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  • Der gute Manager

    Der gute Manager

    Oder

    Wie man einer wird

    Du willst also ein guter Manager werden und hast aufgehört zu scrollen. Gut. Ich sage dir, wie, aber du musst den ganzen Essay lesen. Versprochen? Ich weiss, es sind 4’500 Wörter, aber ein bisschen Einsatz muss sein. Und das ist erst der erste Schritt. Aber Lesen ist ein wichtiger. So wie damals, als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal etwas von J. Richard Hackman las – bei meinem ersten Versuch, ein Team zu führen. Ich hatte den Typen komplett vergessen, bis ich ihn kürzlich wieder gelesen habe, aber seine Lektionen sind mir all die Jahre geblieben. Er war ein brillanter Sozial- und Organisationspsychologe, der in Harvard arbeitete. Leider ist er inzwischen gestorben, aber sein Buch «Leading Teams» ist noch sehr lebendig.

    Nur damit das klar ist: Ich halte mich nicht für ein gutes Beispiel eines guten Managers – übrigens kann jeder ein guter Manager sein; man kann es lernen. Der Grund ist, dass ich nur knapp in die Definition dessen passe, was ich hier unter einem Manager verstehe. Der Manager – nennen wir ihn Tom – in diesem Essay ist derjenige, der die Autorität hat, die Bedingungen zu gestalten: einer von den Leuten ganz oben oder der Leiter eines Teils des Ganzen mit echtem Handlungsspielraum. Der Manager ohne diesen Spielraum kommt im nächsten Essay dran – Spoiler: Er wird Managing out of the Middle heissen. Ich selbst habe immer eher in diese zweite Kategorie gepasst, aber wenn du im selben Boot sitzt, verzweifle nicht; auch wir haben Möglichkeiten. Du wirst sehen.

    Um ein noch klareres Bild davon zu bekommen, was ein Manager ist, müssen wir uns Hackmans authority matrix ansehen. Es gibt vier Funktionen, wenn Teams und Manager zusammenarbeiten: (1) die Teamaufgabe ausführen, (2) Prozess und Fortschritt überwachen und steuern, (3) das Team und seine Organisation gestalten und (4) die übergeordnete Richtung vorgeben. Wenn du dir nun anschaust, wie viele dieser Funktionen Tom selbst übernimmt, weisst du, was für eine Art Manager er ist beziehungsweise was für eine Art Team er hat. Wenn er alles ausser der eigentlichen Arbeit übernimmt, hat er ein manager-led Team – das ist übrigens noch kein Micromanagement, das wäre noch schlimmer. Wenn er Ausführung und Überwachung dem Team überlässt, aber Gestaltung und Richtungsvorgabe selbst übernimmt, wird sein Team self-managing. Wenn das Team auch die Gestaltung übernimmt, wird es zu einem self-designing Team. Das könnte so weitergehen, bis Tom gar nichts mehr tun müsste und das Team self-governing wird. Beispiele dafür haben wir in früheren Essays gesehen, aber sie sind selten. Einige der von Ostrom beschriebenen Gemeinschaften funktionieren so, oder Laloux’ selbstorganisierende Unternehmen aus dem letzten Essay.

    In diesem Essay schauen wir uns die interessantesten und fruchtbarsten Formen von Managern und Teams an. Aber zuerst, damit du siehst, wie unterschiedlich die Autoren in diesem Essay sind: Sie haben verschiedene Ansichten über Hierarchie und Organisationsstruktur. Wir werden von Elliott Jaques und seinem «In Praise of Hierarchy» hören – der Titel des Papers entspricht ziemlich genau seiner These, aber ich beziehe mich nur bei einigen spezifischen Punkten auf ihn, nicht bei seiner allgemeinen These. Auf der anderen Seite steht Isaac Getz, ein Wirtschaftsprofessor und starker Verfechter dessen, was er «Liberating Leadership» nennt, womit er meint, dass Führung Organisationen, Teams und Mitarbeitende von den Fesseln der Hierarchie befreien muss. Und Frédéric Laloux kennen wir bereits für seine Untersuchung von Beispielen selbstorganisierender Unternehmen. Hackman liegt irgendwo dazwischen und analysiert vorsichtig verschiedene Formen. Er steht Organisationen, die zu frei oder zu selbstorganisiert sind, sehr kritisch gegenüber, sieht aber gleichzeitig das Problem von zu viel Hierarchie und Bürokratie. Karl E. Weick, ein Organisationspsychologe, liegt mit seiner Analyse lose gekoppelter Systeme ebenfalls irgendwo dazwischen. Der Sammler von Studien und Zahlen ist Rensis Likert, ein Sozialpsychologe, mit seinem Buch «New Patterns of Management» von 1961. Er wird uns mit zahlreichen Studien versorgen, die das stützen, was er participative management nennt. Und um die Besetzung komplett zu machen: Mary Parker Follett liefert uns einige der theoretischen Konzepte, die wir brauchen.

    Aber warum diese ganze Diskussion? Zuerst verweise ich auf meinen Essay «Josef KPI», in dem wir gesehen haben, dass der Manager ein chaotischer, überlasteter, unfertiger Beruf ist. Er ist noch immer stark damit beschäftigt, eine erwachsene Version eines Berufs zu werden, also müssen wir darüber reden.

    Normalerweise – und zu Recht – schauen wir auf Zweck oder Richtung, wenn wir in Organisationen Orientierung suchen, aber ein Zweck kann auf viele verschiedene Arten in Arbeit umgesetzt werden. Jemand kann dir sagen, was du tun sollst – hierarchisch –, du kannst es selbst tun – self-managed – oder in einem Team – kooperativ. Was immer stimmt: Organisationen selbst tun nichts; sie entscheiden nicht und setzen sich nicht selbst einen Zweck. Das tun immer Menschen. Das bedeutet auch, dass Struktur enorm wichtig ist, denn die Gestaltung einer Organisation bestimmt, wer wie am Handeln, Entscheiden und Setzen des Zwecks beteiligt ist. Der Manager spielt dann eine wesentliche Rolle dabei, diese Struktur zu kontrollieren oder zu ermöglichen – je nachdem, wie diese Struktur tatsächlich aussieht.

    Ein weiteres Problem ist, dass dieses Kontrollieren oft fälschlicherweise als letztgültige Autorität über alles verstanden wird, obwohl Follett uns bereits gezeigt hat, dass es das nicht ist. Entscheidungen des Managements beruhen auf den Menschen darunter – darauf, wer das Problem definiert, die Daten ausgewählt, die Optionen gerahmt und das Dashboard kontrolliert hat. Ganz oben wird eine Version der Realität genehmigt, die andere gebaut haben.

    Das bedeutet nicht, dass Autorität eine Illusion ist. Sie existiert und wird in Organisationen gebraucht. Sie folgt nur eher Funktion und Wissen als Rang. Das ist, was Follett functional authority nennt. Die ehrlichere Version lautet: Der Manager entscheidet nicht einfach, sondern findet heraus, wessen Wissen in einer bestimmten Situation Autorität besitzt.

    Wir müssen Management auch deshalb neu denken, weil Likert uns zeigen kann, dass Vorgesetzte häufig falsch einschätzen, was die Menschen unter ihnen antreibt – Geld und leichte Arbeit werden meist überschätzt, interessante Arbeit und gute Beziehungen zu Kollegen unterschätzt. Gleichzeitig überschätzen Manager häufig ihre eigenen Praktiken – Lob und Anerkennung oder ihre Fähigkeit zuzuhören.

    Und es gibt viele Gründe, klassische Command-and-Control-Managementtheorien anzuzweifeln. Mein Hauptpunkt ist das, was ich die 1’000 Gehirne gegen 10 nenne. Wenn du für irgendeine Aufgabe nur deine zehn obersten Manager nehmen würdest, müssten sie hundertmal besser sein als tausend Mitarbeitende, um deren Ideen, Wissen und ganz allgemeine intellektuelle Fähigkeiten aufzuwiegen. Selbst die Auswahl und Filterung all der Ideen von tausend Menschen wird besser von Leuten gemacht, die nahe an der Sache sind, als von dem 1 % ganz oben. Das ist nur meine eigene Ansicht, aber die Mathematik stimmt.

    Ein weiterer Punkt, den wir im letzten Essay besprochen haben, ist die Verfügbarkeit von Informationen. Der Manager hat normalerweise die vollständige Liste, das Budget und den Plan. Jaques verbindet das mit der grösseren geistigen Kapazität der Menschen, die Manager werden. Diese Behauptung vermischt natürlich zwei Dinge, denn solange alle Informationen oben bleiben, kannst du nicht sagen, ob es um Kapazität geht oder darum, tatsächlich Zugang zu diesen Informationen zu haben.

    Problematisch an hierarchischen Managern ist auch, dass sie systematisch überlastet werden. Schau, in vertikalen Strukturen läuft das meiste – Informationen, Entscheidungen usw. – über die Spitze, was wiederum zusätzliche Ebenen in der Organisation rechtfertigt, um eine Arbeitslast zu verteilen, die hauptsächlich durch die Struktur selbst geschaffen wurde. Du brauchst keinen zusätzlichen Unterchef; du brauchst einfach Leute, die direkt miteinander reden.

    Und was wir definitiv klären müssen, ist, was Koordination bedeutet: die hub-vs.-builder-Frage. Unser Manager Tom kann jede Aufgabe an seine Teammitglieder verteilen. Dann ist er ein hub, und er ist im Grunde das Einzige, was die Gruppe gemeinsam hat – Hackman zum Beispiel nennt das eine co-acting group. Aber das ist doch nicht wirklich ein Team, oder? Es ist einfach ein Haufen Leute mit demselben Chef. Ein builder bildet eine Gruppe, die sich selbst koordinieren kann. Für Hackman ist das echte Teamarbeit. Follett beschreibt das als Koordination durch das Schaffen direkter Beziehungen.

    Wichtiger ist die Frage nach accountability und Verantwortung. Jaques hat hier einen Punkt: Klare individuelle accountability ist nötig, was eine klare hierarchische Struktur und eine klare Managerrolle bedeutet. Er trifft die Entscheidungen und ist dafür accountable. Das scheint die effizienteste Art zu sein, damit umzugehen. Aber stimmt das auch, und ist es wirksam? Erinnere dich an das many hands problem von Dennis Thompson. Er sagte, dass das Verschieben der gesamten Verantwortung nach oben fälschlicherweise allen darunter die accountability nimmt, obwohl auch sie an der Entscheidung beteiligt waren, wie wir bei Follett gesehen haben. Es macht Menschen selbstgefällig, wodurch die Organisation ihren Zweck weniger wirksam erreicht. Wie Thompson argumentiert, muss Verantwortung Person für Person und graduell zurückverfolgt werden. Meine Arbeitsregel lautet also ungefähr: Jeder steht für das ein, was er vernünftigerweise wissen und beeinflussen konnte – nicht mehr und nicht weniger. Und das widerspricht nicht unserer Überzeugung, dass niemand in einer Organisation ohne Verantwortung ist. Auch nicht der Frontliner, der Arbeiter, das Reinigungspersonal – Pech gehabt. Also hat auch ein Strassenkehrer eine gewisse accountability, die über das Beseitigen von Schmutz hinausgeht. Wenn sie oder er zum Beispiel eine gefährlich grosse Zahl von Schlaglöchern in der Strasse sieht, liegt es in ihrer oder seiner Verantwortung, das jemandem zu melden.

    Das bringt ein weiteres Problem auf. Was passiert, wenn das Management die Verantwortung nach unten schiebt, aber sämtliche Entscheidungsgewalt oben behält? Die allgemeine Regel gilt weiterhin, aber diese Art zu führen wird als unfair wahrgenommen, weil Verantwortung nicht durch die Organisationsstruktur definiert wird. Follett weist darauf hin, dass es funktioniert, wenn Autorität – zum Beispiel Entscheidungen treffen zu dürfen – und Verantwortung auf derselben Ebene bleiben. Für unseren Manager Tom bedeutet das, dass seine Aufgabe beinhalten sollte, das Ganze zu verstehen, angesprochene Probleme anzuhören, sie an die richtigen Leute weiterzuleiten und Menschen vor Überlastung zu schützen, indem er sie nicht für Dinge verantwortlich macht, die sie nicht beeinflussen können.

    Das bringt uns zu einem weiteren wichtigen Punkt: Würde als eigentliche Grenze und Leitprinzip dafür, wie Menschen behandelt werden sollen, um die gewünschten Ergebnisse zu erreichen. Kant sagte – erlaube mir die Paraphrase –, dass Menschen zwar Mittel sein dürfen, aber niemals bloss als Mittel behandelt werden dürfen. Menschen als Gleiche zu behandeln, erzeugt ausserdem die zusätzlichen Ideen und den zusätzlichen Einsatz, die wir wollen, also hängen die beiden Dinge zusammen.

    Zwei Dinge müssen wir noch sagen, bevor wir uns die eigentlichen Aufgaben des Managers ansehen. Erstens ist Leadership eher eine Funktion als eine Person oder Position. Hackman stellte fest, dass man nie genug Leadership haben kann, solange sie die richtigen Bedingungen schafft. Laloux wiederum hat Beispiele, die zeigen, dass Rollen selbst in sehr flachen Organisationen nicht identisch sind. Und Leaders gibt es meistens — in Variation natürlich.

    Der letzte Punkt ist, dass jahrzehntelange Forschung festgestellt hat, dass Persönlichkeitsmerkmale nur mässige Prädiktoren guter Führung sind und eher vorhersagen, wer ausgewählt wird, als wer gut führt. Management ist ein Handwerk. Die Leute starten einfach an unterschiedlichen Punkten.

    Bei den Aufgaben folgen wir grundsätzlich Hackmans Ansatz und schauen uns an, was es braucht, um ein real team, eine compelling direction, eine enabling structure, einen supportive context und Coaching zu schaffen. Und unterwegs mischen wir noch ein paar gute Sachen von anderen Leuten hinein.

    Als Erstes musst du ein real team oder mehrere real teams schaffen. Laut Hackman werden real teams durch vier Merkmale definiert: eine Teamaufgabe, bei der die Menschen für ein gemeinsames Ergebnis voneinander abhängig sind, klare Grenzen – also wer Mitglied ist und accountability teilt –, ausdrückliche Autorität über den Arbeitsprozess und eine stabile Mitgliedschaft über einen vernünftigen Zeitraum.

    Schau, wir haben bereits erwähnt, dass manche Teams lediglich co-acting groups sind, die nur den Chef gemeinsam haben. Das ist kein Team, und so nutzt Tom keine der Superkräfte eines Teams wie kombiniertes Wissen, Erfahrung und Arbeitskraft. Also muss Tom diese Gruppen zu Teams machen, indem er ihnen ein gemeinsames Ergebnis gibt. Zum Beispiel alle Kundenanfragen für einen bestimmten Bereich statt einzelner Tickets unter demselben Chef.

    Aber dabei bleibt es nicht. Noch besser als nur ein gemeinsames Ergebnis ist es, Teams um Prozesse und Kunden herum zu organisieren. Das geht ziemlich weit, denn viele Organisationen haben Teams nach Funktionen gebildet – Operations, Customer Service, Sales, Finance. Wir wissen, dass Organisationen entlang von Prozessen funktionieren; dort wird Wert geschaffen. Managementsystemstandards sagen uns das ebenfalls, aber Organigramme sind trotzdem funktional geblieben – wahrscheinlich weil historisch spezialisiertes Know-how als der entscheidende Faktor galt. Aber hey, Geschichte ist eine beschissene Ausrede für eine schlechte Struktur. Am Ende wollen wir grossartige Produkte und Dienstleistungen produzieren, nicht grossartige Fachabteilungen. In manchen Bereichen sind Spezialisten hochqualifiziert und selten. Das bedeutet, dass sie möglicherweise zwischen Teams geteilt werden müssen. Es stimmt aber auch, dass manche Unternehmen Innovation ohne viel R&D entwickelt haben, einfach indem sie Arbeitsteams dazu befähigten, Probleme innovativ zu lösen.

    Im Allgemeinen führt dieser Ansatz zu einer gewissen Anzahl paralleler Teams, was für viele einfache Produktions- oder Dienstleistungsunternehmen völlig in Ordnung ist. Laloux fand sie in vielen der Beispiele, die er untersuchte.

    Es gibt auch komplexere Formen nicht-hierarchischer Organisation, etwa ein Netz individueller Verträge: jährlich ausgehandelte Eins-zu-eins-Verträge zwischen Kollegen upstream und downstream, manche schriftlich festgehalten, andere eher informell. Dieser kontinuierliche Prozess gegenseitiger Zusagen führt zu einer sehr fluiden Organisation. Nett, aber wahrscheinlich zu viel für die meisten Organisationen.

    Nested teams sind eine weitere Möglichkeit. Wie parallele Teams sind sie weitgehend autonom, aber gleichzeitig Teil einer verschachtelten Struktur. Team A, Team B und Team C bilden also zusammen mit Person 1 und Person 2 ein grösseres Team, während sie weiterhin eigenständige Teams bleiben. So lassen sich bestimmte Spezialfunktionen in eine Teamstruktur integrieren. Dieser Ansatz wird hauptsächlich von Organisationen mit komplexeren Wertschöpfungsprozessen verwendet.

    Auf jeden Fall müssen Teams immer irgendwie miteinander verbunden sein. Likert schlägt vor, dass Teams sich über einen linking pin überschneiden sollten. Eine solche Verbindung kann der Manager sein, der Mitglied zweier Teams ist. Er führt eines und sitzt im darüberliegenden – der Gruppe der Manager.

    Wenn wir über Teams und Verbindungen sprechen, müssen wir Weicks Prinzip der losen Kopplung erwähnen, denn es zeigt uns, welche Möglichkeiten es gibt. Manager und Teams oder Teams untereinander können eng oder lose gekoppelt sein, das heisst, sie arbeiten sehr eng oder eben nur lose zusammen. Offensichtlich, oder? Und dass das ein Spektrum ist, sollte ebenfalls klar sein. Weick argumentiert, dass enge Kopplung am besten in Organisationen funktioniert, in denen Menschen gemeinsam an denselben Aktivitäten arbeiten – ein real team, wie oben beschrieben. Dieses Team ist dann lose mit anderen Teams gekoppelt. Der Grund ist, dass Aufmerksamkeit endlich ist: Du kannst nicht mit allen eng gekoppelt sein, also bedeutet enge Kopplung an einer Stelle lose Kopplung anderswo. Das gilt auch für Manager. Der Manager muss die wenigen Dinge auswählen, die er eng halten will – zum Beispiel sein eigenes Team von Teamleitern.

    Und schliesslich, nicht zu vergessen: Nicht alles ist Teamarbeit. Manche Aufgaben werden besser allein erledigt, etwa der erste Entwurf eines Romans oder eines Berichts. Aber der Manager sollte das bewusst entscheiden, damit frustrierte Teamarbeit vermieden wird, die nirgendwohin führt.

    Übrigens brauchen auch Managementteams – die grossen Jungs – eine echte gemeinsame Aufgabe und ein gemeinsames Ergebnis. Das kann – ehrlich zugegeben – auch einfach Informationsaustausch sein, was völlig okay ist, solange dieses Team und seine Aktivitäten genau dafür eingerichtet sind und niemand versucht, es mit irgendwelchem Fantasieinhalt aufzufüllen.

    Die Stabilität von Teams ist am einfachsten zu verstehen, aber oft sehr schwer zu garantieren. Teams brauchen Zeit, um sich zu bilden und gute Leistungen zu erbringen. Rotation alle zwei Jahre zerstört das. Likerts Studien weisen in dieselbe Richtung, und ich habe es selbst oft genug erlebt.

    Nach den Teams kommt ihre Richtung. Wie bei der gesamten Organisation sind es Zweck und der Weg dorthin, die Teams zusammenbringen. Nun gehen wir nicht den ganzen Zirkus mit Vision, Werten und Mission durch – meiner Meinung nach wird das sowieso überschätzt und verwirrt oft mehr, als es hilft. Was wir brauchen, ist ein Zweck, der konkret genug ist, dass Menschen danach entscheiden können. «Saving a buck» könnte für eine Billigfluggesellschaft grossartig sein und ihren Mitarbeitenden eine Leitlinie geben, aber wenn du ein Life-Science-Unternehmen bist, ist etwas wie «Für die Gesundheit der Welt» zu allgemein. Das ist ein Slogan. Er mag inspirieren, hilft aber nicht, wenn Mitarbeitende über geschäftliche Dinge entscheiden müssen. Solltest du mehrere Zwecke haben – genau wie bei Stakeholdern –, müssen sie klar priorisiert sein: grossartiger Service zuerst, günstiger Service an zweiter Stelle.

    Speziell für die Teamrichtung nennt Hackman drei Qualitäten. Die Richtung muss challenging sein, was Teams Energie gibt, aber innerhalb der Grenzen des Möglichen. Sie muss klar sein – wie gerade erklärt. Und sie muss consequential sein, was bedeutet, dass sie für Kunden, Kollegen oder die Gesellschaft eine Rolle spielt und dadurch Teams aktiviert.

