u00fcr Charter Companies. Es gab viele weitere, und sie alle lagen vollst\u00e4ndig in den H\u00e4nden von Shareholdern. Eine davon war die South Sea Company. Sie hatte Handelsprivilegien f\u00fcr das spanische S\u00fcdamerika erhalten und daf\u00fcr einen Teil der britischen Staatsschulden \u00fcbernommen. Diese Gesch\u00e4ftsm\u00f6glichkeiten waren allerdings ziemlich beschr\u00e4nkt, weil Grossbritannien diese Gebiete gar nicht kontrollierte. Doch obwohl das Unternehmen mit einem gewaltigen Minus in den B\u00fcchern und einem schlechten Business Plan startete, waren die Erwartungen des Marktes enorm. 1720 begannen die Aktien bei \u00a3100 und stiegen auf \u00a31&#8217;000. Dann brach das Vertrauen schnell wieder zusammen und Tausende Investoren wurden ruiniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend es in Rom faule \u00c4pfel gegeben hatte, die ein System ausnutzten, waren diese neueren Unternehmen darauf angelegt, auszubeuten &#8211; entweder durch die ihnen verliehene \u00fcberm\u00e4ssige Macht oder durch die ersten Formen der Finanzspekulation. Im Fall der Finanzspekulation erkannte der Staat die Gefahr und reagierte mit einem Verbot. Grossbritannien verabschiedete den Bubble Act und verbot damit f\u00fcr die n\u00e4chsten hundert Jahre neue Joint-Stock Companies ohne Royal Charter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber ein vollst\u00e4ndiges Verbot konnte nicht halten. Der Bedarf an privaten Unternehmen verschwand nicht. Im Gegenteil, die industrielle Revolution verlangte noch st\u00e4rker danach. Die Maschinen, die Fabriken, die Infrastruktur \u2014 der Kapitalbedarf in dieser Gr\u00f6ssenordnung machte die Rechtsform der einfachen Partnerschaft wirklich unzureichend. In den 1850er-Jahren waren neue Gesetze n\u00f6tig. Auftritt der Limited Liability Acts in Grossbritannien und \u00e4hnlicher Gesetze der einzelnen Bundesstaaten in den USA. Der entscheidende Dreh bestand darin, dass jeder ein Unternehmen gr\u00fcnden konnte und, noch wichtiger, erstmals kein \u00f6ffentlicher Zweck mehr verlangt wurde \u2014 ausser Geld zu verdienen, nat\u00fcrlich. Niemand stimmte dar\u00fcber ab, den \u00f6ffentlichen Zweck aufzugeben. Er h\u00f6rte einfach auf, eine Voraussetzung zu sein, sobald jeder durch das Einreichen einiger Unterlagen ein Unternehmen gr\u00fcnden konnte. Die publicani existierten nur aufgrund staatlicher Vertr\u00e4ge. Die Charter Company musste sich gegen\u00fcber dem Staat rechtfertigen. Das frei gegr\u00fcndete Unternehmen musste sich gegen\u00fcber niemandem rechtfertigen. Und das verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Allein in Grossbritannien wurden bis 1866 fast 5&#8217;000 Unternehmen mit Limited Liability gegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein grosses Gesch\u00e4ft dieser Zeit waren die Eisenbahnen, mit grossen Unternehmen wie der London and North Western Railway und ihren rund 20&#8217;000 Besch\u00e4ftigten. Damit entstand auch ein neuer Beruf: der Manager. G\u00fcter zu bewegen, ohne dass die Z\u00fcge zusammenstiessen, verlangte Koordination, Aufsicht und Administration in einem bis dahin unbekannten Ausmass. Aber woher sollte man Leute nehmen, die eine Ahnung von Command-and-Control-Aktivit\u00e4ten hatten? Nun, man holte sie aus der Armee &#8211; pensionierte Offiziere. Bis 1850 hatten Eisenbahngesellschaften 50 bis 60 Manager angestellt, Hunderte weitere sollten folgen. Falls du dich also jemals gefragt hast, woher das stammt, was McGregor sp\u00e4ter Theory X Management nennen sollte: Hier ist deine Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese neuen Unternehmen waren weitgehend frei von staatlicher Kontrolle. Sie hatten auch keinen \u00f6ffentlichen Zweck. Sie entwickelten sich einfach aus sich selbst heraus und wuchsen nat\u00fcrlich. Nehmen wir Standard Oil in den USA als Beispiel. In seiner ersten Form wurde das Unternehmen 1870 gegr\u00fcndet und