    Noch wichtiger ist, was Hackman in seinem Verständnis von Autorität mit Richtung verbindet: wie Zwecke und Mittel auf Teams verteilt werden. Wenn einem Team weder Zwecke noch Mittel gegeben werden, ist das Anarchie. Das Team hat keine Regeln und keine Richtung – ein interessantes Experiment, aber eine schlechte Organisation. Wenn dem Team sowohl Mittel als auch Zwecke gegeben werden, führt es am Ende nur noch aus, und seine Fähigkeiten werden verschwendet. Der schlimmste Fall ist, Mittel, aber keine Zwecke zu bekommen. Das Team hat sämtliche Regeln, aber keinen Zweck. Genau dort landet viel Bürokratie – und viele schlechte Unternehmen. Er empfiehlt, Zwecke vorzugeben, aber keine Mittel. Regeln sollten auf ein Minimum reduziert werden – du weisst schon, Sicherheit und Recht und so weiter – und die Richtung sollte klar sein. Das ist eine zentrale Voraussetzung für ein self-managing Team. Kant würde das übrigens wiedererkennen: Zwecke vorzugeben, nicht Mittel, behandelt Menschen als Wesen, die fähig sind, ihren eigenen Weg vernünftig zu bestimmen. Respekt, wenn dir da etwas aufgefallen ist: Du bist ein echter Kant-Nerd.

    Und dafür brauchen Teams auch Informationen. Innerhalb einer Organisation sollten Informationen grosszügig und klug geteilt werden. Wir haben schon darüber gesprochen, und ich werde es noch viele Male ansprechen, weil es nötig ist. Für Menschen, die im Informationszeitalter leben, sind wir verdammt schlecht darin, Informationen zu managen.

    Zweck und Richtung hängen auch eng mit der Mitgliedschaft in einer Organisation zusammen – oder mit Beschäftigung, wenn du es so nennen willst. Das bedeutet, dass neue – und natürlich auch bestehende – Mitarbeitende sich dessen immer bewusst sein müssen. Nun bedeutet das nicht viel, wenn es für Mitarbeitende sehr schwierig ist, die Organisation zu wechseln, wenn sie mit deren Zweck nicht einverstanden sind. Getz fand das Beispiel eines Unternehmens, das ausdrücklich erklärte, dass jeder jederzeit frei sei zu gehen, und das diese Aussage dadurch untermauerte, dass es Menschen half, eigene Unternehmen zu gründen. Das löst das gesamte Problem nicht, denn natürlich gehen die wirtschaftlichen Gründe weit über die Frage hinaus, ob man Hilfe bei einer Unternehmensgründung braucht. Trotzdem halte ich das wirklich für einen zentralen Punkt; sonst kann der Zweck zu etwas werden, das wir ertragen, um einen Job zu haben, statt zu einem Leitstern.

    Der Zweck kommt fast immer von der obersten Ebene einer Organisation. Nur eine vollständig self-governing Organisation würde daraus eine gemeinsame Aufgabe machen. Selbst – und gerade – die meisten NGOs werden von einer Person oder einer kleinen Gruppe gegründet, die einen Zweck festlegt. Er kommt zuerst, also liegt er auf der Governance-Ebene einer Organisation.

    Okay, wir haben Teams, wir haben Richtung; jetzt muss Tom die Teams befähigen, indem er die richtigen Strukturen schafft. Du weisst schon, das ganze Wer-darf-was-und-wo-entscheiden.

    Autorität muss von Anfang an immer ausdrücklich festgelegt werden – sei ehrlich und klar und erspare dir damit jede Menge ineffiziente Diskussionen in Meetings. Das Leitprinzip ist der Zweck eines bestimmten Teams. Das findet sich auch bei Jaques, der es richtigerweise mit dem Ausmass an accountability verbindet, das eine Person oder ein Team haben sollte.

    Änderungen an dieser klaren Vorgabe können später vorgenommen werden – normalerweise wird die Autorität erweitert, sobald Teams wirklich leistungsfähig geworden sind, aber es kann auch in die andere Richtung gehen. Getz hat tatsächlich eine Checkliste für Autorität: willing – teilt das Team den Zweck und wird es als gleichwertig behandelt? –, capable – hat es die Fähigkeiten? – und authorized – darf es handeln?

    Mit Autorität ausgestattet können Manager und Teams Entscheidungen treffen. Der Manager hat dabei vor allem die Rolle des «Türöffners zum Meeting»: Er bringt das Team hinein und hält sich aus den Inhalten raus. Aber weil es mehrere Teams gibt, gibt es auch andere Meetingräume. Zwischen ihnen ist er der linking pin.

    Das Forum passt immer zur Sache. Jedes Team behandelt die Probleme seiner eigenen Ebene.

    Für Notfälle sollten besondere Verfahren vereinbart werden. Eine Krise braucht keine neuen Strukturen – tatsächlich ist sie der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um etwas Neues oder anderes auszuprobieren. Was du brauchst, ist ein klarer Plan dafür, wie gehandelt wird.

    All das wird von einem Manager eingerichtet. Ein Team hingegen kann sich dann um die Regeln und die Inhalte kümmern. Grundregeln sollten immer vom Team selbst festgelegt und gepflegt werden. Das ist eine Voraussetzung für Akzeptanz. Und die Inhalte, ja, um die geht es wirklich; genau das wollen wir, dass sie tun. Auch die schwierigen Dinge, wie ein Budget festzulegen. Laloux hat ein paar gute Beispiele dafür, dass das möglich ist. Damit vermeidest du ineffizientes Feilschen zwischen Chefs und Teams. Aber was ist mit verschwenderischen Ausgaben? Peer Pressure ist in einer Organisation eine viel bessere Art, damit umzugehen, als Budgets auszuhandeln, als wären sie ein Verkaufspreis. Und wenn die Gesamtsumme eines Budgets über einer vernünftigen Grenze liegt, geht es einfach zurück an die Vertreter der Teams, damit sie es untereinander klären.

    Sobald Tom die grundlegende enabling structure eingerichtet hat, muss er sie mit einem supportive context ergänzen. Auf gut Deutsch: Wie schafft er Freiheit?

    Der wichtigste Teil davon ist Kompetenz. Qualifiziere alle und sorge im Voraus dafür, dass sie für möglichst viele Aktivitäten bereit sind. Das bedeutet viel Training und viel Vorausdenken seitens des Managements. Aber Planen ist besser als Reagieren – zum Beispiel jedes Mal einzeln jemandem die Erlaubnis geben zu müssen.

    Der nächste Punkt ist wichtig, und den meisten Managern wird es nicht gefallen, also mache ich daraus selbst einen Befehl: Entferne alle Kontrollen, die Misstrauen ausdrücken, wie Stechuhren, abgeschlossene Materialschränke und reservierte Parkplätze – wobei du natürlich dafür sorgen musst, dass genügend Parkplätze vorhanden sind. Behalte nur Funktionen, die direkt mit dem Zweck deines Unternehmens verbunden sind. Damit hast du auch gleich einen Test zur Hand: Dient dieser Mechanismus oder Prozess dem Zweck oder dem Misstrauen? Versucht Quality Control, Produktfehler zu finden oder schlecht arbeitende Mitarbeitende? Schützt die Travel Policy Mitarbeitende oder die Umwelt, oder zwingt sie erwachsene Menschen dazu, um Erlaubnis zu fragen, wenn sie den Zug nehmen wollen? Gesetzlich vorgeschriebene Funktionen bleiben natürlich ebenfalls, aber auch sie können auf eine vertrauensvolle Art betrieben werden.

    Freiheit bedeutet nun nicht keine Regeln, keine Standards, keine Methoden. Nachdem ich viel mit best practices und Standards gearbeitet habe, weiss ich, dass sie einen echten Nutzen haben. Sie geben uns Beispiele dafür, wie man etwas gut machen kann, und sie können helfen, Qualität auf einem bestimmten Niveau zu halten. Ein Managementsystem zum Beispiel ist ein Rahmen dafür, dass Organisationen gut und konsistent arbeiten. Daran ist nichts falsch. Wir sollten unsere Aktivitäten immer planen und, nachdem wir sie ausgeführt haben, überprüfen und verbessern – ha, PDCA. Aber ich denke, wir sollten davon wegkommen, das als separate Funktion innerhalb einer Organisation zu betrachten. Jedes Team sollte es tun. Verschwenden wir keine Zeit mit all den Kontrollen, sondern befähigen wir die Teams, sich zu verbessern.

    Dasselbe gilt für KPI und Messungen. Sie sind ein grossartiges Werkzeug zum Lernen und zur Verbesserung. Sie sind richtig schlecht darin, Menschen zu kontrollieren. Lies dazu einfach Deming. Das ist sein grosses Ding, nicht meines, und er war ein Statistik-Nerd. Teams müssen herausfinden, welche Daten sie brauchen, um zu lernen, besser zu werden und Fehler zu vermeiden. Der Manager hat hier weiterhin eine gewisse Assurance-Rolle, weil es einen übergeordneten Zweck der Organisation gibt, der ebenfalls erreicht – und damit auch zur Verbesserung gemessen – werden muss. Aber Manager müssen das als Führungsfunktion verstehen, nicht als Kontrollfunktion.

    Nun, Freiheit hat natürlich ihren Preis. Mehr Training, mehr Enablement, mehr Workshops, mehr Messungen. Und diese Kosten tauchen in einem Budget auf. Aber vergessen wir nicht, dass auch Kontrollen laufende Kosten verursachen; sie sind nur normalerweise in bereits bestehenden hierarchischen Strukturen versteckt. Bis jetzt habe ich, strukturell betrachtet, noch nie eine Studie gesehen, die beides wirklich vergleichbar gegenüberstellt.

    Der Manager muss ein Team auch nach oben verbinden. Das bedeutet normalerweise, sicherzustellen, dass Informationen nach oben und unten fliessen, und das Team nach oben zu vertreten. Das klingt selbstverständlich, aber ohne Einfluss nach oben wird gute Teamarbeit nach hinten losgehen.

    Ein letzter Punkt ist, wie Menschen bezahlt werden oder bezahlt werden sollten. Ich habe dazu meine Meinung, und natürlich haben einige der genannten Autoren ebenfalls eine. Aber um hier nur halb eine Glitzerbombe hochgehen zu lassen, bespreche ich das in einem zukünftigen Essay über Motivation.

    Schliesslich bleibt etwas, das unser Manager Tom immer tun muss: Coaching. Eine Einschränkung gilt dabei immer: Design kommt zuerst und Coaching danach, denn kein noch so gutes Coaching kann ein schlecht gestaltetes oder schlecht aufgesetztes Team kompensieren.

    Ruth Wageman – wie von Hackman zitiert – untersuchte die Wirkung von Coaching auf verschiedene Arten von Teams. Gut gestaltete Teams managen sich selbst, selbst mit wenig Coaching, obwohl sie gleichzeitig die Art von Team sind, die am meisten von gutem Coaching profitiert, und schlechtes Coaching ihnen kaum schadet. Schlechtes Coaching schadet jedoch schlecht gestalteten Teams am meisten. Ein gutes Design und Setup von Teams in einer Organisation schützt sie also teilweise vor einem schwachen Manager.

    Hackman identifizierte drei Funktionen, auf die Coaching wirken kann: Einsatz, Performance Strategy sowie Wissen und Fähigkeiten. Coaching zum Einsatz findet normalerweise am Anfang des Lebenszyklus eines Teams statt und ist hauptsächlich motivierend. Coaching zur Performance Strategy kommt in der Mitte und ist beratend. Gegen Ende des Zyklus kommen Wissen und Fähigkeiten, und hier ist das Coaching edukativ.

    Vor dem Coaching solltest du immer die Designbedingungen für die jeweilige Art von Coaching prüfen. Beim Einsatz sind das eine aktivierende Richtung, Aufgabengestaltung und das Belohnungssystem. Bei der Performance Strategy: fokussierte Richtung, Verhaltensnormen und Informationssysteme. Und bei Wissen und Fähigkeiten: eine Richtung, die Talente aktiviert, Teamzusammensetzung und das Bildungssystem. Wenn diese Dinge nicht richtig eingerichtet sind, hilft auch noch so viel Coaching nichts.

    Das Timing ist entscheidend: Performance Coaching am Anfang wird einfach verpuffen oder sogar Schaden anrichten. Das gilt auch, wenn ein Manager erst spät dazukommt und weder an der Gestaltung des Teams noch an der ersten Richtungsvorgabe beteiligt war. Dann ist es am besten, das Design des Teams zu überprüfen und dann den Anlauf neu zu starten.

    Hackman hält ausserdem fest, dass einige Studien gezeigt haben, dass Coaching zur Arbeit selbst nützlicher ist als jede Art zwischenmenschlicher Intervention. Ein Experiment des Sozialpsychologen Barry Staw deutet sogar darauf hin, dass Leistung beeinflusst, wie Menschen ihre Beziehungen beschreiben, und nicht umgekehrt.

    Normalerweise ist der Manager für das Coaching verantwortlich, und es ist eine der wichtigsten Aufgaben, wenn nicht die wichtigste. Aber Coaching kann auch geteilt werden. Dass Kollegen einander coachen, wird von vielen Unternehmen erfolgreich praktiziert. Offensichtlich liegt es dann in der Verantwortung des Managers, das Team darin auszubilden, sich selbst zu coachen.

    Das war’s also? Die Aufgabe eines Managers besteht darin, real teams zu schaffen, eine compelling direction vorzugeben, eine enabling structure und einen supportive context bereitzustellen und zusätzlich zu coachen? Siehst du, nach 4’500 Wörtern weisst du es. Das Problem ist natürlich, es tatsächlich zu tun. Wie versprochen werden wir Lernen und Wissen in einem zukünftigen Essay behandeln, aber Spoiler: Es hat damit zu tun, Dinge auszuprobieren – wozu es etwas Mut braucht – und zu lernen – wozu Ehrlichkeit und die Demut gehören, zuzugeben, dass man Fehler macht. Um ein guter Manager zu werden, musst du also auch diese beiden Dinge lernen. Und das braucht Zeit. Wie bei der Transformation einer Organisation wird sich auch die Rolle des Managers langsam verändern. Wenn dieser Ansatz konsequent verfolgt wird, wird die Rolle schliesslich stabiler, weniger chaotisch und weniger überlastet werden. Es wird Rückschläge geben; alte Gewohnheiten wird man nur schwer los. 20 Jahre nachdem ich Hackman zum ersten Mal gelesen habe, erwische ich mich immer noch manchmal dabei, den Chef zu spielen.

    Aber irgendwann wird diese neue Art von Manager das Team dazu befähigen, sich selbst zu managen. Oder, wie es der ehemalige CEO eines französischen Automobilzulieferers formulierte, zitiert von Getz: «Creating conditions in which things happen by themselves.»

    Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

    Hackman, J. Richard. Leading Teams: Setting the Stage for Great Performances. Boston: Harvard Business School Press, 2002.

    Likert, Rensis. New Patterns of Management. New York: McGraw-Hill, 1961.

    Jaques, Elliott. “In Praise of Hierarchy.” Harvard Business Review 68, no. 1 (January–February 1990): 127–133.

    Getz, Isaac. “Liberating Leadership: How the Initiative-Freeing Radical Organizational Form Has Been Successfully Adopted.” California Management Review 51, no. 4 (Summer 2009): 32–58.

    Laloux, Frédéric. Reinventing Organizations: A Guide to Creating Organizations Inspired by the Next Stage of Human Consciousness. Brussels: Nelson Parker, 2014.

    Weick, Karl E. “Educational Organizations as Loosely Coupled Systems.” Administrative Science Quarterly 21, no. 1 (March 1976): 1–19.

    Follett, Mary Parker. “The Illusion of Final Authority.” In Dynamic Administration: The Collected Papers of Mary Parker Follett, 2nd ed., edited by Elliot M. Fox and L. Urwick, 117–131. London: Pitman, 1973.

    Thompson, Dennis F. “The Moral Responsibility of Public Officials: The Problem of Many Hands.” American Political Science Review 74, no. 4 (December 1980): 905–916.

  • Civil Conversation

    Civil Conversation

    Oder

    Wie wir miteinander reden sollten

    This was not an encouraging opening for a conversation. Alice replied, rather shyly, «I—I hardly know, sir, just at present—at least I know who I was when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then.»

    Was sich im letzten Essay geändert hat: Hierarchie ist nicht die einzige — immer richtige — Antwort auf die Frage, wie Organisationen funktionieren können. Wir können auch zusammenarbeiten. Und wir haben uns verschiedene Möglichkeiten angeschaut, wie das gehen kann. Aber dabei ging es ganz um das Setup, die Struktur und darum, was es braucht, damit dieses Setup funktioniert. Was wir uns nicht angeschaut haben, ist, wie Menschen das tatsächlich machen, so ganz konkret. Das bedeutet zuallererst, dass Menschen miteinander interagieren. Und die meisten Interaktionen beginnen zumindest mit Kommunikation. Zweitens bedeutet Kooperation, all diese Mechanismen anzuwenden, die Design Principles, die Ostrom und Benkler uns erklärt haben. Um sie anzuwenden, braucht es aber zuerst einmal Individual Reasoning. Individual Reasoning wird für Kooperation erst dann nützlich, wenn es in Informationen verwandelt wird, die mit anderen geteilt werden. Also wieder Kommunikation oder — weil es ihre offensichtlichste Erscheinungsform ist — miteinander reden. Wie wir miteinander reden sollten, ist also das Thema dieses Essays.

    OK, das ist einfach, das kennen wir alle. Vor allem alle Manager werden jetzt sagen: Ja, kann ich, ich rede den ganzen Tag, no problemo. Das Problem ist, dass wir diese Fähigkeit, von der die meisten von uns ein grundlegendes Verständnis haben, sehr beiläufig einsetzen und ohne ihre Tiefe wirklich zu kennen. Frederic Laloux beschäftigt sich in seinem 2014 erschienenen Buch «Reinventing Organizations: A Guide to Creating Organizations Inspired by the Next Stage in Human Consciousness» mit ziemlich vielem davon. Dinge wie kooperative Entscheidungsfindung, konstruktive Konfliktlösung und ein sicheres Umfeld hat er bei seiner Untersuchung von Next-Level-Organisationen gefunden. Nun ist Laloux zwar kein klassischer Akademiker — er ist ehemaliger McKinsey Associate Partner und Executive Coach —, aber er ist ein brillanter Sammler guter Praktiken. In seinen Überlegungen kann er manchmal etwas New-Age-mässig klingen, aber wir bleiben bei seinen konkreten, nützlichen Beobachtungen statt bei seinem eher esoterischen Rahmen, und damit fangen wir etwas weiter unten an. Eines der besten Dinge, die er gefunden hat, ist die Minute der Stille, die in einigen Unternehmen zu Beginn von Meetings üblich ist. Keine Form spiritueller Meditation, sondern einfach eine praktische Möglichkeit, frisch in eine Diskussion zu starten — mithilfe einer einminütigen Abwesenheit von Diskussion. Funktioniert jedes Mal, glaub mir.

    Beginnen wir unsere Erkundung «guter» Kommunikation in Organisationen mit meiner liebsten frühen Managementtheoretikerin Mary Parker Follett. In der 1941 posthum veröffentlichten Essaysammlung «Dynamic Administration» hat sie diese wunderschöne Abfolge: Conflict → Integration → Giving of Orders → Power-with → Coordination. Für alle Follett-Fanboys: Ich weiss, Integration gehört nicht zur «offiziellen» Abfolge, aber verdammt, es ist die coolste Erkenntnis aus der ganzen Sache, also muss sie genannt werden.

    Follett wusste schon vor hundert Jahren, dass Konflikt nicht das Problem ist. Und ich hoffe, dass uns das heute allen klar ist. Meinungsverschiedenheiten sind zu erwarten und sollten nicht unterdrückt werden, denn sie können potenziell produktiv sein. Sie unterscheidet drei Arten, mit ihnen umzugehen. Domination bedeutet, dass eine Person bekommt, was sie will, und die andere einfach nachgibt oder dazu gezwungen wird. Kompromiss — und da ich Schweizer bin, bin ich natürlich der Experte dafür, weil unser ganzes politisches System im Grunde darauf aufgebaut ist — bedeutet, dass beide Parteien etwas aufgeben, um zu einer Einigung zu kommen. Sowohl Domination als auch Kompromiss sind im Grunde Verlustsituationen. Entweder Win-Loss oder Loss-Loss. In einer kooperativen Organisation ist das keine besonders günstige Art, voranzukommen. Deshalb kam Follett mit einer dritten Möglichkeit: Integration. Integration bedeutet, eine Lösung zu finden, bei der die zugrunde liegenden Interessen beider Parteien erfüllt werden können. Sie hat dieses berühmte Beispiel vom Arbeiten in einer Universitätsbibliothek. Sie will, dass das Fenster geschlossen wird, damit es nicht zieht. Eine andere Person will es offen haben, um frische Luft zu bekommen. Die praktische Lösung besteht darin, ein anderes, weiter entferntes Fenster zu öffnen, sodass Luft hereinkommt, aber weit genug weg, dass es nicht zieht. Das ist natürlich nur möglich, wenn die beiden miteinander reden und herausfinden, worin das Interesse des jeweils anderen besteht. Nur so können sie eine Lösung finden, die beide Interessen erfüllt. Kommunikation ist also eine Voraussetzung für Integration. Follett beschrieb damit das, was wir heute als Win-win-Situation bezeichnen würden — etwas, das seither oft missbraucht wurde, indem man es einfach an die eigene bevorzugte Lösung drangeklebt hat, ohne die ganze Integrationsarbeit zu leisten.

    Follett geht dann weiter zu der Situation in Organisationen, in der ein Chef normalerweise jemandem befehlen würde, etwas zu tun, weil «I say so.» Da wir inzwischen entdeckt haben, dass wir miteinander reden können, sollten wir stattdessen versuchen herauszufinden, was die Situation verlangt, was unter den gegebenen Umständen am besten ist. Sie nennt das «law of the situation». Im Grunde entscheidet also die Situation oder gibt den Befehl, nicht der Chef. Aber Situationen können natürlich nicht wirklich entscheiden, also ist es vielmehr das Wissen über die Situation. Wissen liegt nicht nur in der Hand — oder im Kopf oder im Herzen — einer einzelnen Person. Der Chef weiss vielleicht etwas, das der Untergebene nicht weiss, und der Untergebene weiss vielleicht Dinge, die der Chef nicht weiss. Nur wenn sie ihr Wissen zusammenbringen, können sie also die beste Entscheidung treffen. Autorität wird an Wissen statt an Position gebunden — oder sie wird funktional.

    Jetzt wird es noch cooler, denn das bedeutet, dass wir die traditionelle Vorstellung von Macht — du weisst schon, die ganze Hierarchiegeschichte — umkrempeln können. Denn wenn Menschen gemeinsam auf etwas kommen, wird aus dem traditionellen Modell, in dem der Chef den Untergebenen dazu bringt, etwas zu tun — A → B — ein Modell, in dem zwei Menschen gemeinsam die Fähigkeit schaffen, etwas zu tun — A + B → Fähigkeit, Dinge zu tun. Sie beschreibt das nicht als power-over — die Hierarchie —, sondern als power-with — die Zusammenarbeit. Zwei Menschen verstehen also gemeinsam die Situation, integrieren ihr unterschiedliches Wissen und bestimmen, was die Situation verlangt. Und niemand muss den anderen dominieren.

    Cool, oder? Der Haken ist nur, dass dies lediglich eine einzelne Interaktion beschreibt. Organisationen bestehen aus Hunderten oder Tausenden solcher Aktivitäten, und die meisten davon sind irgendwie miteinander verbunden. Hier beschreibt Follett mit vier einfachen Prinzipien, wie Koordination in Organisationen funktioniert. Das erste ist coordination by direct contact: Menschen, deren Arbeit sich gegenseitig beeinflusst, sollten direkt — horizontal — miteinander kommunizieren, statt alles durch die vertikalen Kanäle der Hierarchie laufen zu lassen, denn das dauert einfach zu lange und ist zu kompliziert. Das zweite ist coordination in the early stages. Koordination oder Kommunikation sollte also von Anfang an stattfinden, während Pläne entwickelt werden, bevor bereits alles entschieden ist, die Scheisse im Grunde schon passiert ist und es wieder kompliziert wäre, das zu entwirren. Das dritte ist coordination as reciprocal relating — OK, was? Das bedeutet einfach, dass Kausalität in Organisationen zirkulär und nicht einfach linear ist. Oder falls das nicht hilft: Die Arbeit von A beeinflusst B, B beeinflusst A. C beeinflusst beide und beide beeinflussen C. Und fang mir bloss nicht mit D an. Eigentlich sollte das logisch sein, aber wir denken immer noch viel zu sehr in diesen verdammten linearen Prozessdiagrammen, die einen Anfang und ein Ende haben. Das ist aber nur ein unvollständiges Fragment. Aktivitäten in Organisationen sehen eher wie Kreise aus. Darüber reden wir mehr, wenn wir uns Systems Thinking anschauen. Und schliesslich besagt das Prinzip coordination as a continuous process, dass Koordination kein Meeting oder Management-Workshop ist; sie findet die ganze Zeit und überall in der Organisation statt. Wie diese Koordination die praktische Arbeit von Managern verändert, schauen wir uns im nächsten Essay an. Mit dieser Abfolge — Conflict → Integration → Giving of Orders → Power-with → Coordination — gab Follett uns das Rückgrat dafür, wie Interaktion und Kommunikation in kooperativen Organisationen funktionieren können.

    Nun ist Follett für diese ganze Diskussionssache — verdammt, für die moderne Managementtheorie insgesamt — so wichtig, dass ich noch ein paar Details und kleine Leckerbissen hinzufügen möchte — und ja, ich bin ein ziemlicher Fanboy von ihr, ich geb’s zu. Zuerst ein richtig gutes Beispiel für Integration aus dem echten Leben: der Smith/Panotti-Fall. Smith verklagte Panotti, einen kleinen Obsthändler, wegen einer Schuld von 40 Dollar. Die ganze Schuld auf einmal bezahlen zu müssen, hätte Panotti aus dem Geschäft gedrängt — denk daran, das ist hundert Jahre her. Also ordnete der Richter eine Rückzahlung in Raten aus Panottis Einnahmen an, wodurch Smith sein Geld zurückbekam und Panotti im Geschäft bleiben konnte. Ein perfektes Beispiel dafür, dass gegensätzliche Interessen nicht unvereinbar sein müssen.

    Wenn es darum geht, Informationen über die Situation zu sammeln — denk an das law of the situation —, wird cooperative fact-finding wirklich wichtig. Bereits vorhandenes Wissen ist schön und gut, aber wie wir in einem früheren Essay gesehen haben, können echte Konflikte dadurch gelöst werden, dass Informationen in einem gemeinsamen Prozess gesammelt werden.

    Ebenfalls wichtig bei Follett ist die Unterscheidung zwischen muddle und difference. Letzteres ist ein echter Unterschied bei Interessen, Bedürfnissen, Perspektiven oder Purpose zwischen Menschen. Muddle dagegen ist Verwirrung, die entsteht, wenn scheinbare Unterschiede nicht klar identifiziert und von Annahmen, Missverständnissen, Emotionen oder schlecht definierten Problemen getrennt wurden. Muddle kann aufgeräumt werden, damit die tatsächlichen Unterschiede sichtbar und konkret werden. Das sollte geschehen, bevor die Integration beginnt. Denk an das Beispiel, dass wir zuerst einmal klären müssen, ob das, was wir vor uns auf dem Boden sehen, eine Schlange oder ein heruntergefallener Ast ist.

    Etwas komplizierter ist das Konzept von X und X’. Follett weist damit darauf hin, dass wir uns verändern, wenn wir miteinander interagieren. Und jede weitere Interaktion findet mit diesen veränderten Beteiligten statt — und in einer Diskussion bedeutet das vor allem mit den Meinungen, die sich verändert haben. In meiner Kurzform ist es also nicht A → B → A → B, sondern A + B → A′ + B′. Jetzt wird es richtig kompliziert, wenn es nicht nur A und B gibt, sondern auch C, D und E — und damit natürlich auch C′, D′ und E′. Was passieren kann — und vermieden werden sollte —, ist, dass Menschen auf eine Meinung zurückgreifen, die sich bereits verändert hat, dadurch den Fortschritt der Diskussion behindern und einfach alle im Raum verwirren.

    Dann gibt es noch das, was ich die mis-scoped question nennen würde. Das ist wichtig, weil Follett feststellte, dass Menschen in Diskussionen — und sie war eine Art professionelle Vermittlerin, insbesondere zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften — oft gar nicht über exakt denselben Punkt streiten; sie grenzen das Diskussionsthema unterschiedlich ab, was natürlich zu Missverständnissen führt.

    Ein weiteres Problem ist, dass es schwierig ist, allen Beteiligten einer Diskussion Standards und Daten aufzuzwingen, wenn diese von oben vorgegeben wurden. Wie können wir ernsthaft glauben, dass solche Dinge einfach akzeptiert werden? Warum sollten sie? Sie müssen zuerst in das Reasoning aller Beteiligten integriert werden — oder noch besser gemeinsam gesammelt und geschaffen werden, aber das ist natürlich nicht immer möglich. OK, Beispiel nötig, verstehe schon. KPIs und Zielwerte zum Beispiel. Die Menschen müssen verstehen, was sie messen, warum das wichtig ist und warum es sich lohnt, einen bestimmten Zielwert zu erreichen. Oder noch schwieriger: ein bestimmter Prozessstandard. Wir haben sie alle und irgendwie denken wir, dass sie wichtig sind. Aber du kannst sie nicht einfach an die Wand hängen. Alle Beteiligten müssen verstehen, warum es wichtig ist, etwas so zu tun, wie es beschrieben ist. Dafür kann es Qualitäts-, Sicherheits- oder Umweltgründe geben.

    Am Ende läuft es auf zwei Dinge hinaus. Das erste kommt von Follett und ist einfach die Feststellung, dass Kämpfen faul ist: Es ist der einfache Weg, genauso wie Domination; Integration ist wirklich schwierig. Ich will hier also nichts überverkaufen. Aber denk an intellectual laziness. Genau das ist es wieder. Und damit komme ich auch zum zweiten Punkt, der von Laloux und nicht von Follett stammt: Das muss gelernt werden. Niemand kann erwarten, dass gute Diskussionen und gute Kommunikation ohne Training einfach passieren. Das gilt für Unternehmen in Transformation und neu gegründete Unternehmen genauso wie für CEOs, Frontliner und natürlich neue Mitarbeitende. Viele der Organisationen, die er untersucht hat, trainieren jede neue Person in Konfliktlösung und ihren Grundregeln.

    Information Sharing ist ebenfalls ein Punkt, den Laloux betrachtet hat, und in den Unternehmen, die er als Beispiele verwendet, funktioniert das ziemlich anders, als du es vielleicht gewohnt bist. Schau, wir haben gesehen, dass in Abwesenheit klassischer Hierarchien Entscheidungen von vielen — oder allen — und nicht von einigen wenigen Managern getroffen werden. Das bedeutet, dass das Team auch Zugang zu allen Informationen braucht. Du und ich, wir sind an die Need-to-know-Art des Informationsaustauschs gewöhnt. Aber genau das ist Teil unserer vertikalen Machtstruktur; horizontale Strukturen brauchen das nicht, um zu funktionieren. Und damit sind wir wieder bei Benklers Analyse, wie schlecht dieser restriktive Umgang mit Informationen tatsächlich funktioniert: Vieles geht in hierarchischen Organisationen schlicht verloren oder ist nicht verfügbar, wenn es gebraucht wird.

    Ich kann dich schon denken hören: «Aber, aber, hier geht es doch auch um Organisation. Wie sollen wir den Informationsaustausch organisieren, wenn die Manager nicht filtern?» Ich verstehe dich, und das geht Hand in Hand mit einer anderen Angst, die ungefähr so klingt: «Aber ich bin heute schon mit Informationen überfordert. So viele E-Mails und Newsletter. Jetzt muss ich mich auch noch mit allen Informationen innerhalb der Organisation herumschlagen.» Die Lösung ist ziemlich einfach — und sie kommt aus meiner eigenen Erfahrung, nicht aus irgendeinem Buch. Das Problem wird zu einem grossen Teil durch unseren heutigen schlechten Umgang mit Informationen verursacht. Informationen werden normalerweise mit Memos — oder E-Mails oder Newslettern oder Teams-Nachrichten — in die Organisation gepusht, hübsch formuliert von einem Kommunikationsprofi, mit ein paar schönen Bildern oder vielleicht sogar in einem Video. Das grundlegende Missverständnis dabei ist, dass Informationen innerhalb einer Organisation eine Ware seien, die vermarktet und den Menschen verkauft werden müsse. Das ist natürlich falsch. Information ist eine Ressource für die Arbeit, wie Stahl oder Elektrizität oder Kapital. Sie muss in einer brauchbaren Form vorliegen. Das bedeutet, dass wir uns all den hübschen Fluff und die überzeugenden Nettigkeiten sparen können. Informationen müssen wahr, zuverlässig und auf den Punkt sein. Wir sind keine Zeitungen, die Exemplare verkaufen wollen. Wir brauchen einfach das Ding, die Information. Das bedeutet auch, dass Organisationen aufhören sollten, Informationen zu pushen. In Organisationen, in denen Menschen darin geschult sind, zu kommunizieren und zu entscheiden — und dafür, wie wir gesehen haben, Informationen brauchen —, werden sie diese holen — oder pullen —, wenn sie sie brauchen.

    Dabei gibt es zwei potenzielle Probleme. Erstens: Woher sollen die Menschen wissen, welche Informationen überhaupt verfügbar sind — zum Beispiel Sicherheitsthemen oder welche Daten bereits gesammelt wurden? Einerseits ist das Wissen — so eine Art Wissen über Wissen. Menschen müssen darin geschult werden, nach welchen Informationen sie suchen und wie sie danach suchen sollen — und wonach sie auf keinen Fall vergessen dürfen zu suchen. Und dann müssen alle Informationen organisiert, indexiert und möglicherweise auch mit einem einfachen Alert-System gebündelt werden. Das zweite potenzielle Problem: Wie soll das funktionieren, wenn sie nicht schön gefiltert und aufbereitet sind? Heute gibt es dafür wirklich mehr als genug technologische Möglichkeiten. Ich meine, wann wurde Wikipedia gegründet? Vor 25 Jahren? Heute hätten wir noch viel fortgeschrittenere Methoden, um dasselbe zu tun. Ich habe kürzlich einen User-Kommentar gelesen, in dem Microsoft gefragt wurde, ob sie Copilot nicht vollständig in Teams integrieren und zu einer Art Wissensspeicher einer Organisation machen könnten, einschliesslich aller Chatverläufe, Dokumente und Daten, die in SharePoint veröffentlicht wurden. Ich bin sicher, dass aktiv daran gearbeitet wird, und das würde das Pullen von Informationen natürlich um einiges effizienter machen.

    Wir haben Folletts Vorschlag zur Entscheidungsfindung von vor hundert Jahren bereits gesehen, und grundsätzlich ist Integration immer noch der beste Ansatz. In Laloux’ Beobachtungen finden sich zusätzliche Ideen aus Organisationen, die einen Blick wert sind. Besonders eine aus einem Softwareunternehmen, bei dem die Governance Meetings, in denen die Rollen und Regeln der Organisation beschlossen werden, einem klaren Prozess folgen und als Beispiel für Folletts Integration dienen. Eine Person präsentiert einen Vorschlag, gefolgt von einer Runde mit Verständnisfragen — der Facilitator blockiert dabei jede versteckte Reaktion. Danach können alle Teilnehmenden einzeln auf den Vorschlag reagieren, aber ohne Diskussion. Anschliessend passt die antragstellende Person ihren Vorschlag an und/oder präzisiert ihn. Erst dann folgt eine Runde mit echten, sehr konkreten Einwänden, falls es welche gibt. Wenn Einwände auftauchen, leitet der Facilitator die Gruppe dabei an, den Vorschlag so zu überarbeiten, dass die beanstandeten Teile entfernt werden, während die ursprüngliche Absicht erhalten bleibt. Das ist beinahe das, was Follett mit Integration erreichen wollte; was in diesem Beispiel noch fehlt, ist, das tatsächliche Interesse hinter den Einwänden der Menschen herauszufinden und dieses einzuarbeiten.

    Aber seien wir kurz transparent: Laloux hat einige sehr spezielle Organisationen ausgewählt, nicht die normalen. Seine Stichprobe ist in keiner Weise repräsentativ, aber sie zeigt, was möglich ist, und genau deshalb mag ich seine Arbeit.

    Richtig interessant werden Laloux’ Beobachtungen aber dort, wo die Entscheidungsfindung mit besonderen Umständen konfrontiert wird, zum Beispiel mit einer Krise. In einer Krise haben wir vielleicht keine Zeit für all dieses Kommunikations- und Kooperationszeug, oder? Vielleicht unterschätzen wir damit aber auch einfach die Fähigkeit von Menschen, sich anzupassen. Ein sehr kooperativ organisierter Autoteilehersteller wurde 1990, im Zuge des Ersten Golfkriegs, mit sinkenden Aufträgen konfrontiert. Der CEO spielte nicht den grossen Boss und entliess alle Temporärmitarbeitenden, sondern stoppte buchstäblich die Maschinen und stellte sich mitten im Werk auf eine Kiste. Dann erklärte er den Mitarbeitenden die Situation. Innerhalb einer Stunde hatten die Mitarbeitenden eine vorübergehende kollektive Lohnkürzung von 25 % vorgeschlagen, um die Temporärmitarbeitenden zu retten, darüber abgestimmt und einstimmig zugestimmt. Ich lese das so, dass dies möglich war, weil diese Menschen es gewohnt waren, unter normalen Umständen gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Sie waren also sozusagen dazu befähigt, dasselbe auch in einer Krise zu tun.

    Es gibt andere Beispiele, bei denen Organisationen normalerweise Abkürzungen nehmen müssen, etwa indem sie Teams Optionen geben, statt ihnen die Möglichkeit zu geben, in einer Krisensituation das ganze Problem zu diskutieren. Aber Organisationen, die daran gewöhnt sind, zu kommunizieren und mit der Absicht zu diskutieren, etwas zu lösen oder zu entscheiden, können das auch in einer Krise tun. Und warum auch nicht.

    Ein weiterer interessanter Bereich ist die Frage, wie Kommunikation in Next-Level- oder kooperativen Organisationen zur Konfliktlösung eingesetzt wird. Ein amerikanisches Unternehmen, das Tomaten verarbeitet, hat dafür eine sehr detaillierte Struktur — Elemente davon finden sich aber in vielen dieser Organisationen. Zunächst einmal haben sie Grundregeln — wie viele dieser Unternehmen — dafür, wie allgemein gearbeitet und insbesondere zusammengearbeitet wird. In ihrem Fall lauten sie: «never use force against other people and honor your commitments». Ein anderes Beispiel lautet: «People are of equal human worth; people are essentially good unless proven otherwise; there is no single right way to manage corporate issues.» Beide funktionieren als sehr einfache Leitlinien, die jeder verstehen kann.

    Das bedeutet natürlich nicht, dass keine Konflikte entstehen. Das Tomatenunternehmen hat eine klare Eskalationsleiter. Eskalation bedeutet hier aber nicht, dass ich dich deinem Chef melde; sie bedeutet, wer zur Lösung des Konflikts hinzugezogen wird. Zuerst führen die Parteien ein privates Gespräch, in dem die beschwerdeführende Partei eine klare Bitte formuliert, kein Urteil und keine Forderung. Darauf kann mit Ja, Nein oder einem Gegenvorschlag reagiert werden. Wenn sie ihr Problem nicht lösen können, wird eine Vertrauensperson beider Seiten gebeten, zu vermitteln; sie unterstützt, darf aber weder urteilen noch entscheiden. Wenn das nicht hilft, wird ein Panel aus Kolleginnen und Kollegen mit Bezug zum Thema gebeten, dasselbe zu tun wie zuvor die vermittelnde Person. Als letzte «Eskalation» wird der Unternehmensgründer zu diesem Panel hinzugezogen, was dem Ganzen zusätzliches moralisches Gewicht verleiht, aber auch er darf nichts anordnen. Auf diese Weise kommt immer mehr Unterstützung zur Konfliktlösung hinzu, aber die beteiligten Parteien müssen sich weiterhin selbst auf eine Lösung einigen. Klingt nach ziemlich viel Aufwand für ein bisschen zwischenmenschlichen Konflikt. Das liegt daran, dass in diesem Unternehmen jede Art von Konflikt so behandelt wird, egal ob technisch, persönlich, leistungsbezogen und so weiter.

    Andere Unternehmen haben festgestellt, dass flexiblere Teamzuordnungen und die Möglichkeit, relativ einfach das Team zu wechseln, als eine Art Überdruckventil funktionieren. Wenn zum Beispiel deine Teamleitung anfängt, sich zu sehr wie der Boss aufzuführen, kannst du das Team einfach verlassen. In anderen Organisationen werden Teamleitungen oder andere hierarchische Positionen von den Teammitgliedern gewählt.

    Das ist alles schön und gut, aber du könntest jetzt einwenden — wie ich es auch getan habe —, dass das klingt, als wären all die Menschen in diesen Organisationen einfach nett, würden ständig Händchen halten und gemeinsam Kumbaya singen. Was ist mit Menschen, die nicht nett mitspielen? Was ist mit Bad Actors in der Organisation? Das ist ein wichtiger Punkt, und wir müssen drei Arten unterscheiden. Erstens Opportunismus — oder Free-riding und Shirking —, womit sich Ostrom, die wir aus dem letzten Essay kennen, ausführlich beschäftigt hat. Viele ihrer Design Principles für erfolgreiche Selbstorganisation setzen genau an diesem Punkt an. Kurz gesagt müssen wir uns daran erinnern, dass Selbstorganisation nicht die Abwesenheit von Kontrolle ist; sie ist eine andere Verteilung von Kontrolle. Das bedeutet, dass die Mitglieder der Organisation die Kontrolle selbst übernehmen — du weisst schon, so wie die Menschen in den japanischen Dörfern selbst die Wälder patrouillieren und die Strafe der Regelbrechenden in Form von gutem alten Sake als Entschädigung an die patrouillierende Person geht.

    Die zweite Kategorie ist böswilligeres Verhalten, das wir als destruktiv und/oder nicht rational beschreiben können. Damit lässt sich oft nicht ganz so elegant umgehen. Es sind die Fälle, in denen Kontrollen oder Strafen einfach nicht wirklich wirken. Deshalb gibt es selbst in Ostroms Commons und in Next-Level-Organisationen immer noch Ausschluss- oder Kündigungsmechanismen. Manchmal, wenn alles Argumentieren scheitert, musst du Menschen einfach gehen lassen. Diese ganze Kategorie in zwei Sätzen abzuhandeln, ist selbst schon ein bisschen ein Ausschluss, und wir kommen in einem Bad-Things-Happen-Essay darauf zurück, versprochen.

    Die dritte Art schlechten Verhaltens ist Machtstreben und Manipulation durch Einzelne innerhalb der Organisation. Das sind Dinge wie die Kontrolle über die Agenda, Coalition Building und das Monopolisieren der Redezeit in Diskussionen. Das ist eine knifflige Sache. So knifflig, dass ich einen meiner am wenigsten geliebten deutschen Philosophen und Soziologen hervorholen muss: Jürgen Habermas. Er hat tatsächlich sehr gute Ideen, ich habe nur ein frühes Studententrauma davon, seine ewig langen Argumentationen in viel zu kompliziertem Kauderwelsch lesen zu müssen. Eines seiner zentralen Themen, seine Gesellschaftstheorie, berührt genau dieses Manipulationsproblem, ist aber für das gesamte Thema Kommunikation in Kooperation relevant.