kontrollierte nur zehn Jahre sp\u00e4ter ungef\u00e4hr 95 Prozent der amerikanischen \u00d6lraffination. Danach wurde es als Trust organisiert und koordinierte 40 Unternehmen mit einem Wert von 70 Millionen Dollar. John D. Rockefeller &#8211; der Haupteigent\u00fcmer von Standard Oil &#8211; hatte bis 1913 ein Verm\u00f6gen von 900 Millionen Dollar angeh\u00e4uft. Ein einzelner Mann besass damit ungef\u00e4hr 2,3 Prozent des amerikanischen BIP. Free Incorporations machte Standard Oil nicht dominant. Aber sie erlaubte Unternehmen zu wachsen, ohne beweisen zu m\u00fcssen, dass sie einem \u00f6ffentlichen Zweck dienten. Schwache Regulierung und die wirtschaftlichen Besonderheiten des \u00d6lgesch\u00e4fts erledigten den Rest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Regierung musste reagieren. Zuerst tat sie das 1890 mit einem Gesetz, dem Sherman Antitrust Act, und danach mit dem sogenannten Trust-busting unter zwei amerikanischen Pr\u00e4sidenten: Roosevelt und Taft. In seiner ersten Botschaft an den Kongress beschrieb Roosevelt 1901 die Lage deutlich: \u00abThey are indispensable instruments of our modern civilization; but I believe that they should be so supervised and so regulated that they shall act for the interests of the community as a whole.\u00bb Immer mehr Menschen erkannten, weshalb diese neuen Unternehmen f\u00fcr die Gesellschaft ein Problem darstellten. Und wieder fand Roosevelt 1902 die richtigen Worte: \u00abWe have a great, powerful, artificial creation which has no creator to which it is responsible.\u00bb Das Recht hatte eine k\u00fcnstliche, eine juristische Person geschaffen, aber sie hatte keine Seele. Standard Oil wurde schliesslich 1911 von den Gerichten in 34 einzelne Unternehmen aufgeteilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um die Jahrhundertwende interessierte sich auch die Wissenschaft st\u00e4rker f\u00fcr Unternehmens. Nicht nur, um eine Ausbildung f\u00fcr den neuen Beruf des Managers aufzubauen, sondern auch als Forschungsgegenstand. Adam Smith war 1776 ein fr\u00fcher Ausreisser gewesen, der Grossteil der Literatur entstand erst im fr\u00fchen 20. Jahrhundert. Doch nur wenige erhielten so viel praktischen Einblick wie der \u00f6sterreichische Einwanderer Peter Drucker. Nachdem er 1942 seine Gesellschaftsanalyse \u201cThe Future of Industrial Man\u201d geschrieben hatte, wurde er von GM eingeladen, das Unternehmen zu analysieren. Drucker war fasziniert von der dezentralisierten M-form des Unternehmens. Die verschiedenen Automarken &#8211; etwa Chevrolet, Pontiac und Cadillac &#8211; waren als weitgehend autonome operative Divisions organisiert, w\u00e4hrend GM lediglich eine koordinierende Kontrollfunktion aus\u00fcbte. Das l\u00f6ste das Problem, dass Top Management in grossen Organisationen keine operativen Entscheidungen treffen kann. Kleinere Divisions halten die Entscheidungsfindung auf einer tieferen Ebene, wo sie noch machbar ist. Das entsprach weitgehend dem, was Drucker f\u00fcr Unternehmen gefordert hatte, und er entwickelte die Idee in seinem Buch \u201cConcept of the Corporation\u201d weiter. Er dr\u00e4ngte GM zudem dazu, Besch\u00e4ftigte weniger als Ressource oder Kostenfaktor zu behandeln und die gesellschaftliche Aufgabe des Unternehmens ernst zu nehmen, ihnen Funktion und Status zu geben. GM setzte Druckers strukturelle Empfehlung um. Doch als es um sein menschliches und gesellschaftliches Argument ging, reagierte das Unternehmen mit einem Essay-Wettbewerb f\u00fcr Besch\u00e4ftigte: \u00abMy Job and Why I Like It.