    Habermas — Spass beiseite, seine Ideen sind wirklich brillant — gibt uns zunächst einmal die Namen für die verschiedenen Kommunikationsformen, nach denen wir gesucht haben. Kommunikatives Handeln ist das, was wir wollen, weil es versucht, Verständigung oder Einigung zu erreichen. Strategisches Handeln dagegen ist Kommunikation, die darauf abzielt, das Ergebnis zu bekommen, das ich will, statt Verständigung zu erreichen. Offen betrieben, wie beim Feilschen um einen Preis, ist das in Ordnung. Verdeckt betrieben ist es Manipulation — der manipulative Bad Actor. Die verdeckte Variante ist ziemlich schwer zu erkennen, weil beides wie Kommunikation aussieht. Wer manipuliert, muss weder schreien noch brüllen noch einen Titel haben; es genügt eine versteckte Agenda — siehst du, versteckt im Sinne von schwer zu sehen. Meine praktische Version davon ist ein Test im Geiste von Habermas, den du anwenden kannst. Wenn du Zweifel hast, ob manipulative Elemente im Spiel sind, kannst du dich fragen: Hätte dieses Argument dasselbe Gewicht, wenn es jemand anderes vorgebracht hätte?

    Um das Problem etwas besser zu verstehen, müssen wir uns seine strukturelle Quelle anschauen. Also erkläre ich kurz Habermas’ Gesellschaftstheorie. Er unterteilte den sozialen Bereich in Lebenswelt und System. Die Lebenswelt ist der Teil, der primär durch Kommunikation und gegenseitige Verständigung koordiniert wird. Menschen reden miteinander, interpretieren Situationen gemeinsam, entwickeln Regeln, bauen Vertrauen auf und gelangen zu geteilten Bedeutungen. Ha, klingt genau wie unsere kooperativen Organisationen. Das System dagegen koordiniert über unpersönliche Mechanismen, vor allem Geld und Macht. Das ist hauptsächlich das, was Märkte und Bürokratien tun. Das Problem, das Habermas sah, war nun, dass Mechanismen des Systems zunehmend in Bereiche eindringen, die eigentlich von Kommunikation und gegenseitiger Verständigung abhängen sollten. In unserem Fall sind es Status, Geld oder Macht, die sich in eine Diskussion einschleichen, in der es eigentlich um Verständigung gehen sollte, und die manipulierende Person ist diejenige, die sie benutzt und dabei so tut, als würde sie argumentieren.

    Habermas dachte dabei hauptsächlich an ganze Gesellschaften mit ihrer Wirtschaft und ihren Staaten, aber seine Lösung lässt sich trotzdem auf eine einzelne Organisation anwenden. Sie ist allerdings kein «perfektes» oder absolutes Rezept. Er will das System nicht einfach abschaffen. Er schlägt grob — und wieder muss ich mich bei allen Hardcore-Habermas-Fans für die Vereinfachung entschuldigen — zwei Antworten vor. Die Lebenswelt sollte geschützt werden, indem kommunikative Prozesse nicht durch unpersönliche Mechanismen wie Machtkämpfe und Bürokratie ersetzt werden. Und Kommunikation muss gestärkt werden, indem Entscheidungen und Regelsetzung Teil eines Prozesses werden, der die betroffenen Menschen einbezieht und in dem Geltungsansprüche durch Gründe statt durch Autorität, Status, Geld oder Zwang hinterfragt und gerechtfertigt werden.

    Das wird einige der manipulativen Kräfte verhindern, aber die Gefahr bleibt immer bestehen. Es beantwortet aber auch die grosse Frage hinter diesem ganzen Gerede über Kooperation: Kann soziale Ordnung zwischen autonomen Individuen existieren? Individuen, denen niemand sagt, was sie tun sollen, und die niemand zu etwas zwingt. Habermas’ Antwort ist klar: Ja, indem kommunikatives Handeln und Diskurs als Mechanismus sozialer Integration dienen — statt Geld oder Macht.

    Ich bin kein grosser Fan von Zusammenfassungen, aber dieses Mal versuche ich es, um dir diese wirklich wichtigen Ideen in den Kopf zu hämmern: Kooperation entsteht nicht einfach auf magische Weise, wenn man Jobtitel entfernt. Sie braucht einen anderen Koordinationsmechanismus, den wir alle kennen: Kommunikation. Aber konstruktive Kommunikation ist nicht einfach nur Reden. Wir müssen lernen, wie Information Sharing, Integration, Entscheidungsfindung, Konfliktlösung und Schutzmechanismen gegen Manipulation funktionieren. Und indem wir lernen, wirklich miteinander zu reden, können wir als autonome Menschen gemeinsam Ordnung schaffen.

    Aber denk daran: Bei all dem Gerede über Teams und Kooperation haben wir wieder gesehen, dass am Ende alles von Reasoning abhängt. Reasoning ist das, was verhindert, dass Kommunikation und Kooperation scheitern. Und wer macht das Reasoning? Genau, du, und ich auch, und Alice und die Raupe — wobei ich mir bei all dem Gepaffe bei Letzterer nicht ganz sicher bin.

    Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

    Carroll, Lewis. Alice’s Adventures in Wonderland. 1865.

    Follett, Mary Parker. Creative Experience. Longmans, Green and Co., 1924.

    Follett, Mary Parker. Dynamic Administration: The Collected Papers of Mary Parker Follett. Edited by Henry C. Metcalf and L. Urwick. 1941.

    Laloux, Frederic. Reinventing Organizations: A Guide to Creating Organizations Inspired by the Next Stage in Human Consciousness. Nelson Parker, 2014.

    Habermas, Jürgen. The Theory of Communicative Action. Vol. 1: Reason and the Rationalization of Society, translated by Thomas McCarthy. Beacon Press, 1984. Vol. 2: Lifeworld and System: A Critique of Functionalist Reason. Beacon Press, 1987.

    Finlayson, James Gordon. Habermas: A Very Short Introduction. Oxford University Press, 2005.

  • Come Together

    Come Together

    Oder

    Wie Zusammenarbeit funktioniert

    «Come back!» the Caterpillar called after her. «I’ve something important to say!» This sounded promising, certainly: Alice turned and came back again.

    «Keep your temper,» said the Caterpillar.

    «Is that all?» said Alice, swallowing down her anger as well as she could.

    «No,» said the Caterpillar.

    Nein, tatsächlich haben wir im letzten Essay gesehen, dass Wertschöpfung in Businessorganisationen meistens aus horizontaler Zusammenarbeit entsteht und nicht aus vertikaler Hierarchie. Zusammenarbeit ist natürlich kein neues Konzept, auch wenn sie in der Businesswelt oft behandelt wird wie ein Anarchist in einer wohlgeordneten Firma, eine linke Fast-Food-Idee bei einem feinen Businesslunch, ein schreiender Aktivist an einer Aktionärsversammlung. Schau, das ist alles dummes Gerede. Zusammenarbeit findet man — wie bereits gezeigt — überall, und sie ist fundamental für Business. Was man damit machen kann, darüber werden wir in diesem Essay sprechen.

    Am einfachsten lässt sich Zusammenarbeit in deiner ganz alltäglichen Businessorganisation entdecken — deiner Firma oder meiner: Gummy Bear Inc. zum Beispiel. Es ist einfach, weil es bereits in der Definition einer Organisation steckt — jeder Organisation, nicht nur, aber eben auch einer Businessorganisation. Kommunikation, Bereitschaft und Zweck sind die einzigen Dinge, die man wirklich braucht, um eine Organisation zu bilden. Der Zweck ist klar, darüber haben wir schon gesprochen. Du brauchst etwas, das du tun willst — wie Gummibärchen herstellen oder Weltfrieden erreichen. Und es muss die Absicht geben, etwas zu tun — ausser du bist die Weltorganisation des Nihilismus, aber dann willst du ja auch etwas tun, nämlich das Nichts fördern. Das Erste — Kommunikation — ist wahrscheinlich das Interessanteste, denn sie muss nicht einfach nur vorhanden sein, sie setzt auch die Grenzen der Organisation bezüglich ihrer Grösse. Das ist tatsächlich Mathematik. Eine Organisation mit 5 Personen muss mit 10 Beziehungen umgehen (A-B, A-C, A-D, A-E, B-C, B-D, B-E, C-D, C-E, D-E). Wenn du die Anzahl Menschen verdoppelst, verdoppelst du nicht einfach die Anzahl Beziehungen; sie springt auf 45 (A-B, A-C, ha, du hast gedacht, ich schreibe das jetzt alles aus, oder?). Nur um ein bisschen anzugeben: Als Formel wäre das n(n-1)/2. Chester I. Barnard diskutiert dieses Problem in seinem Buch von 1938, The Functions of the Executive. Er hat eine grossartige Analyse der Zusammenarbeit in Unternehmen gemacht, und er war kein Eierkopf. Er war Manager, Autodidakt in Sozialtheorie.

    Barnard wies auf einige wichtige Eigenschaften hin, wie Menschen innerhalb einer Organisation miteinander interagieren. Und er machte auch klar, dass Individuen trotz dieser Interaktion immer ausserhalb aller Organisationen existieren. Individuen entstehen nicht erst in dem Moment, in dem sie etwas innerhalb einer Firma tun, sie sind vorher da und nachher und auch währenddessen. Individuen haben Beziehungen zur Organisation, aber sie gehen nie vollständig in ihr auf. Das ist wichtig, weil es das maschinenartige Bild beseitigt, das wir im letzten Essay entdeckt und verworfen haben (Input, Process, Output). Aber mein organisatorisches Setup sieht doch sehr maschinenartig aus, könntest du sagen, wir haben Organigramme und Prozesse und solches Zeug. Das ist die formale Organisation, und die gibt es tatsächlich, aber neben jeder formalen Organisation gibt es auch eine informelle. Du weisst nicht, wie der Drucker funktioniert? Frag einfach Steven. Der kann es dir sagen. Das ist möglich, weil sowohl du als auch Steven auch ausserhalb der — formalen — Organisation existieren. Du kannst also ausserhalb deiner Rolle in der Maschine handeln. Natürlich ist Stevens Drucker-Ratschlag nur eines von ungefähr Fantastilliarden Dingen, die eine informelle Organisation macht. Und schau, das ist kein Workaround, das ist einfach immer so, jede formale Organisation hat auch ein informelles Gegenstück. Und nur damit das klar ist: Beide Organisationen werden gebraucht und brauchen einander. Die formale Organisation würde zusammenbrechen, wenn es keine informellen Aktivitäten gäbe. Und die informelle Organisation kann nicht in einem Vakuum existieren. Was hat das Ganze nun mit Zusammenarbeit zu tun? Nun, besonders informelle Organisationen funktionieren fast immer auf einer horizontalen Ebene, denn Hierarchie ist etwas Formales.

    Von Margaret M. Blair und Lynn A. Stout haben wir bereits gehört, als wir uns angeschaut haben, was Businessorganisationen eigentlich sind. Ihre Team Production Theory betont, dass die horizontale oder laterale Interaktion — wie sie es nennen — entscheidend für Businessorganisationen ist. Ihrer Ansicht nach kann Hierarchie allein nicht erklären, wie Wert geschaffen wird. Das meiste, was sie tut, ist koordinieren oder ermöglichen, nicht erschaffen. Während sie also vielleicht notwendig ist, damit die Interaktion reibungslos funktioniert, sind es die lateralen Interaktionen selbst, die den Wert schaffen. Selbst ein Teil der Koordination — der klassischen hierarchischen Funktion — geschieht kooperativ.

    Das wirft die Frage auf: Welche Mechanismen in der hierarchischen Struktur machen sie problematisch und treiben horizontale Aktivitäten an? Dafür möchte ich dir den Rechtswissenschaftler Yochai Benkler und sein ziemlich cooles Paper Coase’s Penguin, or, Linux and the Nature of the Firm von 2002 vorstellen. Eines der Dinge, die Benkler beschreibt, ist, wie Informationsflüsse einen Teil dieses ganzen horizontalen Zeugs erklären können, das in vertikalen Organisationen passiert. Schau, alle formalen Organisationen gehen schon aufgrund ihrer Konstruktion wirklich schlecht mit Informationen um. Benkler nennt es lossy, ich nenne es schlecht. Was passiert, ist, dass hierarchiebasierte Systeme alle Informationen verwerfen, die nicht über den autorisierten oder formalen Kanal aus einer formalen Quelle kommen. Das Problem ist natürlich, dass viele Informationen nicht auf formale Weise reisen — hast du gehört, was in Finance gerade abgeht? Steven, wegen diesem Drucker. Die Hierarchie ist also schlecht darin, Informationen innerhalb der Organisation zu übertragen. Sie ist wie ein Mensch, der nur Informationen zuhört, die exakt im richtigen Format geliefert werden, und gute Ratschläge ignoriert, nur weil sie nicht auf diese Weise angekommen sind. Also müssen viele Informationen über eine horizontale Struktur ausserhalb der Hierarchie fliessen.

    Ein weiterer Punkt, den er macht, betrifft die Rolle des Managements in einem Unternehmen. Immer wenn Unsicherheit darüber besteht, was zu tun ist — und das kommt in Unternehmen ziemlich oft vor — sagt uns der Manager, was wir tun sollen, er gibt einen Befehl. Aber woher kommt dieser Befehl — ich meine seinen Inhalt. Er kommt tatsächlich vom Markt. Schau, die Aufgabe des Managers ist es, den Markt in unternehmensinterne Handlungen zu übersetzen — Produziert mehr rote Gummibärchen, die verkaufen sich gut. Aber das unterscheidet sich nicht von dem, was uns der Markt allein sagen würde, Management ist im Grunde einfach ein sehr gut bezahlter Übersetzer. Das ist wichtig, denn diese Übersetzungsfunktion kann auch von anderen Rollen als dem Manager übernommen werden und ist nicht zwingend an die Tätigkeit des Befehlens gebunden. Eine Übersetzungs-App befiehlt mir schliesslich auch nichts, sie gibt mir einfach Informationen. Wenn ich mich also wirklich schick fühlen will, kann ich meine Firma Societas Ursorum Gummosorum nennen, muss ich aber nicht. Nur damit das klar ist: Dieser letzte Punkt ist meine Lesart von Benkler, nicht seine exakte Aussage.

    Wie Zusammenarbeit klassische hierarchiebasierte Strukturen verbessern kann, lässt sich am besten an einem Beispiel zeigen, auch wenn es viele gibt. Xerox hatte früher ein einfaches System, um seine Techniker über seine Fotokopierer zu informieren. Die Ingenieure sollten ein Handbuch mit allen möglichen Fehlern schreiben, die ihnen einfielen, und es den Technikern zum Lesen geben. Das Problem war, dass den Ingenieuren nicht alles einfiel, was schiefgehen konnte. Alle Techniker wussten zusammengenommen alles, was mit diesen Maschinen passieren konnte, aber jeder einzelne Techniker war auf sich allein gestellt. Ihnen fehlte eine Möglichkeit, ihr kollektives Wissen zusammenzuführen. Also erfand Xerox ein elektronisches System, in dem Techniker alle Fälle posten konnten und Spezialisten und andere Techniker sie unterstützen und die Fälle diskutieren konnten. Durch die Integration horizontaler Zusammenarbeit — oder Peer Production, wie Benkler es nennt — machte Xerox aus Technikern, die Anweisungen befolgten, Wissensschöpfer. Sie schufen zusätzlichen Wert für ihren Supportprozess, der weiterhin innerhalb eines klassischen Unternehmens eingebettet war.

    Wenn wir an Coase zurückdenken und daran, wie Märkte — einzelne Interaktionen mit jedes Mal hohen Transaction Costs — und Firmen — billigere gebündelte Interaktionen — funktionieren, dann gibt uns Peer Production oder Zusammenarbeit eine dritte Möglichkeit, die wir in traditionellen Businessorganisationen nutzen können.

    Es funktioniert also in normalen Unternehmen, die hauptsächlich hierarchisch strukturiert sind. Aber gibt es auch Organisationsformen, die ausschliesslich oder hauptsächlich auf horizontaler Zusammenarbeit aufgebaut sind? Ja, die gibt es, und die Idee kommt aus sehr unterschiedlichen Richtungen.

    Als Václav Havel 1978 über politische Philosophie schrieb, kritisierte er nicht nur das System, in dem er lebte — kommunistischen Autoritarismus, er selbst nannte es post-totalitarian — und die Systeme, die er anderswo beobachtete — Demokratie —, sondern schlug auch eine Art post-democratic Struktur als Lösung für beide vor. Er stellte sich ein System vor, das von kleinen Organisationen getragen würde, klein genug, um persönliches Vertrauen und Verantwortung sicherzustellen, und dadurch offener und flexibler wäre statt der starken Bürokratie, die zu Entmenschlichung und irgendwann zum Zusammenbruch des Systems führen würde. Organisationen müssten zudem temporär sein und nur so lange existieren, wie ihr Zweck erfüllt werden musste, damit sie nicht vom Mechanismus der Form verschlungen würden. Sie müssten plural sein — also mit der Absicht, dass viele dasselbe tun, statt dass es monopolistisch geschieht. Und am wichtigsten: Diese Organisationen müssten task-driven sein — purpose-driven, wie ich es nenne — und nicht der Organisation selbst gegenüber loyal. Das bedeutet auch, dass Leadership diejenigen ermächtigen würde, die für die Aufgabe am besten geeignet sind, und nicht diejenigen, die ein Amt innehaben oder an einer bestimmten Stelle im Organigramm sitzen.

    Interessanterweise existierte das, was Havel sich vorgestellt hatte, damals bereits — zumindest teilweise — und tut es bis heute. Dazu kommen wir gleich, aber zuerst möchte ich dir so etwas wie ein Framework für Organisationen geben. Und ich verspreche, wirklich einfach und grundlegend zu bleiben. Von Benkler haben wir bereits gehört und davon, wie er Coases Arbeit über die Nature of the Firm weiterführte. Für Coase gab es entweder den Markt oder die Firma — entweder einzelne Verträge für jede Transaktion oder gebündelte Transaktionen. Benkler fügt eine dritte Möglichkeit hinzu, die Peer Production genannt wird. Du und ich kennen das alle. So ist die Entwicklung des grössten Teils von Open Source Software organisiert — ah, Linux, der Pinguin, jetzt verstehst du es. Ein Peer-Production-System fällt in die Kategorie der Self-Organization — zumindest mehr oder weniger, aber die Details kommen noch. Jetzt habe ich dir ein Framework versprochen. Hier ist es. Es gibt zwei Achsen.

    Die erste Achse betrifft die Frage, wie etwas am effizientesten organisiert werden kann: Market Exchange, organisatorisch — also klassische hierarchische Businessorganisation, die Firma — oder über Peer Production. Einen Apfel zu bekommen ist nun etwas so Einfaches, dass wir das wahrscheinlich dem Market Exchange überlassen — ich gehe in den Supermarkt und kaufe einen. Aber wenn ich jeden Tag Äpfel an alle meine Bürostandorte liefern lassen möchte, will ich sie vielleicht entweder im Grosshandel kaufen oder, wenn ich glaube, dass ich das innerhalb meiner Firma effizienter organisieren kann, sage ich HR, sie sollen das organisieren — dann ist es organisatorisch. Wenn ich nun eine Website mit Bildern von all den verschiedenen Apfelsorten machen möchte — und davon gibt es mehr als 7’500 —, könnte ich die Community von Apfelexperten und -liebhabern bitten, Bilder beizusteuern, die dann auf der Website zu sehen sind. Das ist sicherlich effizienter, als wenn ich selbst um die ganze Welt reise oder eine Firma einzig zu dem Zweck gründe, Äpfel zu fotografieren. Soweit klar?

    Gut, die zweite Achse bewertet das Property System, und da gibt es zwei Möglichkeiten. Lohnt es sich, eine Ressource zu besitzen — sie also zu bauen/zu kaufen oder meinen Anspruch darauf zu verteidigen — oder würde das mehr kosten, als es wert ist, und wäre es besser, sie zu teilen? Habe ich dich verloren? Einen Apfel zu kaufen ist eine einfache Aufgabe. Die Implementierungskosten dafür, dass mir ein Apfel gehört, sind also relativ gering. Ich muss in den Supermarkt gehen — das nervt mich immer ein bisschen. Ich wünschte, wir hätten Replicators zu Hause — Apple, Granny Smith, cold. Wenn mir aber eine Farm in Kalifornien gehört, ist es eine andere Geschichte, Wasser für meine Apfelbäume zu bekommen. Ich muss es aus einem Wasserreservoir beziehen. Mein eigenes zu bauen oder eines zu kaufen könnte zu teuer oder kompliziert sein, was ebenfalls heisst: zu teuer. Also muss ich mich auf das verlassen, was Elinor Ostrom in ihrem Buch Governing the Commons von 1990 als Common Pool Resources definierte. Das Wasser gehört mir nicht, aber ich habe die Möglichkeit, es zu nutzen.

    Ostrom ist in dieser Diskussion über Zusammenarbeit ziemlich wichtig, weil sie einen grossen Teil der Grundlagen gelegt hat. Und wieder ein Framework — sorry, aber irgendwie wichtig —, das Coases Firma wieder als Option 1 nimmt. Es ist ein freiwilliger Vertrag mit zumindest teilweise dem Ziel, dem Entrepreneur, dem Boss-Mann, Macht zu geben. Ostrom fügt eine zweite Option hinzu, nämlich den Staat, der ebenfalls organisieren kann und dies durch ein Gewaltmonopol tut — das muss keine tatsächliche Gewalt sein, kann sie aber beinhalten. Die dritte Möglichkeit, Arbeit zu organisieren, ist dann jene, die sie analysiert und als Self-Organization beschrieben hat. Der Grund dafür ist, dass sie, wenn man sie zum Funktionieren bringt, weder die Gewalt des Staates noch die vertragliche Macht der Firma benötigen würde, um Dinge wie die Bereitstellung von Regeln, das Commitment der beteiligten Parteien oder die Überwachung der Regeln sicherzustellen. Ebenfalls interessant ist, dass sich Self-Organization von Firma oder Staat nicht nur dadurch unterscheidet, dass sie keinen Zwang von oben verwendet, sondern auch dadurch, dass sie Organisieren im Sinne eines Prozesses ist und nicht das Resultat eines Prozesses. Firmen und Staaten dagegen sind Resultate. Das ist natürlich ein Grund, warum Self-Organization weniger formal und oft einfacher und günstiger ist.

    Rule Compliance ist ein universelles Problem, das jede Form des Organisierens irgendwie lösen muss — Firma und Staat lösen es mit Autorität von oben, und jetzt schauen wir uns an, wie Self-Organization es ohne diese löst. Dazu wurde tatsächlich ziemlich viel theoretisch nachgedacht. Und wir wissen schon aus episodischer Erfahrung, dass es ein echtes Problem ist, wenn Menschen zusammenarbeiten. Es gibt sogar Formeln — C > B – S, was einfach bedeutet, dass Regelbefolgung das Brechen der Regeln nur dann schlägt, wenn die Sanktion nach der Entdeckung grösser ist als der Gewinn. Ein weiteres Problem ist: Wenn du einen externen Enforcer einsetzt, brauchst du eine Erklärung dafür, was den externen Enforcer dazu motiviert, tatsächlich durchzugreifen. Du könntest den Enforcer überwachen, aber wer überwacht dann die Überwacher und so weiter. Dasselbe Problem bei den Free Riders — Menschen, die einfach von einer Organisation profitieren wollen, ohne etwas beizutragen. Du müsstest sie extern überwachen und irgendjemand müsste … wieder ad infinitum. Und es gibt einen Zusammenhang zwischen der Schaffung von Regeln, Commitment und Monitoring. Wie Ostrom es beschreibt: Without monitoring, there can be no credible commitment; without credible commitment, there is no reason to propose new rules. Das bedeutet: Wenn du mit einem davon ein Problem hast, bricht das ganze Ding zusammen.

    Ostrom hat einige Design Principles für kooperative oder selbstorganisierte Organisationen entwickelt, aber sie nähert sich dem Problem, indem sie reale Beispiele erfolgreicher Self-Organization untersucht. Die Beispiele haben alle mit natürlichen Ressourcen zu tun, denn erinnerst du dich an die Sache damit, dass Eigentum sich nicht lohnt und Teilen realistischer ist? Das passiert in diesen Fällen ziemlich oft. Wie bei der Fischerei in Alanya in der Türkei, wo die küstennahe Fischerei — insbesondere die Fangplätze — den verschiedenen Fischern zugeteilt werden muss. Über Jahrhunderte organisierten sich die Fischer selbst und fanden ein elegantes Rotationssystem, das dann zwischen den Individuen und innerhalb der Gemeinschaft selbst durchgesetzt wurde.

    In japanischen Bergdörfern ist die Common Pool Resource pflanzlich — Holz und Reet — und wird wiederum durch ein selbst entwickeltes System verteilt. Auch hier wurden die Regeln nicht von aussen vorgegeben, sondern innerhalb der Gemeinschaften selbst entwickelt. Und auch hier geschieht die Durchsetzung von innen. Rotierende Mitglieder der Gemeinschaft haben die Aufgabe, als Detektive durch den Wald zu streifen und nach regelwidriger Ernte Ausschau zu halten. Die Strafe besteht häufig aus Geld und Sake, die direkt an die Detektive gehen und damit gleichzeitig als Entschädigung für diese Überwachungsarbeit dienen.

    Ein etwas komplexeres System findet man in Valencia in Spanien, wo die Ressource Wasser für die Bewässerung von Feldern ist. Je nach Unterregion wurden individuelle Regeln dafür definiert, wie das Wasser verteilt wird. Für Streitigkeiten gibt es ein jahrhundertealtes Wassergericht. Ohne Anwälte werden am Gerichtstag sehr direkte und öffentliche Entscheidungen getroffen.

    Es gibt Dutzende weitere erfolgreiche Beispiele, die in den Schweizer Alpen, in Kalifornien und auf den Philippinen untersucht wurden, und unzählige weitere. Ostrom schaute sich aber auch Fälle an, in denen Self-Organization und Zusammenarbeit nicht funktionierten oder fragil waren. Wieder gibt es eine Fischerei in der Türkei, diesmal in Bodrum, wo die lokale Kooperative bis 1983 zusammenbrach. Zuvor hatte die Regierung den Kauf grösserer Hochseefischerboote durch Einheimische gefördert, dann aber die Drei-Meilen-Grenze für die Küstenfischerei nicht durchgesetzt. Das führte zusammen mit dem Eindringen von Tourismus und Hobbyfischern zu einer Überfüllung der Fangplätze, die unter den Fischern aufgeteilt worden waren. Ein weiteres Beispiel ist eine Fischerei in Mawelle, Sri Lanka, wo wohlhabende Unternehmer mehrere Anteile an den Fischereirechten ansammelten und das ursprüngliche Gleichgewicht zwischen den Fischern störten. Oder die Wasserbewässerung in der Region San Bernardino und Mojave in Kalifornien, wo eine einzige einheitliche Self-Organization in einer sehr grossen, vielfältigen Region versucht wurde. Externe Einmischung ist die sichtbarste Bedrohung — aber Self-Organizations können auch von innen scheitern, wenn das Commitment nachlässt oder das Monitoring von Insidern vereinnahmt wird.

    Aus the good, the bad and the ugly extrahierte Ostrom, was beim Aufbau von Kooperativen funktioniert und was nicht, und kam schliesslich auf acht Design Principles — eigentlich sieben plus eins, aber ist das nicht … egal: (1) Kooperativen brauchen klar definierte Grenzen, sowohl bezüglich der Sache als auch der Mitgliedschaft. (2) Regeln müssen zu den lokalen Bedingungen passen — keine komischen Ideen von aussen. (3) Es braucht ein Forum für Collective Decision-Making oder Choice. Die Betroffenen müssen die Regeln verändern können. (4) Monitoring muss direkt durch die Mitglieder der Kooperative erfolgen oder zumindest müssen die Monitors ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig sein. (5) Sanktionen sollten daran angepasst sein, wie schwerwiegend oder wiederholt ein Verstoss ist. (6) Es braucht einen schnellen und einfachen Mechanismus zur Konfliktlösung. (7) Das Recht, sich zu organisieren, muss anerkannt werden — zumindest minimal oder zumindest von aussen nicht bestritten werden. (8) Wenn die Self-Organization sehr gross ist, muss sie in Nested Enterprises organisiert werden. Klingt irgendwie detailliert? Ist es auch, hauptsächlich weil diese Punkte nicht theoretisch entwickelt wurden — es sind die gemeinsamen Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren, die Ostrom in tatsächlichen Fällen entdeckt hat.

    Benkler hat ebenfalls seine Design Principles für Peer Production, und sie unterscheiden sich ein bisschen. Aber warum? Sollte das nicht dasselbe sein? Die eine hat sich einfach Common Pool Resources angeschaut und der andere Informationstechnologie. Aber genau das ist der Unterschied, der Ressourcentyp. Schau, Ostroms Ressourcen sind Dinge wie Wasser, Fische, Holz und anderes natürliches Zeug — auch Rivalrous Resources genannt. Ihre Organisation muss also mit Knappheit, Erschöpfung und Grenzen umgehen. Sanktionen gegen Übernutzung sind wirklich wichtig. Benklers Information ist nonrival. Seine Design Principles müssen sich also mit Dingen wie Koordination und Qualität beschäftigen — Entwickler, die ihr Zeug in ein System integrieren, nicht Fischer, die einen Fangplatz übernutzen. Er — und er ist viel weniger nett und gibt uns keine hübsche, klare Liste — beschreibt ebenfalls acht Punkte. (1) Modularity bedeutet, Arbeit in Komponenten aufzuteilen, an denen unabhängig voneinander gearbeitet werden kann. (2) Granularity beschreibt, dass Beiträge in unterschiedlichen Grössen möglich sein sollten, von ein paar Zeilen Code bis zu monatelangen Arbeiten. (3) Du brauchst eine kostengünstige Möglichkeit, die einzelnen Beiträge zu integrieren. (4) Menschen müssen zumindest teilweise selbst auswählen können, was sie beitragen — sonst ist es keine Self-Organization —, aber Self-Selection hat auch einen starken Einfluss auf den nächsten Punkt. (5) Motivation kommt aus vielen verschiedenen Quellen wie Interesse, Lernmöglichkeiten, sozialen Verbindungen und anderen intrinsischen Quellen — Geld ist, wenn überhaupt, nur eine Möglichkeit. (6) Wer was macht, sollte weitgehend durch dezentrale Information gesteuert werden — der Versuch, alle Informationen zu zentralisieren, sollte vermieden werden. (7) Wo Preise und Management Commands unnötig oder teuer sind, sollten soziale Normen, Vertrauen, Reziprozität und Reputation die Arbeit koordinieren. Der nächste Punkt ist ein wirklich interessanter und löst das Qualitätsproblem, über das ich — als Quality-Mensch — mich immer gewundert habe. (8) Die Teilnehmenden selbst bewerten, korrigieren und verbessern gegenseitig ihre Beiträge. Das ist das Peer-Review-Modell, und man findet es auch in der Welt der Wissenschaft.

    Für mich ergibt das so viel Sinn, weil ich, als ich Ostrom zum ersten Mal las, ständig dachte: Nun, das passt nicht auf meine — hauptsächlich informationsgetriebene — Arbeit, wie soll ich diesen Fischereikooperativen-Mechanismus auf meine Arbeitsweise anwenden? Und dann entdeckte ich Benkler, und plötzlich funktioniert das viel besser. Was an sich schon ein wichtiger Punkt ist. In der Praxis ist kaum eine reale Tätigkeit rein das eine oder das andere — die meiste Arbeit beinhaltet eine Mischung aus beiden Arten von Ressourcen. Zeit und Budget verhalten sich oft eher wie Ostroms natürliche Ressourcen, während Information oder Wissen — Benkler — ohnehin in den meisten Businessprozessen vorhanden sind.

    Wenn Self-Organization also manchmal Sinn ergibt und es gute Guiding Principles aus der realen Welt gibt, lautet die logische nächste Frage: Wie kommen wir von hier nach dort — von einer traditionellen hierarchischen Organisation zu einer kooperativen oder selbstorganisierten Organisation oder einem Teil davon? Zuerst ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass es keine wirklich leere oder frische Ausgangslage gibt. Wirklich nicht, glaub mir. Selbst wenn du ein Start-up gründest, wirst du dich in einer bestimmten Umgebung mit bereits vorhandenen Strukturen wiederfinden. Ausserdem können wir nicht einfach löschen, was war, und neu anfangen. Es ist immer nur eine Veränderung oder — wie ich es gerne nenne — eine Transformation dessen, was ist, in das, was du anstrebst. Ostrom fand das in vielen der Fälle, die sie untersuchte. Organisatorischer Wandel ist erfolgreich, wenn er in inkrementellen, aufeinanderfolgenden kleinen Schritten geschieht, die geringe Anfangskosten verursachen und deshalb auch ein geringes Risiko haben. Irgendwann summieren sich die Veränderungen und das Commitment-Risiko steigt, aber das passiert schrittweise. Ebenfalls wichtig ist, dass jeder Schritt die Incentive Structure für den nächsten schaffen muss. Du kannst kein Monitoring-System aufbauen, wenn du nicht weisst, wie die Monitors entschädigt werden. Eine zentrale Voraussetzung sowohl bei Ostrom als auch bei Benkler ist Information Sharing und Diskussion. Ein Forum für Diskussion allein ist zwar keine Lösung, aber es ist für Self-Organization notwendig. Wir haben bereits darüber gesprochen und werden es wieder tun, wie wichtig Information Gathering und Information Sharing für sinnvolle — oder besser lösungsorientierte — Diskussionen sind.

    Also wird nach der Transformation irgendwann alles aus selbstorganisierten Kooperativen bestehen? Klingt lustig, oder? Nein, das ist nicht der Punkt, und es ist auch nicht der Punkt irgendeines der genannten Autoren. Self-Organization, Peer Production und Zusammenarbeit sind zusätzliche Möglichkeiten, Businessaktivitäten oder ganze Businessorganisationen zu organisieren. Beachte bitte, dass ich nicht Option gesagt habe, denn ich glaube, es ist eher eine logische Entscheidung darüber, was am besten geeignet ist, als irgendeine Geschmackswahl.

    Schau, wir hatten Benklers Framework mit den Achsen. Auf der einen Seite die Frage, wie etwas am effizientesten organisiert wird — Market, Firm oder Self-Organization — und auf der anderen Seite, ob es kostentechnisch besser ist, eine Ressource zu besitzen oder sie aus einem Common Pool zu teilen. Wir haben also fünf verschiedene Möglichkeiten. Ha, schon wieder erwischt, es sind natürlich sechs. Erlaube mir, mein absolutes Lieblingsbeispiel, die Herstellung von Gummibärchen, zu verwenden, um die Möglichkeiten zu füllen.

    Wenn viele Menschen Gummibärchenmaschinen und Rezepte besitzen und Ressourcen auf dem Markt leicht verfügbar sind, befinden wir uns in der Kategorie Market und Owning. Weil Ressourcen billig und leicht verfügbar sind und der Prozess einfach ist, würde interne Organisation oder Peer Production nur unnötige Kosten und Komplexität hinzufügen — also gewinnt der Markt automatisch. (Andere Beispiele: ein Bauernmarkt oder Amazon Marketplace)

    Wenn es nun immer noch viele Menschen mit ihrer eigenen Infrastruktur und einem einfachen Prozess gibt, sie aber eine frei verfügbare Ressource nutzen müssen, wie das seit Ewigkeiten bekannte Rezept für Gummibärchen oder die rote Farbe, die aus der gemeinen roten Springspinne gewonnen wird, wäre die beste Lösung Market Transactions und Sharing Resources. (Oder Freelance-Fotografen oder Strassenmusiker)

    In einer Situation, in der die Herstellung von Gummibärchen ein wirklich komplizierter, mehrstufiger Prozess ist, der einen Scheisshaufen an R&D und Maschinen sowie eng koordinierte Teamarbeit erfordert und bei dem ein einziger Fehler die Gummibärchen in Zementkaninchen verwandeln könnte, die Ressourcen aber weiterhin auf dem Markt verfügbar sind, scheint es am sinnvollsten, ganz klassisch auf die Struktur Firm und Owning Resources zu setzen. (Oder Tesla oder Zara oder eine Menge anderer traditioneller Unternehmen mit viel in-house Aktivitäten)

    Aber was, wenn du bei demselben bescheuert komplizierten, aber notwendigen Prozess immer noch diese verdammten gemeinen roten Springspinnen brauchst und die einfach überall herumspringen? Oder, etwas realistischer, die Gummibärchenmaschinen müssen in einem riesigen hangarartigen Gebäude stehen, das der Gemeinschaft gehört, weil sie so hoch sind wie dreissig Häuser. Dann brauchst du immer noch eine Firma, um deinen Prozess zu koordinieren, aber du brauchst Ressourcen, die besser geteilt werden, weil dein Unternehmen kein riesiges Gebäude bauen kann oder weil es bescheuert wäre, Spinnen auf dem Markt zu kaufen, wenn du sie einfach von der Strasse sammeln kannst. (Oder eine Airline, die Flughäfen teilt)

    Was aber, wenn ganz viele Menschen Gummibärchenbeinmaschinen haben und ganz viele Menschen Gummibärchenbauchmaschinen und ganz viele Menschen Gummibärchenkopfmaschinen und so weiter? Diese Menschen wissen natürlich auch, wie man diese Teile herstellt, weil sie ihre Rezepte haben. Angenommen, du brauchst eine zentrale Maschine — im Besitz eines Unternehmens —, die Beine, Bäuche und Köpfe zu einem vollständigen Gummibärchen zusammensetzen kann, und die Ressourcen sind auf dem Markt verfügbar — du weisst schon, das Zeug, aus dem die Gummibärchen gemacht werden —, dann wäre das ein logisches Beispiel für Self-Organization und Owning Resources. (GitHub oder Knowledge-Sharing-Plattformen, die einem Unternehmen gehören, wie LEGO Ideas)

    Was, wenn du einzelne Beitragende für Gummibärchenteile hast und die Teile einfach und billig zusammengesetzt werden können — nicht mit einer Maschine, sondern einfach mit etwas Spucke. Und die Ressourcen — wie Rezept, Gummibärchenmaterial, Spucke und die Spinnen — sind grösstenteils gemeinschaftlich und frei verfügbar. Das wäre dann eine Form, die sowohl Self-Organized ist als auch Sharing Resources nutzt. (Wikipedia oder die Linux Foundation)

    Einige dieser Kategorien mögen für dich nach Nischen klingen, aber das liegt nicht daran, dass sie kein Potenzial hätten. Das Problem ist vielmehr, dass bestimmte Strukturen vorherrschend geworden sind und oft falsch angewendet werden. Die klassische Hierarchie-/Firm- und Ownership-Struktur wird oft eingesetzt, obwohl die Bedingungen eher für eine stärker selbstorganisierte Struktur sprechen würden. Im Bereich der Informationstechnologie gab es Beispiele wie Microsoft Encarta, das versuchte, Wissen so einzufangen, wie Wikipedia es später tat. AOL versuchte, das Internet zu organisieren — mit einem Walled Garden, einem zentral kuratierten Portal. In anderen Fällen geht es nicht um Scheitern, sondern darum, was besser funktionieren würde — billiger oder effizienter. Nimm Unix — ursprünglich von AT&T entwickelt und im Besitz von AT&T, später in verschiedene kommerzielle Varianten fragmentiert, die für Kunden oft kompliziert zu kaufen und zu betreiben waren — und Linux — kostenlos und in vielen Formen leicht verfügbar. Oft sehen wir die billigere Alternative nicht, weil diese Struktur auf diese Businessaktivität noch nie angewendet wurde. Im Buchgeschäft glaubte man ewig, dass das Produktions- und Vertriebssystem Verlage zwingend notwendig mache. Dann aber wurde Self-Publishing durch moderne Druckmaschinen ermöglicht, die einzelne Exemplare oder kleine Mengen eines Buches produzieren konnten. Online-Buchhändler machten den Vertrieb zugänglicher, und E-Books wirbelten die alten Strukturen erneut durcheinander. Das bedeutet nun nicht, dass Self-Organization für alles perfekt ist. Self-Publishing hat seinen fairen Anteil an Problemen — Quality Control ist eines davon, Marketing ein anderes. Aber es hat neue Möglichkeiten eröffnet. Schau, auch Gummibärchen können von Gummy Bear Inc. hergestellt werden. Sie können 5 neue Food Designer einstellen, um neue Geschmacksrichtungen und Formen zu entwickeln. Aber du bekommst nur das, worauf 5 Menschen kommen können. Wenn du all die 500 Millionen Gummibärchenliebhaber auf diesem Planeten mit ihren eigenen Küchen, ihrem Wissen und ihrer Erfahrung nimmst, bekommst du vielleicht viel mehr Ideen für neue Gummibärchenköstlichkeiten.

    Noch einmal: Zusammenarbeit ist nicht die einzige Form für Businessorganisationen, sie ist eine dritte Möglichkeit. Sie wird sicherlich zu wenig genutzt, obwohl klare Kriterien verfügbar sind. Letztlich zählt, was am meisten Sinn ergibt, wenn man sich die Kosten anschaut, sowohl für die Organisation als auch für Ownership. Die Logik selbst ist ziemlich geradlinig, sobald du weisst, dass du danach suchen musst. Das bedeutet, wir sollten uns einfach unsere Organisationen anschauen und ehrlich sein, ob wir wirklich die kosteneffizienteste Struktur gefunden haben, und festgefahrene Stereotype beiseitelegen. Wir müssen mehr mit offeneren Strukturen experimentieren. Diese Experimente können sehr stark auf bestimmte Bereiche unseres Business begrenzt sein — denk daran, kleine inkrementelle Schritte sind wichtig —, aber sie brauchen eine echte Chance, und das bringt mich zu einem letzten Punkt, den Ostrom über die wahrscheinlich grösste Bedrohung jeder Self-Organization macht: Untergrabung von aussen. Self-Organizations brauchen ein Umfeld, in dem sie in der Businesswelt als valide Möglichkeit akzeptiert werden und nicht als Marketing-Gag, der häufig missbraucht und zerstört wird.

    Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass eine grosse Anzahl von Menschen mit unterschiedlichem Wissen oft der Wertschöpfung zugutekommt, die — wie wir bereits gesehen haben — zentral für Businessaktivitäten ist. Du weisst schon, die 500 Millionen Gummibärchenliebhaber. Vielleicht bekommst du dann diesen Whiskey-infused Grizzly Gummy oder den «Lil‘ Nitro» oder das 5-kg-Gummibärchen.

    Mit offeneren Businessstrukturen haben wir die Möglichkeit, das zu erreichen, was Havel für das politische System wollte: eine flexiblere, vertrauenswürdigere und sozialere Art, Business zu betreiben. Havel sprach über politischen Widerstand, nicht über Business. Der Druck und die Anreize sind andere, aber das grundlegende Prinzip gilt trotzdem. Aber nur damit das kristallklar ist, denn diesen Punkt machte er selbst: Kein institutionelles Design kann moralisches Handeln garantieren. Strukturen allein können uns nicht retten. Wir bekommen vielleicht ein besseres Schiff — zumindest für gewisse Wetterbedingungen —, aber wir müssen immer noch richtig segeln. Darüber sprechen wir als Nächstes — wie wir besser zusammenarbeiten.

    Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

    Carroll, Lewis. Alice’s Adventures in Wonderland. 1865.

    Barnard, Chester I. The Functions of the Executive. Harvard University Press, 1938.

    Blair, Margaret M., and Lynn A. Stout. «A Team Production Theory of Corporate Law.» Virginia Law Review, vol. 85, no. 2, March 1999, pp. 247–328.

    Havel, Václav. The Power of the Powerless. 1978.

    Ostrom, Elinor. Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge University Press, 1990.

    Benkler, Yochai. «Coase’s Penguin, or, Linux and the Nature of the Firm.» Yale Law Journal, vol. 112, no. 3, December 2002, pp. 369–446.

  • «Of the Mushroom»

    «Of the Mushroom»

    Oder

    Was schauen wir uns eigentlich an

    «Eine Seite von was? Die andere Seite von was?», dachte Alice bei sich.

    Das ist eine gute Frage, die beantwortet werden muss, bevor wir weitermachen können, denn oft untersuchen und analysieren und verändern und verbessern und vermasseln wir Dinge, ohne uns jemals zu fragen: Was ist eigentlich dieses Ding, das wir uns da anschauen?

    Die meisten von uns – und ich schliesse mich da mit ein, zumindest ein früheres Ich – tragen ein Bild von Wirtschaftsorganisationen als Maschinen mit sich herum – Inputs rein, Outputs raus, gesteuert von demjenigen, der die Hebel in der Hand hält. Dieses Bild ist logisch, historisch und rechtlich falsch. Und es lohnt sich, ein wenig unserer Zeit darauf zu verwenden, es genauer anzuschauen, denn was dieses Bild falsch darstellt, prägt alles andere, was wir tun.

    Und wo könnten wir besser anfangen als bei Ronald H. Coase und seinem Paper «The Nature of the Firm» von 1937. Das ist jetzt Hardcore-Ökonomie, aber wir werden später noch andere Perspektiven kennenlernen. Für Coase ergibt sich die Definition einer Firma – wie er sie nennt – aus dem Grund, warum sie überhaupt entsteht. Die Nutzung jeglicher Art von Ressourcen – Arbeit, Kapital, Wissen, Stahl, Mikrochips oder was auch immer – über den Markt verursacht bestimmte reale Kosten: sie zu finden, den Preis herauszufinden, zu verhandeln, Verträge abzuschliessen. Diese nennt man Transaktionskosten. Eine Firma ersetzt nun eine Reihe dieser Verträge durch einen einzigen umfassenden Vertrag. Dadurch sollten die Transaktionskosten tiefer sein. Kosten sind hier allerdings in einem umfassenden Sinn gemeint. Denn wenn du so bist wie ich, denkst du wahrscheinlich: Na ja, es geht doch nicht nur um Kosten, es wäre auch unglaublich kompliziert – bis hin zur Unmöglichkeit –, für all die verschiedenen Ressourcen mit all ihren unterschiedlichen Anbietern einzelne Verträge abzuschliessen. Aber siehst du, für einen Ökonomen wie Coase bedeutet kompliziert einfach höhere Kosten, was natürlich stimmt, wir sind es nur nicht gewohnt, es so zu nennen. Firmen senken also Transaktionskosten. Punkt. Natürlich erzeugen Firmen auch ihre eigenen internen Kosten – und genau das setzt ihnen Grenzen –, aber das ist eine andere Diskussion.

    Wieder wollen wir unsere Stimme erheben und sagen: Aber was ist mit Koordination als Grund für Firmen? So viele Menschen, so viele Ressourcen können doch nicht einfach funktionieren, ohne dass das alles koordiniert wird. Einverstanden, Koordination ist real, aber sie erklärt nicht wirklich, warum Firmen existieren. Siehst du, Koordination wäre auch in einem Multiversum von Verträgen möglich, es wäre nur so kompliziert, dass die Transaktionskosten explodieren würden.

    Es geht also immer noch primär um die Senkung von Transaktionskosten. Ich weiss, irgendwie etwas flach, aber hey, es stimmt. Etwas anderes, das Transaktionskosten in die Höhe treibt, ist eine dieser offensichtlichen Tatsachen des Lebens. Wir haben bereits besprochen, dass Zeit und Veränderung Aspekte sind, die immer da sind. Im letzten Essay haben wir gesehen, dass wir ständig Fangen spielen. Die Realität verändert sich in dem Moment, in dem wir sie betrachten. Und weil sich unsere Wahrnehmung verändert, verändert sich sogar die Vergangenheit. Deshalb ist die Zukunft zwangsläufig bis zu einem gewissen Grad unsicher. Nun werden die meisten Verträge für die Zukunft geschlossen. Detaillierte, individuelle Verträge über den zukünftigen Austausch von Ressourcen abzuschliessen, ist problematisch – um es klar zu sagen: teuer, nicht unmöglich. Es ist irgendwie schwierig, einen Vertrag über zukünftige Mikrochips abzuschliessen, deren Funktionsweise ich heute noch gar nicht kenne. Eine bessere Möglichkeit ist dann, das Wissen und die Arbeitskraft einzustellen und sie entwickeln zu lassen, wodurch wiederum die Transaktionskosten sinken.

    Firmen entstehen also wegen Kosten und – erlaubt mir, das gesondert hervorzuheben, obwohl es mit Kosten zusammenhängt – wegen Unsicherheit. Oder anders gesagt: Sie ersetzen individuelle, spezifische Verträge durch umfassende Verträge, die innerhalb bestimmter Grenzen lediglich eine Richtung vorgeben – ich stelle dich als Mikrochip-Ingenieur ein, nicht damit du einen bestimmten, im Voraus definierten zukünftigen Mikrochip entwickelst.

    Aber wenn ich im Jurastudium eines gelernt habe, dann, dass es immer unterschiedliche Ansätze für eine Interpretation oder Definition gibt. Ein anderer wäre der historische Ansatz. Nun haben wir unsere Hausaufgaben gemacht und die Geschichte der Corporation bereits in einem früheren Essay besprochen. Colin Mayer hat in seinem Buch «Prosperity: Better Business Makes the Greater Good» ebenfalls eine gute Zusammenfassung – das ganze Buch ist natürlich interessant. Im Wesentlichen zeigt der historische Ansatz, dass Wirtschaftsorganisationen nicht als einfache Maschinen gedacht waren, sondern eher als eigenständige Entitäten oder Personen – ja, deshalb nennen wir sie heute juristische Personen. Siehst du, es entstand das Bedürfnis nach einer Entität, die unabhängig von den einzelnen Menschen war, die übernehmen und eigenständig kontinuierlich handeln konnte. Die Idee entstand schrittweise – als Entwicklung –, angefangen beim römischen collegium über das kanonische Recht und englische municipal charters bis hin zu den Zünften. Diese Organisationen sollten eine öffentliche und/oder institutionelle Funktion erfüllen – zum Beispiel Steuern einziehen, Überseehandel betreiben oder Standards für das Handwerk festlegen. Der ganze Kram mit der Kapitalbeschaffung kam erst später hinzu, indem man die Corporate Organization – deren Fokus auf der Leistungserbringung und der Governance lag – mit der Partnership verschmolz, der traditionellen Form der Kapitalbeschaffung. Aus ihrer historischen Entwicklung heraus haben Wirtschaftsorganisationen, wie wir sie heute kennen, deshalb noch immer diese beiden Aspekte: Kapitalbeschaffung und öffentlicher Zweck.

    Auch diese lustige Sache mit der Persona war eine historische Entwicklung. Und sie hängt mit etwas zusammen, das ich bereits von Barnard zitiert habe: Eine Organisation würde sich selbst zerstören, wenn sie nur einen fixen Purpose im Sinne einer Ziellinie hätte – wir wollen Laufschuhe herstellen. In der historischen Urform war das bei Wirtschaftsorganisationen tatsächlich der Fall. Aber bereits die Römer erkannten, dass dies die Nützlichkeit dieser Organisationen einschränkt. Sie mussten sich den Bedürfnissen anpassen können. In einem Jahr Armeen mit Vorräten versorgen, im nächsten Steuern einziehen. Und genau das ist der Unterschied zwischen einer Maschine, die für einen bestimmten Zweck gebaut wird, und einer Persona, die sich verändern kann. Kein Hammer – der nur Nägel und Finger hämmern kann –, sondern ein Handwerker, der alle möglichen Dinge reparieren kann.

    Wenn wir nun die Frage, was eine Wirtschaftsorganisation ist, auch aus gesellschaftlicher Perspektive betrachten wollen, müssen wir klären, wer zu diesen Organisationen beiträgt. Denn denk daran, Coase geht darauf nicht ein. Er sagt lediglich, dass es eine Menge Interaktionen oder Verträge gibt und es günstiger ist, daraus ein Bündel zu machen, statt hundert verschiedene vertragliche Vereinbarungen abzuschliessen. Wer liefert also die Investitionen? Denn genau das sind diese Beiträge: Investitionen im weitesten Sinne. Margaret M. Blair und Lynn A. Stout beschreiben das in einem Paper namens «A Team Production Theory of Corporate Law». Ja, ich weiss, Corporate Law gehört nicht gerade zu den aufregendsten Themen, aber sie haben ein paar ziemlich coole Ideen. Es ist also allgemein anerkannt, dass es neben finanziellen Investoren noch andere Beitragende gibt und dass viele von ihnen tatsächlich unerlässlich dafür sind, dass ein Unternehmen überhaupt existieren kann: Manager, Mitarbeitende, die Community und natürlich die Kapitalgeber. Alle ihre Beiträge sind also notwendige Investitionen oder Ressourcen in die Organisation. Der Akt der Incorporation – sorry, eine seltsame Art zu sagen, dass ein Unternehmen gegründet wird – bedeutet, dass einige dieser Beitragenden ein Team bilden, indem sie ihre Kontrollrechte über Input, Prozess und Output an eine neue, separate juristische Person abgeben, die «takes on a life of its own and could, potentially, act against their interests.» Warum tun sie das? Nun, gute Frage. Ein Grund ist, dass ihre Beiträge, sobald sie in einem Unternehmen zusammenarbeiten, firm-specific werden, was bedeutet, dass sie ausserhalb dieser Zusammenarbeit weniger wert wären. Das gilt für alle Beitragenden und stellt damit ihre Verbindung her. Dann gibt es das Problem der Kontrolle. Alle Formen, bei denen nur einer oder eine kleine Anzahl der Beitragenden die Kontrolle innehätte, führen für die anderen zu einer riskanten Situation. Also wird die Kontrolle dieser neu geschaffenen Entität übertragen oder, genauer gesagt, ihrem vermittelnden Organ – dem Board –, weil keiner einzelnen Gruppe von Beitragenden zugetraut werden kann, sie allein auszuüben.

    Okay, wir hatten die ökonomische Perspektive, die historische und die gesellschaftliche. Purpose — also Zweck — haben wir kurz erwähnt, aber darüber müssen wir noch sprechen. Purpose ist eigentlich philosophisch, aber keine Angst, es wird ziemlich praktisch bleiben.

    Aber was hat Purpose mit Definition zu tun? Nun, auch ohne ein allzu grosses Gedankengebäude zu errichten, können wir uns wohl alle darauf einigen, dass uns der Purpose von etwas eine ziemlich gute Vorstellung davon gibt, was dieses Etwas eigentlich ist. Speziell bei Wirtschaftsorganisationen hat Mayer festgestellt, dass der Purpose die inneren Abläufe bestimmt – er nennt das Structure und Conduct –, und diese wiederum bestimmen die Performance, gemessen am Purpose – für Überseehandel brauchst du Schiffe, keine Serverfarm und kein Chemielabor. Der erste Teil ist für uns interessant, denn er bedeutet: Sobald wir den Purpose kennen, wissen wir, wie eine Wirtschaftsorganisation tatsächlich strukturiert ist.

    Gehen wir nun zurück zu Blair und Stout oder besser gesagt zu ihrer Wiedergabe der Definition von Team Production von Alchian und Demsetz. Eigentlich ist sie ziemlich einfach und besteht aus drei Teilen: An der Produktion sind mehrere Arten von Ressourcen beteiligt – die üblichen Verdächtigen wie Arbeit, Materialien, Wissen und solche Dinge. Das fertige Produkt lässt sich nicht sinnvoll in einzelne Outputs zerlegen – ja, du kannst ein Smartphone auseinandernehmen, aber normalerweise sind die einzelnen Teile danach nicht mehr besonders nützlich. Genau deshalb gibt es auch keinen einzelnen Eigentümer all dieser Ressourcen – kein einzelner Beitragender kann das Ergebnis für sich beanspruchen, weshalb es der neuen Entität zufällt, es zu halten und zu verwalten.

    Nehmen wir nun diese Idee von Blair und Stout und fügen hinzu, dass das gesamte Produkt tatsächlich grösser wird als die Summe seiner Teile. Denk mal darüber nach. Winzige Lautsprecher, eine gute touchbasierte GUI und Mikrochips und Batterien, die du tausende Male wieder aufladen kannst, und all die anderen Komponenten eines Smartphones sind ziemlich cool, aber erst wenn du sie zusammensetzt, werden sie zu etwas wirklich Nützlichem. Oder, um ihr Beispiel zu nehmen: Indem sie gemeinsam ein Paper schreiben, können sie auf viel nerdigere Ideen kommen, als jeder von ihnen allein hätte entwickeln können – was natürlich bedeutet, dass sie gemeinsam über mehr Wissen verfügen als einzeln.

    Etwas, das wir jetzt und hier klären müssen, ist, warum Geld nicht die perfekte Antwort auf die Frage nach dem Purpose einer Wirtschaftsorganisation ist. Profit – richtig? – ist das Wichtigste im Business. Die ganze Diskussion über Profit ist detailliert, und wir müssen sehr präzise sein. Also spitz deine Leseohren. Profit ist bei jeder geschäftlichen Tätigkeit wirklich wichtig. Kein Autor, der über Ökonomie oder Management schreibt, würde dem widersprechen. Zumindest habe ich noch keinen gefunden. Aber was ist mit den kritischeren Denkern? Autoren wie Mayer oder Porter oder Freeman und Mintzberg, aber auch das epische D&D – Drucker und Deming – halten Profit weiterhin für wichtig. Und im Grunde sind sie sich alle darin einig, dass Profit vor allem deshalb wichtig ist, weil er eine Voraussetzung für das Überleben der Organisation ist. Er ist eine Notwendigkeit, eine ökonomische Überlebensbedingung. Mayer geht sogar so weit, ihn als Input des Prozesses zu bezeichnen und nicht als Output. Aber diese differenzierteren Denker sind sich auch darin einig, dass Profit nicht der Purpose einer Wirtschaftsorganisation ist. Geld verdienen ist cool und notwendig, aber du musst etwas tun, um es zu verdienen. Dieses Etwas ist dein Purpose. Selbst Topmanager haben ihre Unternehmen um etwas anderes als Profit herum aufgebaut: Paul Polman (Unilever), Konosuke Matsushita (Panasonic), Akio Morita (Sony) und Steve Jobs zum Beispiel. Wir können dieses andere Etwas als Value bezeichnen, und der Prozess heisst Value Creation — und ja, wir werden in einem späteren Essay darüber sprechen.

    Nun lasst mich noch einen Bonuspunkt hinzufügen, denn er ergibt sich aus dieser Diskussion. Und zwar geht es darum, wie Value in einer Wirtschaftsorganisation strukturell geschaffen wird. Wir haben gesehen, dass Teams Value schaffen, die gebündelte Leistung aus den vielen benötigten Ressourcen. Das ist nichts Neues. Das Team bei Blair und Stout hat etwas geschaffen, das mehr war als die Summe aller Inputs. Es hat Value hinzugefügt. Der wirklich interessante Teil ist nun, dass diese wertschöpfenden Prozesse in Unternehmen meist horizontal ablaufen. Das kennen wir von den Prozessen aus unserer täglichen Erfahrung. Die meisten Prozessabläufe, die Wert schaffen, verlaufen horizontal. Eine Person oder ein Team fügt dem etwas hinzu, was die vorherige Person oder das vorherige Team beigetragen hat. Mein Kollege im Procurement kauft das Material. Jemand in R&D entwickelt die Lautsprecher. Ich baue den Mikrochip zusammen, dann baut ein anderes Team den Mikrochip ins Smartphone ein – sorry, denkt daran, ich habe einmal eine Festplatte kurzgeschlossen –, jemand entwickelt und lädt die Software. Allgemein gesprochen ist das alles ein horizontaler Prozess oder nennen wir es einen horizontal ausgerichteten Flow. Was soll dann die vertikale Struktur – oder Hierarchie – eigentlich tun? Auch sie wird gebraucht, denn sie koordiniert, weil Prozesse sonst ständig in Probleme laufen würden. Man kann sagen, dass Hierarchie Kosten der Koordination verursacht, aber keine Quelle von Wert ist. Der Wert entsteht durch das, was zwischen Menschen auf derselben Ebene geschieht, er basiert auf horizontaler Zusammenarbeit. Hierarchie ist also problemgetrieben und Kooperation wertgetrieben. Hat das gerade dein Hirn weggeblasen? Meines jedenfalls schon, als ich das zum ersten Mal entdeckt habe.

    Und da wir festgestellt haben, dass Wertschöpfung im Zentrum dessen steht, worum es bei Business geht, muss das auch für Kooperation gelten. Wir haben die Bündelung von Beziehungen als einen Grund für Firmen gefunden, die Notwendigkeit einer flexiblen, persona-artigen Organisation, die Bildung eines Teams und Wertschöpfung als Purpose von Wirtschaftsorganisationen. Nun können wir auch noch hinzufügen, dass es bei ihnen um Kooperation geht.

    Das bedeutet, dass wir als Nächstes über Kooperation sprechen müssen, und das werden wir. Aber fürs Erste haben wir sicherlich ein ziemlich gutes Bild davon, was wir uns eigentlich anschauen.

    Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

    Carroll, Lewis. «Alice’s Adventures in Wonderland». 1865.

    Coase, Ronald H. «The Nature of the Firm.» Economica, vol. 4, no. 16, November 1937, pp. 386–405.

    Mayer, Colin. «Prosperity: Better Business Makes the Greater Good». Oxford University Press, 2018.

    Blair, Margaret M., and Lynn A. Stout. «A Team Production Theory of Corporate Law.» Virginia Law Review, vol. 85, no. 2, March 1999, pp. 247–328.

    Drucker, Peter F. «The Practice of Management». Harper & Row, 1954.

  • «Through the looking-glass»

    «Through the looking-glass»

    Oder

    Wie wir die Dinge betrachten

    For some minutes it puffed away without speaking, but at last it unfolded its arms, took the hookah out of its mouth again, and said, “So you think you’re changed, do you?”

    Ja, ich glaube, ich habe mich verändert. Du auch? Die Dinge, die ich anschaue, haben sich ebenfalls verändert, oder ist es nur meine Wahrnehmung? Und ah, schon wieder, gerade ist es wieder passiert, neue Farben, neue Bedeutung. Mein Gott, schon wieder. Oder liegt es gar nicht an der Färbung, sondern an meinen Augen, meinem Gehirn? Und wie ist es bei dir? Siehst du es auch? Denn sonst, was bringt das Ganze? Wir werden auf all das eingehen. Schritt für Schritt, aber zuerst möchte ich dir versichern, dass wir immer noch über Business, Management Theory, Systeme und Organisationen sprechen. Und wir sprechen über Menschen, mich und dich und die anderen. Das Thema heute ist Wahrnehmung und Perspektive, Framing und Annahmen. Wie wir etwas betrachten. Warum ist das wichtig? Nun, es ist der erste Schritt. Wenn wir etwas nicht anschauen — oder auf eine andere Art wahrnehmen — wie sollten wir dann irgendetwas damit anfangen? Also müssen wir ES irgendwie erfassen, ES uns zu eigen machen. Klingt logisch? Ja? Das Problem ist, dass genau hier vielleicht unsere Probleme anfangen.

    Wenn wir auf die Realität schauen, bauen wir fixe, isolierte und oft fiktionale Momentaufnahmen und halten sie für die Wirklichkeit. Ein KPI heute Nachmittag. Drei Monate Daten. Option A, B oder C. Für den Bruchteil einer Sekunde wahr, aber behandelt, als wäre es dauerhaft.

    Wir tun das aus drei Gründen — Zeitdruck, fehlendes Wissen und etwas, das schwerer einzugestehen ist: Intellectual Laziness. Nicht Dummheit. Einfach das Versäumnis, eine Fähigkeit zu nutzen, die wir bereits haben: unsere Fähigkeit zu denken und zu schlussfolgern.

    Das ist wichtig, weil es dasselbe Versagen ist, das Böses alltäglich werden lässt, das eine schlechte Entscheidung ungeprüft durchgehen lässt, das eine Strategie weiterlaufen lässt, ohne dass sie jemals ihre eigenen Fakten überprüft. Das passiert ständig — leise, überall und teuer. Sprechen wir darüber, wie wir das vermeiden können.