\u00bb Das zeigt die L\u00fccke zwischen einem der fortschrittlichsten Unternehmen ihrer Zeit und dem wichtigsten Management-Denker dieser Zeit. Gesellschaftliche Verantwortung war zu einem Gimmick geworden, nicht zu einem zentralen Ziel der Unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Zweiten Weltkrieg ver\u00e4nderten sich Unternehmen vor allem darin, wie sie finanziert wurden und wem sie geh\u00f6rten. Das urspr\u00fcngliche Modell, in dem Unternehmen haupts\u00e4chlich durch externe Quellen finanziert wurden, begann sich in Richtung interner Finanzierung zu verschieben: Zwei Drittel des Kapitals, das Nichtfinanzunternehmen zwischen 1945 und 1970 aufnahmen, stammten aus internen Quellen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Shareholder in den USA von 6 Millionen im Jahr 1952 auf 25 Millionen im Jahr 1965. Der alte kleine Club von Eigent\u00fcmern wurde allm\u00e4hlich durch eine grosse, mehrheitlich passive Bev\u00f6lkerung von Eigent\u00fcmern ersetzt. Das Top Management konnte langfristig investieren, ohne die Zustimmung der Shareholder zu ben\u00f6tigen. Diese Finanzarchitektur liess Druckers Vision der Unternehmen als gesellschaftlicher Institution f\u00fcr kurze Zeit realistisch erscheinen. Und es gab Anzeichen daf\u00fcr: die Besch\u00e4ftigungsgarantie von P&amp;G, die staatsb\u00fcrgerliche Bildung bei Heinz. Aber es bestand auch die Gefahr des alten Sprichworts: \u00abEverybody&#8217;s business is nobody&#8217;s business.\u00bb Weit gestreuter Aktienbesitz drohte, das Unternehmen aller in die Verantwortung von niemandem zu verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch in den 1970er-Jahren geschah etwas anderes, das sich in den 1980ern dramatisch beschleunigte. Die geduldige interne Finanzierung wurde zunehmend durch den externen Druck der Shareholder ersetzt, Renditen zu sehen. Wir treten in die Zeit der Hostile Takeovers und Leveraged Buyouts ein. Das goldene Zeitalter der grossen alten Unternehmen wurde zerlegt &#8211; und damit auch die Stabilit\u00e4t und dem, wenn auch immer begrenzten, gesellschaftlichen Zweck, den Unternehmens sich selbst gegeben hatten. 1993 hatte Manpower &#8211; eine Tempor\u00e4rarbeitsagentur &#8211; GM als gr\u00f6ssten Arbeitgeber der USA abgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben Druckers fr\u00fcher Gesellschaftstheorie gab es weitere Stimmen, welche das Unternehmen kritisch betrachteten. 1932 schrieben Adolf Berle und Gardiner Means \u201cThe Modern Corporation and Private Property\u201d, um auf einige systemische Schwachstellen hinzuweisen. Sie erkannten: Wenn du das Verm\u00f6gen vieler Menschen konzentrierst, muss die Kontrolle \u00fcber dieses Verm\u00f6gen einer einheitlichen Leitung \u00fcbertragen werden. Jemand muss die Verantwortung f\u00fcr das Unternehmen \u00fcbernehmen. Dieser Jemand ist nicht mehr der Eigent\u00fcmer des Verm\u00f6gens. Es ist das, was sp\u00e4ter als Top Management bezeichnet wurde. Daraus entstehen zwei Fragen. Erstens: Welche motivierende Kraft treibt die Person &#8211; oder die Personen &#8211; an, die das Sagen haben? Es ist nicht ihr Geld, das auf dem Spiel steht. Zweitens: Wie wird der Wohlstand, genauer gesagt der Gewinn, verteilt? Die Person an der Spitze erledigt die Arbeit, aber das Geld geh\u00f6rt dem Verm\u00f6genseigent\u00fcmer. Daraus ergibt sich eine merkw\u00fcrdige Symmetrie zwischen dem Eigent\u00fcmer &#8211; oder besser dem Investor &#8211; und dem Arbeiter. Beide werden zu Lohnempf\u00e4ngern. Der Arbeiter f\u00fcr die Arbeit und der Investor f\u00fcr das Kapital. Beide sind nur Ressourcen im Prozess des Unternehmens. Keiner der beiden besitzt oder kontrolliert wirklich etwas. Der Manager befindet sich irgendwo in der Mitte &#8211; in diesem Fall nicht im Middle Management, sondern zwischen Kapital und Arbeit. Aber wer kann ihn eigentlich als die verantwortliche Person benennen? Seine Legitimit\u00e4t ist unklar. Wird das alte Sprichwort also tats\u00e4chlich wahr: Everybody&#8217;s business ist wirklich nobody&#8217;s business? Und wie bereits bei GM erw\u00e4hnt, stand in den 1930er-Jahren viel auf dem Spiel. AT&amp;T ist ein weiteres Beispiel. 1930 war sein Verm\u00f6gen gr\u00f6sser als jenes von 20 amerikanischen Bundesstaaten, aber das Unternehmen \u00abgeh\u00f6rte\u00bb 10 Millionen Shareholdern. 10 Millionen Menschen besitzen nicht gemeinsam eine Sache. Das w\u00e4re Chaos. Hast du schon einmal versucht, gemeinsam mit jemand anderem ein Auto zu besitzen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berle und Means versuchten, das Problem aus verschiedenen Richtungen zu l\u00f6sen. Nach der traditionellen Logik des Eigentums m\u00fcsste die Kontrolle beim Eigent\u00fcmer oder Investor bleiben. Das w\u00fcrde aber bedeuten, dass das Management keine Kontrolle hat und deshalb handlungsunf\u00e4hig ist. Das Management kann diese Logik auch nicht einfach verneinen, weil es sie urspr\u00fcnglich benutzt hat, um Kapital von Investoren zu erhalten. Gib mir Geld, dann geh\u00f6rt dir ein Teil unseres grossartigen Gummib\u00e4rchen-Unternehmens!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der traditionellen Logik des Gewinns ergeht es nicht viel besser. Sie besagt, dass der Gewinn den Aufwand belohnen sollte, der in ein Unternehmen gesteckt wurde. Das w\u00fcrde bedeuten, dass der Gewinn der Kontrolle folgen m\u00fcsste. Wenn das Management die kontrollierende Kraft ist, m\u00fcsste es den ganzen Gewinn erhalten und nicht der passive Eigent\u00fcmer. Offensichtlich ist auch das keine befriedigende L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit waren die traditionellen Konzepte nicht mehr brauchbar. Es hatte eine Trennung zwischen aktivem Eigentum &#8211; dem tats\u00e4chlichen Unternehmen &#8211; und passivem Eigentum &#8211; den Aktien &#8211; stattgefunden. Und weil der Gewinn nicht die Motivation des Managements sein konnte, musste diese neu definiert werden: als Kombination aus Lohn, Prestige, Macht und Empire-building. Das machte den neuen Top Executive eher zu einer Figur wie Alexander dem Grossen. Nun, das l\u00f6ste die Frage, wer die Kontrolle haben sollte, auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berle und Means sahen drei m\u00f6gliche Antworten. Erstens: den Shareholdern mehr Kontrolle geben. Berle und Means betrachteten dies jedoch nur als vorl\u00e4ufige Absicherung dagegen, dass sich das Management am Verm\u00f6gen der Investoren bediente, nicht als Antwort auf die Frage, wozu das Unternehmen eigentlich da ist. Zweitens: dem Management unbeschr\u00e4nkte Kontrolle \u00fcber die Unternehmen geben. Nun, damit k\u00f6nnten sie mit dem Geld anderer Leute verheerenden Schaden anrichten. Die dritte M\u00f6glichkeit bestand darin, Corporate Power als Gemeinschaft oder Public Trust zu verstehen. Weder Shareholder noch Management k\u00f6nnen das Unternehmen ausschliesslich f\u00fcr sich beanspruchen. Unternehmen sind ausserdem l\u00e4ngst \u00fcber diese beiden Parteien hinausgewachsen, weil sie Arbeiter, Konsumenten und Gemeinschaften betreffen. Diese Macht muss deshalb auf breitere gesellschaftliche ebenso wie auf finanzielle Interessen ausgerichtet werden. So entsteht ein kompliziertes Konstrukt, das verschiedene Interessen gegeneinander abw\u00e4gen muss. Es wird tats\u00e4chlich dem Staat \u00e4hnlicher, der unterschiedliche Stakeholder und Verantwortlichkeiten ausbalanciert. Das ist keine einfache Aufgabe und war es auch nie. Stattdessen erkl\u00e4rte Mitte der 1970er-Jahre ein \u00d6konom namens Milton Friedman einfach die erste M\u00f6glichkeit &#8211; die vorl\u00e4ufige Absicherung &#8211; zur richtigen und einzig m\u00f6glichen Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weshalb das Privileg des Kapitals nie wirklich neu ausgehandelt wurde, braucht eine Erkl\u00e4rung. Und genau das war mein Einstieg in diese Diskussion &#8211; weil diese Erkl\u00e4rung von einer Rechtswissenschaftlerin stammt. Katharina Pistor ver\u00f6ffentlichte 2019 ihre Analyse \u201cThe Code of Capital: How the Law Creates Wealth and Inequality\u201d, und f\u00fcr Menschen ohne juristischen Hintergrund d\u00fcrfte sie ziemlich erhellend sein. Das Kapital herrscht n\u00e4mlich aufgrund des Rechts. Wir sehen die