    Denn das ist, was wir immer tun. Wir machen fixe Momentaufnahmen der Realität. Wir berechnen heute Nachmittag einen KPI, wir machen eine Analyse der letzten drei Monate. Wir bewerten die Optionen A, B und C. Aber das sind nur Aspekte; sie lassen den grössten Teil weg. Wir schauen auf die Vorderseite, vergessen aber, was dahinter ist oder hinter dem Dahinter. Und sie sind nur für den Bruchteil einer Sekunde wahr. Danach hat sich die Realität schon wieder verändert, sogar die Vergangenheit. Was wir erfassen, sind fiktionale, fragmentierte Versionen der Realität — manchmal ist das notwendig, manchmal fehlerhaft und manchmal geradezu katastrophal. Oder wie in Köhlers Experimenten kann es uns die Banane kosten. Zu verstehen, dass die Färbung allein nicht das ist, was dich zum Futter führt. Er entdeckte, dass Affen lernen können, dass die Relation zählt. Dunkelgrau und Hellgrau sind nicht einfach wegen ihrer individuellen Farben wichtig. Dass, wenn neben das Hellgrau ein noch helleres Grau gelegt wird, dieses noch hellere Grau der richtige Weg ist, ist eine wichtige Lektion. Es geht um relationale Wahrnehmung. Wir neigen dazu, Dinge isoliert zu betrachten, obwohl eigentlich die Beziehung der bedeutungsvolle Teil ist. Und wenn Affen das lernen können, sollten wir es auch schaffen.

    Warum hören wir dann so oft auf, bevor wir eine ausreichend gute Wahrnehmung dessen haben, womit wir uns eigentlich beschäftigen? Ein Grund ist wahrscheinlich genau das, was du gerade denkst: «Ich hab keine Zeit für diesen Mist!» Zeitdruck oder anderer Ressourcendruck führt dazu, dass wir Abkürzungen nehmen. Dass wir glauben, eine oberflächliche Vorstellung reiche aus. Etwas, dem wir auch schon begegnet sind, als wir uns Entscheidungsprozesse angesehen haben.

    Der zweite Grund ist, dass das alles ziemlich kompliziert klingt. Zeug hinter anderem Zeug hinter noch anderem Zeug. Und woher soll ich wissen, wie zwei Dinge zusammenhängen, geschweige denn ein Dutzend verschiedene Aspekte? Es ist wie wenn ich ins Innere meines Computers schaue und keine Ahnung habe, was jedes dieser glänzenden Hardwareteile macht oder ob es einen Kurzschluss gibt, wenn ich das Kabel anders herum einstecke — eine Festplatte im Jahr 1998, falls du dich fragst. Das bin ich, dem es an Ausbildung oder Wissen oder Erfahrung gefehlt hat. Diese beiden Dinge, resource scarcity und knowledge scarcity, werden Themen zukünftiger Essays sein.

    Heute sprechen wir über den dritten Grund, der uns davon abhält, eine ausreichend gute Wahrnehmung der Realität zu haben. Und mangels eines besseren Begriffs muss ich ihn Intellectual Laziness nennen — sorry für die Direktheit.

    Lass mich eines klarstellen, denn ich habe diese Diskussion schon oft geführt. Mit Intellectual Laziness meine ich nicht das Gegenteil davon, ein Intellektueller zu sein — Rodins Denker, der herumsitzt und über die grossen Fragen der Existenz nachdenkt. Ich meine etwas viel Einfacheres: unsere Tendenz, nicht zu denken, obwohl wir könnten. Wir alle haben die Fähigkeit zu schlussfolgern, Schlüsse zu ziehen, Annahmen zu hinterfragen und einem Gedanken von einem Schritt zum nächsten zu folgen. Intellectual Laziness ist einfach das Versäumnis, diese Fähigkeiten dann zu nutzen, wenn wir es sollten. Sogar Affen können das. Wenn du mit einem Stock nicht an die Banane kommst, klappt es vielleicht mit zwei.

    Wir haben viel über die Probleme fehlenden moralischen Denkens gesprochen, als wir Organisationen und Totalitarismus betrachtet haben, wobei Havel, Jung und besonders Arendt darauf hingewiesen haben, was passiert, wenn Individuen aufhören, selbst zu denken und zu schlussfolgern. Es entsteht ein Vakuum, eine Summe aus einer Million Nullen, die oft von schlechten Akteuren gefüllt wird, oder von den schlimmstmöglichen, wie im Beispiel Nazi-Deutschlands. Dasselbe Versagen, das Böses alltäglich werden lässt, lässt auch eine schlechte Entscheidung ungeprüft durchgehen oder hält eine Strategie am Laufen, die keine Grundlage in Fakten hat.

    Diese Abkürzung zu Momentaufnahmen, zum Oberflächlichen, haben wir bereits bei Boorstin gefunden, als er die Medien der 1960er-Jahre analysierte. Der Unterschied zwischen Ideal und Image. Das komplexe tatsächliche Ding, die komplizierte Vorstellung davon, wird von einem einfachen Image überdeckt. Schnell gezeichnet, leicht zu vermarkten. Es ist der Slogan, der das Mental-Health-Programm ersetzt, der RCA-Sticker, der ersetzt, dass man tatsächlich schmutzig wird, unter die Oberfläche gräbt und nach Wurzeln, Würmern und Bakterien sucht.

    Ein besonders fieses Problem dieser Art von fixem Momentaufnahme-Denken, die wir so oft in Organisationen finden, ist, dass sie ihrer eigenen Logik nach selbstzerstörerisch ist. Schau, wenn du deine Organisation als etwas Fixes wahrnimmst, dann ist auch ihre wichtigste Eigenschaft — ihr Purpose, das, was sie tut — fix. Wir machen Schuhe für Läufer. Wir machen Computer für normale Leute. Wenn Nike oder Apple an diesem ursprünglichen Purpose festgehalten hätten — so wie die Geschichte üblicherweise erzählt wird — dann hätten sie genau das getan, und sobald sie es erreicht hätten, gäbe es nichts mehr zu tun. Das würde bedeuten, dass am Ende die Erfüllung zum Scheitern der Organisation führen würde. Was erfolgreiche Unternehmen wie die genannten getan haben, war, ihren Purpose auszuweiten — auf andere Athleten und Kunden bei Nike oder auf andere Produktkategorien bei Apple. Natürlich scheitert eine Organisation auch, wenn sie ihren Purpose nicht erreicht — ich weiss, ziemlich offensichtlich. In beiden Fällen sollte Purpose eher als Richtung verstanden werden und nicht als Zielort. Barnard beschrieb diesen Mechanismus bereits in seinem Buch The Functions of the Executive von 1938. Er weist auch darauf hin, dass diese Vergabe eines Purpose sowieso eine heikle Sache ist, weil es eine Verallgemeinerung ist, die “is normally substituted in our minds for the concrete performances that are the real purposes.” Stell dir das einfach wie einen Slogan vor, wie ihn Organisationen oft verwenden, um ihren Purpose allgemeiner, aber auch leichter verständlich zu machen. Das ist keine tatsächliche Performance. Das ist Marketing. Das Image, nicht das Ideal.

    Ein ähnliches Problem beschreibt Follett, die wir bereits aus der Diskussion über die Rolle des Managers kennen, in ihrem Buch Creative Experience von 1924. In Organisationen arbeiten wir oft mit Konzepten in verschiedenen Formen. Konzepte können Strategien, Prozessbeschreibungen, Org Charts und solche Dinge sein. Das Problem ist, dass sie für sich genommen nicht mehr sind als die Wörter, aus denen sie bestehen. Schau, ein Konzept ist etwas, das in der Vergangenheit geschaffen wurde und die Gegenwart oder Zukunft beschreiben soll. Was es von der Vergangenheit mit der Zukunft verbindet, was ihm Bedeutung gibt, ist die beschriebene Aktivität. Ein Konzept ist die Materialisierung einer laufenden Diskussion, die genutzt werden kann, um etwas in die Tat umzusetzen. Am wichtigsten ist, dass es nur so lange lebensfähig bleibt, wie es mit dieser Aktivität verbunden ist. Für sich allein betrachtet verliert es seinen Sinn. Das verändert, wie wir Quality-Leute zum Beispiel Prozessbeschreibungen betrachten sollten. Sie müssen direkt mit der tatsächlichen Arbeit verbunden sein — ein living document ist eine gute Beschreibung dafür. Wenn ein Konzept seine Verbindung zu dem verliert, was es beschreibt, verliert es sein Leben, und es kann uns nichts mehr über die Realität sagen.

    Follett beschreibt noch einige weitere Probleme, aber lass mich nur auf eines hinweisen, das sehr wirkungsvoll ist und ziemlich nah an unser aller Erfahrung liegt. Das Problem der Spezialisierung. Jobs und Aufgaben sind immer stärker spezialisiert worden — noch so eine offensichtliche Feststellung, sorry. Die Verbindung zur Wahrnehmung liegt darin, dass Menschen mit dem beabsichtigten Zweck ausgebildet werden, nur einen sehr engen Teil des Ganzen zu sehen. Sie bringt das Beispiel eines Spezialisten für Selleriekrankheiten, den ein Bauer fragt, wie er seinen Sellerieanbau verbessern könne. Der Spezialist antwortet, dass er keine Ahnung davon habe, wie man Sellerie anbaut, sondern nur von dessen Krankheiten. Wissen so stark zu compartmentalizen macht dieses Wissen in dem Moment nutzlos, in dem der Bauer eine echte Frage stellt. Der Bauer bräuchte jemanden mit Erfahrung zumindest in allem, was mit dem Anbau von Sellerie zu tun hat — wahrscheinlich sogar noch breiter. Jemand, der nur eine enge Sicht hat, kann ihm keine ausreichend gute Vorstellung der Realität geben.

    Damit haben wir die Probleme rund um fragmentierte und fixe Momentaufnahmen der Realität gesehen. Wie erwischen wir nun uns selbst und andere, wenn das passiert? Wir können das in individuelle Wahrnehmungsfehler und Wahrnehmungsfehler in Gruppen aufteilen. Sei dir bewusst, dass individuelle Wahrnehmungsfehler natürlich auch in Gruppen passieren können, denn Gruppen sind schliesslich einfach ein Haufen Individuen.

    Das Erste, was wir individuell tun, ist zu vergessen, auf welcher Ebene oder welchen Teil wir gerade schauen. Oder einfach die Tatsache, dass wir nur einen Teil des Ganzen sehen — was übrigens immer der Fall ist, aber dazu, wie wir damit umgehen, kommen wir später. Zuerst ist wichtig anzuerkennen, dass wir Teile anschauen, und zu wissen, welchen. Goffman beschrieb das in seinem Buch The Presentation of Self in Everyday Life von 1959. Er verwendet die Metapher eines Theaterstücks, um Frontstage und Backstage voneinander zu unterscheiden. Das Publikum sieht die Aufführung auf der Frontstage, aber all die Vorbereitung und das tatsächliche Selbst der Schauspieler sind nur backstage sichtbar. Frontstage ist keine Lüge. Es ist einfach der Teil, den das Publikum sieht, oder in einer Organisation der Kunde. Es ist das fertige Produkt — nicht R&D, nicht Sourcing, nicht Produktion. Das ist alles backstage. Für einen Auditor war diese Unterscheidung schon immer wichtig. Ihm werden einige Fakten gezeigt, aber nicht das, was zu ihnen geführt hat. Seine Aufgabe, oder meine, ist dann — wenn er sie gut machen will — den Backstage-Bereich zu entdecken. Das Wichtigste ist, Frontstage niemals mit dem vollständigen Ganzen zu verwechseln. Schon allein diese Erkenntnis gibt dir eine bessere Vorstellung, denn zu wissen, dass du nicht alles siehst, ist die erste Lektion.

    Der zweite wichtige Punkt kommt wieder von Follett. Und er bringt sozusagen Zeit als Aspekt hinein — während Goffman eher mit Ort zu tun hatte, wenn du es so ausdrücken willst. Und das ist noch wichtiger, weil sich Situationen und Fakten über die Zeit ständig verändern. Die Konstante ist, dass sich alles verändert. Normalerweise denken wir einfach, na gut, aktualisieren wir die Zahlen, aber die Situation ist immer noch dieselbe. Das ist eigentlich eine logische Abkürzung — du weisst schon, wieder diese Laziness. Denn die Situation besteht aus den Fakten. Wenn sie sich verändern, verändert sich auch die Situation. Oder wie sie es ausdrückt: “And when a situation changes we have not a new variation under the old fact, but a new fact.” Du könntest sagen, wenn das stimmt, haben wir niemals Konsistenz. Ja, genau das ist irgendwie der Punkt. Veränderung und Zeit sind die einzigen Konstanten. Zu philosophisch? Nun, wenn du eine wichtige Entscheidung triffst, lohnt es sich zu prüfen, wie aktuell deine Informationen noch sind. Also ist das hier ein sehr praktisches Problem.

    Wahrnehmung von Ort und Zeit sind Probleme, die wir alle als Individuen haben, aber sobald wir in den Multiplayer-Modus wechseln, kommen noch weitere dazu. Und die meisten wichtigen Analysen finden in einer Gruppe statt, obwohl ich immer noch ein gutes Single-Player-RPG bevorzuge. Wir bleiben bei Follett und beim Problem von muddle vs. difference. Wenn wir individuell Fakten sammeln, werden wir unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität haben. Aber diese unterschiedlichen Wahrnehmungen können zwei verschiedene Dinge sein. Es können Unterschiede sein, die auf korrekten Informationen beruhen. Das wäre völlig normal und eine gute Grundlage für eine Diskussion. Aber sehr oft beruhen unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität auf falschen Informationen. Follett nennt das muddle, und das sollte erkannt werden. Wenn ich eine schwarze Schlange sehe, ist meine Wahrnehmung eine andere als deine, wenn du glaubst, es sei ein heruntergefallener Ast. Wir befinden uns dann in völlig unterschiedlichen Situationen. Und einer von uns — oder wir beide — hat eindeutig falsche Informationen, denn beides kann nicht gleichzeitig stimmen. Und jede Zusammenarbeit wäre in diesem Moment ziemlich schwierig. Sollen wir das Ding werfen, damit unser Hund es fängt, oder sollten wir wegrennen? Und selbst wenn wir dieselbe Information hätten, nämlich dass es eine Schlange ist, könnten wir uns immer noch darüber unterscheiden, was wir tun sollen. Töten? Füttern? Oder kuscheln? Das ist dann etwas, das wir gemeinsam klären können, weil wir dieselben korrekten Informationen haben. Follett nennt das Erste — Schlange oder Ast — muddle und die zweite Art — töten oder kuscheln — difference.

    Was in Gruppen ebenfalls häufig passiert, ist, dass wir nicht einmal über dieselbe Frage sprechen. Klingt bekannt? Ich weiss, dass es so ist. Als Moderator zahlloser Meetings und Diskussionen merke ich oft, dass die Leute irgendwie auseinanderdriften — nicht unbedingt in ihrer Meinung, sondern beim Thema selbst. Wir nennen das die mis-scoped question. In Audit-Trainings bringe ich Anfänger oft in eine Rollenspiel-Situation, in der der Auditee nie über die Punkte spricht, nach denen er oder sie gefragt wurde, sondern über etwas völlig anderes. Und ich mache das nicht, weil es lustig anzusehen ist — obwohl es das ist — sondern weil es sehr häufig passiert, wenn zwei oder mehr Menschen über einen Punkt diskutieren. Der Grund dahinter ist unsere Tendenz, diese schnellen Momentaufnahmen unserer Situation zu erzeugen, oder in diesem Fall unseres Diskussionsthemas. Und weil sie nicht auf echten Fakten basieren und nicht gut durchdacht sind, entwickeln verschiedene Menschen unterschiedliche Momentaufnahmen davon, worum es eigentlich geht, Freestyle-Wahrnehmung. Deshalb ist es wirklich wichtig, immer zu fragen, ob ihr über dieselbe Frage oder Unterfrage diskutiert — denselben Scope — oder ob ihr auseinandergetrieben seid und unnötig Energie darauf verwendet, über verschiedene Themen zu diskutieren.

    Nachdem wir also Wahrnehmungsprobleme aufgrund von Ort, Zeit, Genauigkeit und Scoping erkannt haben, müssen wir uns fragen, wie wir sie von Anfang an vermeiden können. Die Lösung muss sowohl individuelle Wahrnehmung als auch Gruppenwahrnehmung berücksichtigen. Meiner Meinung nach ist es eine Kombination aus zwei Ideen von zwei Denkern. Follett hat uns bereits einige Probleme gezeigt, und sie hat auch ein paar ziemlich nette Ideen — tatsächlich so viele, dass einige davon erst in späteren Essays drankommen werden.

    Speziell in Bezug auf die identifizierten Probleme bietet sie die Idee des cooperative fact-finding an. Einige Probleme entstehen, weil wir in Gruppen auf unterschiedliche Ebenen schauen, unterschiedliche Zeiträume betrachten und Probleme unterschiedlich scopen. Aber wir können diese intellektuelle Ego-Odyssee vermeiden, wenn wir Fakten gemeinsam als Gruppe sammeln. Stell dir das praktisch vor — nicht irgendein einsamer Analyst, der Zahlen in Excel zerlegt oder einen Prozess mit der Stoppuhr beobachtet, sondern Gruppen von Menschen, die gemeinsam auf die Realität schauen und sie gemeinsam beobachten. Das löst das Problem, sich über Fakten einigen zu müssen, weil wir sie gemeinsam zur gleichen Zeit finden, und es spart auch die Zeit, Fakten später anderen zu präsentieren. Wenn du dich dabei etwas unwohl fühlst, bist du nicht allein — den meisten geht es so. Für den Moment würde ich sagen, das liegt hauptsächlich daran, dass wir es nicht gewohnt sind, wirklich auf dieser Ebene zusammenzuarbeiten. Ich versuche solche Momente auf formellere Weise zu fördern, wenn ich Leute dazu bringe, gemba walks zu machen — Gruppen von Managern, die gemeinsam Prozesse in der Realität aus einer Improvement-Perspektive anschauen. Wenn ich mitgehe, fühle ich mich oft wie ein Hütehund, der die Schafe zusammenhält und jeden Ausreisser wieder einfängt. Improvement Workshops und Coaching Sessions können informellere Momente sein, in denen man gemeinsam nach Fakten sucht, und diese Erfahrung ist wirklich inspirierend. Es ist einfach grossartig, sich in ein System hineinzuwühlen, Daten herauszuholen und sie als Gruppe zu analysieren.

    Fakten gemeinsam zu finden löst nicht alle differences — das habe ich im Teil zu muddle vs. difference schon erwähnt — aber es gibt einem etwas, bei dem sich die Mühe einer Diskussion lohnt. Und weil die Fakten gemeinsam gesammelt wurden, fühlt sich jeder berechtigt, darüber zu diskutieren. Es ermöglicht Individuen in Gruppen, die Wahrnehmungen dieser Fakten gegenseitig stärker zu konfrontieren, und man bekommt weniger crowd unanimity. Denn es sind nicht einfach die Fakten von jemand anderem, es sind auch deine Fakten. Du besitzt sie ebenfalls, und du darfst eine Meinung dazu haben.

    Was uns noch fehlt, ist ein klares Instrument, ein looking-glass, mit dem wir — hoffentlich gemeinsam — Realität wahrnehmen können. Zum Glück gibt es in der Management Theorie bereits so etwas wie ein looking-glass. Es kommt von W. Edwards Deming, dem four-lenses approach, wie ich es gerne nenne, oder wie er es nannte: PROFOUND KNOWLEDGE. Sorry, klingt einfach so episch. Spass beiseite, er hat viele der Probleme angesprochen, die wir dabei haben, Organisationen zu betrachten. Aber sein Ansatz funktioniert auch für andere Bereiche. Die vier Linsen sind System, Variation, Knowledge und Psychology.

    Es ist wirklich wichtig zu verstehen, dass das nicht das «what» ist, das wir anschauen, sondern das «how», mit dem wir etwas betrachten. Ja, ein System ist etwas. Deming definierte es als eine Anzahl von Komponenten, die voneinander abhängig sind und ein Ziel haben. Und das ist im Wesentlichen dieselbe Definition, die wir auch bei Systems Thinkers wie Donella Meadows finden. Elemente plus Interconnection plus Purpose. Diese müssen immer vorhanden sein, und sie sind es auch. Für den Moment ist das für uns insofern wichtig, als es uns eine Liste von must-sees gibt. Wenn wir zum Beispiel einen Prozess betrachten, suchen wir normalerweise nach den Hauptelementen, und wir kennen meistens den Purpose des Prozesses. Was wir oft vergessen, sind die Abhängigkeiten von anderen Elementen. Nimm zum Beispiel einen Thermostat und eine Heizung. Das sind die Elemente. Wenn der Raum — ein weiteres Element — zu kalt wird, schaltet der Thermostat die Heizung ein. Die Heizung erhöht die Temperatur der Luft — wieder ein Element — was dazu führt, dass der Thermostat sie wieder ausschaltet. Der Purpose ist natürlich, den Raum auf einer bestimmten Temperatur zu halten. Die Interconnection besteht darin, dass die Temperatur den Thermostat beeinflusst, der Thermostat die Heizung und die Heizung wiederum die Luft. Wenn wir nun an der Raumtemperatur interessiert sind, gibt es weitere Interconnections, die sie beeinflussen. Die Temperatur ausserhalb des Raumes, die Isolation des Raumes sowie Fenster und Türen und die Art, wie sie geöffnet oder geschlossen werden. Damit kommen Menschen als Element in dieses System. Ihr Verhalten wiederum hängt von anderen Elementen ab. Die Tageszeit könnte ein Element sein, oder ein Zeitplan. Diese wiederum hängen von weiteren Elementen ab. Das wirft ein Problem auf, das schon einmal aufgetaucht ist. Wie viel Detail ist genug für unsere Wahrnehmung der Realität? Kann ich damit leben, nur einen Teil davon zu sehen? Dürfen Fakten ein wenig veraltet sein? Wir werden Systems Thinking und seine praktische Anwendung in einem zukünftigen Essay sicherlich noch genauer anschauen, aber um die Frage kurz zu beantworten: Es gibt etwas, das dem nahekommt, was ich — inspiriert von Meadows — das boundary-drawn-for-purpose principle nenne. Wir müssen die Grenzen dessen, was wir betrachten, danach setzen, warum wir es betrachten. Sonst würden wir immer weiter und weiter in die Details gehen und uns darin verlieren. Die Entscheidung darüber, was genug ist, ist nicht einfach, aber wir werden ein Gefühl dafür entwickeln, sobald wir applied Systems Thinking verwenden.