Auswirkungen davon in Wirtschaftskrisen: bei der amerikanischen Bankenrettung 2008\/09, als der Staat Banken rettete, deren rechtliche Architektur Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert hatte, w\u00e4hrend der Covid-19-Krise, w\u00e4hrend der Grossen Depression und immer wieder. Aber wir sehen es auch weiter zur\u00fcck in der Geschichte, als der Staat feudalen Status oder koloniale Rassenhierarchien verlieh, die einen direkten Einfluss auf Eigentum hatten. Max Weber erkannte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass die feudale Gesellschaft verschiedenen Gruppen Privilegien verliehen hatte. Der moderne Kapitalismus ersetzte diese durch Gesetze, die eigentlich f\u00fcr alle gleich sein sollten. Doch Unternehmen lernten schnell, immer komplexere Gesetze zu nutzen, um sich neue Vorteile zu verschaffen &#8211; alles unter dem Motto der Effizienz und der Behauptung, was gut f\u00fcr die Wirtschaft sei, sei gut f\u00fcr alle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pistor stellte jedoch fest, dass Verm\u00f6genseigent\u00fcmer nicht den Rechtsstaat wollten. Sie wollten lediglich rechtlichen Schutz f\u00fcr sich selbst. Das f\u00fchrt zu absurden Situationen. Nimm englische Landbesitzer im 17. und 18. Jahrhundert. Sie k\u00e4mpften darum, dass ihre Landtitel rechtlich anerkannt wurden, und nahmen danach Schulden darauf auf. Doch als die Gl\u00e4ubiger die Hypotheken vollstreckten, schrien sie Zeter und Mordio. Sie liessen ihre Anw\u00e4lte Trusts errichten, um ihr Verm\u00f6gen vor den Gl\u00e4ubigern zu sch\u00fctzen. Die Gerichte verteidigten diesen Schutzschild, und die Gl\u00e4ubiger verloren ihr Geld und ihre Eigentumsrechte. Grosse Gl\u00e4ubiger lernten sp\u00e4ter dasselbe Spiel und k\u00e4mpften f\u00fcr ein Konkursrecht, das ihre Anspr\u00fcche vor jene von Besch\u00e4ftigten und Kunden stellte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der wirklich lustige Teil &#8211; zumindest f\u00fcr juristisch Denkende &#8211; besteht jedoch darin, dass all diese kapitalistischen Spiele das Recht ben\u00f6tigen, um Eigentum \u00fcberhaupt erst zu schaffen. Etwas zu besitzen und daran Eigentum zu haben, ist n\u00e4mlich nicht dasselbe. Besitz ist mehr oder weniger eine tats\u00e4chliche Angelegenheit. Ich halte einen Apfel in der Hand, also besitze ich ihn. Nun k\u00f6nnte der Apfel von meinem Apfelbaum stammen, oder ich k\u00f6nnte ihn im Supermarkt gekauft haben. Dann geh\u00f6rt er mir auch. Aber was, wenn ich ihn vom Apfelbaum eines anderen gepfl\u00fcckt habe? Ich besitze ihn noch immer, aber er geh\u00f6rt mir nicht. Eigentum bedeutet, das Recht an etwas zu haben. Und Rechte werden &#8211; zumindest in modernen Staaten &#8211; durch das Gesetz verliehen. Ohne Recht g\u00e4be es also kein Eigentum. Aber weshalb gibt es dann all diese merkw\u00fcrdigen Business-Schweinereien? Weshalb kann das Recht all das nicht besser regulieren? Das Problem besteht darin, dass Recht zwangsl\u00e4ufig verallgemeinert. Es versucht, alle T\u00e4tigkeiten zu erfassen, nicht einige wenige im Detail. Und es ist immer unvollst\u00e4ndig, weil es nicht jeden zuk\u00fcnftigen Fall vorhersehen kann. Deshalb besteht immer die M\u00f6glichkeit, es auszunutzen, bevor das System die L\u00fccke schliessen kann. Was die Sache noch seltsamer macht: Der rechtliche Schutz, den das Kapital geniesst, wird nie als Subvention bezeichnet, Sozialleistungen dagegen immer. \u00abEs ist legal\u00bb beendet die Diskussion, bevor jemand fragen kann, wessen Interessen das Gesetz eigentlich dient. Die Ausnutzung des Rechts ist noch absurder, weil sie sich gegen ein System richtet, das \u00fcberhaupt erforderlich ist, um Verm\u00f6gen zu schaffen. Oder wie Pistor sagt: \u00abRecht ist der Stoff, aus dem das Kapital geschneidert ist.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unternehmens sind eine interessante Sache, weil sie k\u00fcnstliche Gebilde sind, aber gleichzeitig so viele n\u00fctzliche T\u00e4tigkeiten enthalten, ohne die eine moderne Gesellschaft nicht m\u00f6glich w\u00e4re. Doch wie bei allem, was definiert werden muss, wird dabei vieles vergessen. Der Sozialwissenschaftler und Systems Thinker Gregory Bateson erkl\u00e4rte, was der Semantiker Alfred Korzybski meinte, als er sagte: \u00abDie Karte ist nicht das Territorium.\u00bb Die Wirklichkeit wird nicht auf das Papier gezeichnet. Auf der Karte erscheinen nur die Unterschiede &#8211; der See, der Berg, der Weg. G\u00e4be es an einem St\u00fcck Land nichts Besonderes, w\u00fcrdest du auf einer Karte nur seine Grenzen sehen. Dasselbe gilt f\u00fcr Unternehmens. Eingezeichnet wurden nur die Besonderheiten: Eigentum, Haftung und Vertragsbeziehungen. Das ist es, was codiert wurde. Alles Gleichf\u00f6rmige &#8211; die Arbeit, die Gemeinschaften, die Auswirkungen auf das \u00d6kosystem &#8211; erschien nicht. Wir haben deshalb nur ein fragmentiertes Bild davon, was Unternehmens sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drucker bezeichnete sie als die erste autonome Institution, ein Machtzentrum innerhalb der Gesellschaft und doch unabh\u00e4ngig vom Nationalstaat. Ein unverzichtbares Instrument, wie Roosevelt es beschrieb. Oder wie es die Economist-Autoren Micklethwait und Wooldridge formulierten: \u00abcollectively indispensable, yet individually unpredictable.\u00bb Viele Fragen wurden nie gel\u00f6st. Doch das macht das Unternehmen nicht zu etwas, das wir aufgeben sollten, sondern zu etwas, an dem wir arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke, es gibt mehr zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist das Unternehmen eine fehlerhafte Notwendigkeit oder eine Alpha version von etwas wirklich Grossartigem? <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/posts\/markus-stettler-90871977_corporate-businesshistory-management-share-7482631971853127680-D_qd\/?utm_source=share&amp;utm_medium=member_desktop&amp;rcm=ACoAABBNVtgBjgq3Sbwd7HUqq-IfX1ialcL0RRg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LinkedIn<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute B\u00fccher:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Badian, E. Publicans and Sinners: Private Enterprise in the Service of the Roman Republic. Cornell University Press, 1972. (Available on Internet Archive.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Micklethwait, John and Wooldridge, Adrian. The Company: A Short History of a Revolutionary Idea. Modern Library, 2003.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berle, Adolf and Means, Gardiner. The Modern Corporation and Private Property. Macmillan, 1932 (revised edition 1967). Book I, Chapter 1 and Book IV, Chapters I and II only.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bateson, Gregory. &#8220;Form, Substance and Difference.&#8221; 1970 Korzybski Memorial Lecture. In Steps to an Ecology of Mind. Chandler, 1972.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drucker, Peter F. The Future of Industrial Man. John Day, 1942.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drucker, Peter F. Concept of the Corporation. John Day, 1946.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pistor, Katharina. The Code of Capital: How the Law Creates Wealth and Inequality. Princeton University Press, 2019. Last chapter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Roosevelt, Theodore. First Annual Message to Congress, December 3, 1901.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bekomme jedes Mal Kopfschmerzen, wenn ich den Tempel betrete und das Geschnatter auf meine Sinne trifft. Wie eine Party mit zu vielen Leuten und zu wenig Musik. Ich weiss, sie haben die Stadt vor diesen weintrinkenden, zigarettenrauchenden Existenzialisten gerettet. Sie \u2014 die G\u00e4nse \u2014 haben die Stadt geweckt. 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