    Demings nächste Linse ist Variation — oder Daten und ihre wichtigste Eigenschaft. Wir alle kennen Daten, richtig? Ja, aber genau das ist Demings Punkt. Wir schauen ständig auf Daten. Wir vergleichen sie, wir managen sie, wir bekommen Boni aufgrund von ihnen, wir werden gefeuert oder befördert, weil wir eine bestimmte Zahl erreicht oder nicht erreicht haben. Aber wir vergessen oft das Wichtigste daran: ihre Variation. Schau, Daten, Zahlen — genau das sind sie, wenn man sie fix und isoliert betrachtet. Nimm die Zahl der verkauften Smartphones. Okay, ich habe ein Quartal mit einer Million verkauften Geräten. Ich kann sagen, das ist mehr als im letzten Quartal. Ich kann sagen, das ist mehr als mein Target. Aber das sind immer noch begrenzte Informationen über mein Business. Jetzt kann ich das mit anderen Daten in Beziehung setzen — sagen wir, wie viele Menschen in meinen Läden arbeiten oder wie viel ich ins Marketing investiere. Das ist nützlich, wenn ich daraus eine System View baue — die vorherige Linse — weil ich sehe, wie verschiedene Elemente einander beeinflussen. Und ich kann die Veränderungen innerhalb meiner Daten betrachten, die Variations. Denn über die Zeit gibt es immer kleinere und grössere Veränderungen sowie andere Faktoren wie Ort, Abteilung usw. Diese Variations haben unterschiedliche Gründe oder Causes. Tatsächlich war es Shewhart — ein Einfluss auf Deming — der definierte, dass es common causes und special causes gibt und wie man sie statistisch auseinanderhält. Common causes entstehen aus dem System selbst, aus der Art, wie es aufgebaut ist, aus den Elementen und den Interactions. Special causes werden, nun ja, durch besondere Ereignisse ausgelöst, meistens von ausserhalb des Systems. Es ist wichtig, das zu bestimmen, weil die Massnahmen, mit denen man sie verändert, fundamental unterschiedlich sind. Ich weiss, das klingt nach nerdigem Statistikzeug — ist es auch — aber es ist wirklich wichtig, weil es dir mehr gibt als die Vergleichssicht, die du normalerweise bekommst, wenn du Daten anschaust. Es ist so wichtig, dass wir uns auch das in einem zukünftigen Essay genauer ansehen werden.

    Als Nächstes kommt Epistemology — ha, siehst du, ich kann auch grosse Wörter — oder einfach: Wie funktioniert Wissen, und wie wird es erworben? Deming geht dafür zurück zu C. I. Lewis und dessen Buch Mind and the World-Order von 1929. Klingt grossartig, aber er war ein pragmatist philosopher, also ist es gar nicht so weit oben in den Wolken. Und tatsächlich verbindet sich das direkt mit dem Datenzeug, das wir gerade besprochen haben. Die ganze Sache mit common cause und special cause ist eine gut durchdachte Theory, die den Variations in den Daten, die wir sehen, Bedeutung gibt. Ohne die Theorie würden wir einfach Ausschläge in einem Diagramm sehen und hätten nicht die leiseste Ahnung, wie wir sie betrachten und daraus sinnvolle Informationen gewinnen sollen — und im Wesentlichen ist genau das Wissen. C. I. Lewis sagte, dass das immer so ist. Fakten sind natürlich wichtig. Sie sind das, was wir sehen, was wir beobachten. Aber ohne eine Theorie enthalten sie nicht mehr Information als einfach einen Wert. Fünfhunderttausend verkaufte Smartphones. Okay, schön, aber was bedeutet das? Wenn das 10 % mehr sind als letztes Jahr und ich dieses Jahr die Preise gesenkt habe, kann ich die Theorie bilden, dass der Absatz gestiegen ist, weil ich die Preise gesenkt habe — und ja, etwas so Einfaches nennt man ebenfalls Theory, es muss nicht immer etwas super Kompliziertes sein. Mit dieser Theorie habe ich mehr Information als mit den einfachen Verkaufszahlen allein. Und ich kann Vorhersagen für die Zukunft machen — vielleicht die Preise noch weiter senken, um den Absatz noch stärker zu erhöhen. Das Knifflige ist, dass das kein einmaliger Prozess ist. Während ich weitere Fakten sammle, muss ich sie ständig mit meiner Theorie vergleichen. Vielleicht finde ich heraus, dass mein wichtigster Konkurrent dieses Jahr aus dem Geschäft verschwunden ist. Könnte das meine Verkaufszahlen ebenfalls beeinflusst haben? In diesem Fall könnte ich mir die Entwicklung der Verkäufe aus der Zeit anschauen, als er noch im Markt war. Es kann in beide Richtungen gehen. Es kann meine Theorie stützen oder dazu führen, dass ich sie revidiere. So oder so lerne ich mehr, gewinne zusätzliches Wissen, und meine Wahrnehmung der Realität wird besser. Der Wert einer Theorie liegt nicht einfach darin, Fakten zu erklären. Es geht auch darum, was ich zusätzlich anschauen muss, und manchmal bedeutet es schlicht, dass ich meine Meinung ändern muss, weil ich etwas Besseres gelernt habe.

    Noch ein zusätzlicher Punkt zu Fakten und Theorie. Und der kommt wieder von Follett. Sie weist darauf hin, dass Theorien niemals neutral sind. Sie hat dazu ein gutes Beispiel mit Mehl. Sie sagt, dass Experten, wenn Weissmehl knapp ist, darüber sprechen, wie viel mehr Nährwert braunes Mehl hat. Wenn Weissmehl reichlich vorhanden ist, sagen sie, dass Weissmehl vom Körper leichter aufgenommen wird. Keine dieser Theorien ist falsch. Aber es ist offensichtlich, dass sie jeweils dann verwendet werden, wenn eines der beiden Resultate bequemer ist. Das bedeutet nicht, dass Theorie grundsätzlich schlecht ist, aber wir sollten uns immer fragen, welche Absicht hinter einer bestimmten Theorie steckt. Auch das gibt uns wieder mehr Wissen.

    Die vierte Linse ist Psychology. Ich gebe zu, ich hätte diese Linse wahrscheinlich nicht separat erwähnt, wenn ich die Liste selbst zusammengestellt hätte. Für mich ist Psychology einfach eine weitere Quelle von Fakten und Theorien. Aber Deming — vielleicht weil er ursprünglich Ingenieur war — behandelte das Feld menschlichen Verhaltens und des menschlichen Geistes als etwas Besonderes, als etwas, das es verdient, als eine eigene Art benannt zu werden, ein wichtiges Element in Systemen zu betrachten: den Menschen. Gefühle wie Angst oder Liebe, Motivation, Lernfähigkeit — all das spielt eine wichtige Rolle in Systemen. Meiner Meinung nach sind das einfach Fakten — wie kompliziert sie auch zu erklären sein mögen — die in jede Wahrnehmung der Realität integriert werden müssen. Das gesagt, gebe ich zu, dass Menschen in Systemen etwas seltsam sind. Sie sind nicht nur Actors oder Agents — Elemente des Systems — sondern sie sind auch wir, die Beobachter, die Analysten, die Theorie Macher. Manchmal kann eine einzelne Person sogar beide Rollen gleichzeitig haben. Ausserdem ist Psychology wichtig, weil Motivation und Gefühle die Wahrnehmung von Fakten beeinflussen — sie verzerren sie, könnte man sagen. Deshalb ist es wirklich wichtig, sich ihrer bewusst zu sein, wenn man versucht, ein vernetztes soziales System zu verstehen. Und fast alle relevanten Systeme sind zumindest teilweise soziale Systeme. Deshalb würde ich diese letzte Linse auch in Psychology-slash-Sociology ändern, um Human Mechanics noch breiter einzubeziehen, denn Systeme sind selten rein individualpsychologisch — sie leben von der Interaktion, vom Sozialen. Das gesagt, interessierte sich Deming besonders für zwei Aspekte der Psychology: Motivation und Learning, und — du hast es erraten — beide bekommen ihren eigenen separaten Essay, weil jede Wahrnehmung der Realität wirklich unvollständig und verstümmelt wäre, wenn diese beiden Aspekte fehlen würden.

    Also, zusammenfassend — sorry, ich liebe es, wenn Autoren so offensichtliche Formulierungen benutzen, das gibt mir einen Anker — müssen wir, wenn wir fixe und fiktionale Momentaufnahmen der Realität vermeiden wollen, Follett folgen, beim fact-finding zusammenarbeiten und die Bedeutung der Fakten gemeinsam diskutieren. Zusätzlich brauchen wir die Disziplin eines von Deming vorgeschlagenen Multi-Lens-Ansatzes: Realität als vernetztes System denken, die Variations in den Daten sehen, Theorie gemeinsam mit den Fakten nutzen, die wir finden, und Psychology und Sociology ins Bild einbeziehen.

    Klingt nach viel?

    “You’ll get used to it in time,” said the Caterpillar; and it put the hookah into its mouth and began smoking again.

    Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

    Carroll, Lewis. Alice’s Adventures in Wonderland. 1865.

    Boorstin, Daniel J. The Image. 1962.

    Goffman, Erving. The Presentation of Self in Everyday Life. Doubleday, 1959.

    Barnard, Chester I. The Functions of the Executive. Harvard University Press, 1938.

    Follett, Mary Parker. Creative Experience. Longmans, Green and Co., 1924.

    Köhler, Wolfgang. The Mentality of Apes. English translation, 1925 (German original 1917).

    Deming, W. Edwards. The New Economics for Industry, Government, Education. MIT Press, 1993.

    Lewis, Clarence Irving. Mind and the World-Order: Outline of a Theorie of Knowledge. 1929.

    Shewhart, Walter A. Economic Control of Quality of Manufactured Product. 1931.

    Meadows, Donella H. Thinking in Systems: A Primer. Chelsea Green Publishing, 2008.

  • Down the Rabbit Hole

    Down the Rabbit Hole

    oder

    Worum geht es hier eigentlich

    Für diesen Essay möchte ich ein oder zwei Wände einreissen und eine andere Perspektive einnehmen. Aber der Reihe nach und zunächst zum zweiten Titel. Ich beantworte die Frage so direkt wie möglich. Dies ist eine Essayreihe über Business. Genauer gesagt: Management Theory ist der dafür am häufigsten verwendete Begriff. Es geht also nicht wirklich um Wirtschaftswissenschaften, sondern eher darum, wie Organisationen im Innern funktionieren, nicht um den ganzen übrigen Zirkus. Obwohl ich dazu neige, Grenzen häufig zu überschreiten, also: Entschuldigung.

    Die vorstandstaugliche Version: Während fünfzehn Essays sind wir «Down the Rabbit Hole» hinabgestiegen. Der erste Teil ist abgeschlossen. Hier ist die Zusammenfassung, die zeigt: Die Probleme sind bekannt, die Werkzeuge existieren, und die Lücke zwischen Wissen und Umsetzung ist das eigentliche Thema. «Conversations with the caterpillar» – der zweite Teil – beginnt mit der konstruktiven Frage: nicht, was falsch läuft, sondern was wir brauchen, damit es richtig wird. Rauchen wir eine Pfeife.

    Der erste Titel ist natürlich eine Anspielung auf Lewis Carrolls wunderbares Buch «Alice im Wunderland». Alices Reise ist eine Coming-of-Age-Geschichte, in der Erwachsenwerden nicht einfach bedeutet, etablierte Regeln zu übernehmen. Es bedeutet, dass Sprache, Logik und Wissen, die wir von anderen übernehmen – von den Erwachsenen –, uns im Stich lassen können. Nur durch Lernen, Ausprobieren und Experimentieren können wir unser Urteilsvermögen in einer Welt schärfen, in der Sprache und Identität instabil geworden sind. Daran werde ich jedes Mal erinnert, wenn ich in ein Thema eintauche und entdecke, dass es einem Abenteuer gleicht, mit einem Schloss voller Weisheit, aber auch voller Fallen. Wie Alice in den Kaninchenbau hinabzusteigen bedeutet, die Bequemlichkeit des normalisierten Wissens zu verlassen und ein bizarres neues Land zu betreten. Das ist aufregend, gleichzeitig aber auch ein wenig beängstigend. Die Möglichkeit, etwas Wunderbares und Neues zu entdecken, war schon immer meine wichtigste Motivation zum Lesen und Schreiben.

    Diese ersten fünfzehn Essays folgen der klassischen Form der Kritik. Das bedeutet, ein Problem zu erkennen, ihm auf den Grund zu gehen und zu zeigen, wo die traditionelle Sichtweise Risse zeigt oder sogar vollständig zusammenbricht. Und ich hoffe, dass ich dir bereits einige Hinweise auf Alternativen geben konnte. Aber dies ist der erste Teil mit dem Titel «Down the Rabbit Hole». Wenn es also einen ersten Teil gibt, muss es mindestens noch einen zweiten geben. Aber dazu später mehr, ungefähr am Ende, nun ja, nicht ganz am wirklichen Ende. Ach, ihr seid alle intelligente Menschen, ihr werdet es erkennen, wenn es so weit ist.

    Wie du mir helfen kannst: Wenn du das hier liest, dann interagiere bitte auch auf irgendeine Weise damit. Like es, hasse es, teile es, aber tu dies bitte, indem du auf einen Button klickst oder einen Kommentar auf LinkedIn, Substack, Instagram oder Facebook schreibst. Wenn du das nicht tust, verhindern die dämlichen Algorithmen, dass andere Menschen es zu sehen bekommen. Ich bin wirklich auf jede Reaktion angewiesen und für jede dankbar – sie muss nicht positiv sein. Ich kann mit Widerspruch wirklich umgehen. Glaub mir, er ist Teil meines ganzen Dings.

    Wohin hat uns die Reise bisher also geführt? Ein guter Zeitpunkt, dir eine Art Schatzkarte zu geben. Aber denk bitte daran: Die Karte ist nicht das Gebiet. Deshalb habe ich Links eingefügt, über die du dir die verschiedenen Essays ansehen kannst.

    Der Gunslinger Manager trifft Entscheidungen ohne eine andere Methode als sein Bauchgefühl. Dabei verfügen wir über 2’500 Jahre wissenschaftlichen Denkens, die uns eigentlich einen Blueprint für Entscheidungsfindung liefern sollten. Wir haben gesehen, dass Intuition Grenzen hat, ebenso wie unsere eigene Rationalität. Was wir brauchen, ist ein grundlegenderes Framework für Entscheidungen. Und Demings Profound Knowledge haben wir als etwas Interessantes vorgemerkt.

    Das Problem des Middle Management besteht darin, zwischen dem Erkennen von Problemen und der Unfähigkeit, sie zu lösen, gefangen zu sein. Die Datenanalyse hat uns gezeigt, dass die wichtigsten Probleme in einem Unternehmen auf Common Causes zurückzuführen sind, die nur durch eine Veränderung des Systems gelöst werden können. Das Senior Management ist für das System verantwortlich, doch KPIs und Boni belohnen die falschen Dinge. Wenn Performance Management nicht funktioniert, könnte Systems Thinking ein besserer Ansatz sein.

    Dann begannen wir, ganze Unternehmen und ihr Verhalten in Zeiten des Wandels zu betrachten. Change Management scheitert häufig, weil es Kultur mit Kommunikation verwechselt. Verlustaversion, organisatorische Trägheit und oberflächliche Kommunikation behindern Veränderungen in Organisationen. Schein erklärte uns, dass Kultur auf drei Ebenen stattfindet. Dauerhafte Veränderung kann nur entstehen, wenn man auf der grundlegendsten Ebene arbeitet, den Basic Assumptions. Das Problem ist, dass diese nur erfahren werden können. Das Ganze müsste also von innen heraus wachsen und nicht durch einen Newsletter von oben.

    Dann nahm ich dich mit auf eine Reise in den Himmel, um ein abstrakteres Konzept zu betrachten. Danke, dass du mir vertraut hast, denn es war wichtig, dass wir uns ansehen, wie Realität in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Sowohl Boorstin als auch Goffman erkennen eine Trennung zwischen dem Ideal der Dinge und ihrem Bild beziehungsweise zwischen Bühne und Hinterbühne. Die Bilder und das Schauspiel ersetzen zunehmend das, wofür die ursprüngliche Idee einmal stand. Dasselbe geschieht im Business, wenn Slogans wichtiger werden als Methoden oder Verbesserungen. Am Ende sahen wir, dass das Bild die Realität auffrisst.

    Zurück bei der Arbeit betrachteten wir ihre Geschichte. Wir sahen, dass sie sich entwickelt hat, seit es Menschen gibt. Vom Jäger und Sammler über den Bauern, den Handwerker und den Fabrikarbeiter bis zum Angestellten: Arbeit wurde schrittweise vom Leben getrennt und zu einer Biografie. Die Trennung zwischen Zuhause und Büro ist erst 150 Jahre alt. Arbeit und die Frage, wer wir sind, also unsere Identität, sind eng miteinander verbunden. In der heutigen Business-Realität ist das ein Problem, weil Arbeit nicht mehr stabil ist. Gig Work, Teilzeit, alle drei Jahre ein neuer Job. Bedeutet das, dass auch unsere Identität instabil wird?

    Dann zwang ich dich, dich mit dem unangenehmen Thema Kontrolle am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen. Entschuldigung, aber hey, nicht alles ist nett. Kontrolle im Büro ist seit dem Taylorismus ein Thema. RTO ist lediglich die neueste Version eines Spiels, das auf denselben ungeprüften Annahmen beruht. Wir haben gesehen, dass ein kontrollierender Managementstil keine Methode ist, um mit passiven Mitarbeitenden umzugehen – er produziert sie vielmehr. Die Sichtbarkeit von Mitarbeitenden am Arbeitsplatz kann als Kontrollinstrument dienen, durch das wir Kontrolle verinnerlichen, weil wir uns ständig beobachtet fühlen. Vor allem aber wurde die Frage nie beantwortet, für welche Art von Arbeit wir diese Umgebungen überhaupt schaffen.

    Dann wurde es wirklich heavy, weil wir uns mit psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz befassen mussten und damit, weshalb sie ein Problem der Organisation und nicht nur der einzelnen Person ist. Wir sahen, dass Burnout per Definition ein Missverhältnis zwischen Menschen und ihrer Arbeitsumgebung ist. Wir sahen, dass Jobs mit hohen Anforderungen, geringer Autonomie und fehlender Unterstützung am schädlichsten für die Gesundheit sind. Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit sind zentral für unser Wohlbefinden. Es gibt einen Blueprint dafür, wie Unternehmen handeln können, aber der wichtigste Teil – die Neugestaltung von Arbeitsumgebung und Arbeitsinhalt – wird nie umgesetzt.

    Dann führte ich dich in das grosse Problem ein, einfachen Behaviorismus auf Menschen bei der Arbeit anzuwenden. Was bei Ratten in einem Labyrinth gut funktionieren mag, kann bei Mitarbeitenden leicht nach hinten losgehen. Belohnungssysteme können zu Formen der Bestrafung werden, Teamwork zerstören und Root Causes ignorieren. Vor allem zerstören Belohnungen die intrinsische Motivation für die Arbeit. Und diese ist entscheidend, denn sogenannte Hygienefaktoren wie Lohn und Boni können nur demotivieren, wenn sie fehlen. Wahre Motivation entsteht aus der Arbeit selbst, sofern diese gut gestaltet ist. Mitarbeitende müssen als mehr verstanden werden als Werkzeuge oder Ressourcen. Kant hat uns gezeigt, dass Menschen immer Zweck und niemals bloss Mittel sind.

    All das bringt uns zu den verantwortlichen Personen: den Managern. Der Beruf ist eine Erfindung des Industriezeitalters. Doch sein Inhalt bleibt ein grosses Rätsel. Sicher, es gibt die Realität, die studiert wurde, aber sie ist chaotisch und überladen. Zudem besteht eine grosse Lücke zwischen dieser Realität und dem, was einige Menschen darüber gelehrt haben, wie der Beruf sein sollte. Follett und Drucker entwickeln positive Vorstellungen einer weitreichenden gesellschaftlichen Rolle, erkennen aber auch die strukturellen Probleme, die den Manager zurückhalten. Wir sehen einen Beruf, der immer mehr Aufgaben angesammelt hat, aber nie die Zeit hatte, sich zu einer wirklichen Profession zu entwickeln.

    Wir machten einen kleinen Umweg und verbrachten etwas hochwertige Zeit mit Quality Management. Ich sorgte dafür, dass ihr alle gesehen habt, dass Kunden Qualität definieren und nicht irgendeine interne Spezifikation. Wir mussten aber auch erkennen, dass daraus leicht ein oberflächliches Bekenntnis werden kann. Die Umsetzung ist das Problem, und sie ist eine Entscheidung, kein Wissensproblem. Qualität ist in Wahrheit Value Creation, weil sie die Perspektive von einem internen auf einen externen Bezugspunkt verschiebt. Am wichtigsten ist dabei, dass der Kunde innerhalb des Wertschöpfungsprozesses stehen muss und nicht erst an dessen Ende. Und genau hier wirkt sich alles Gute und Schlechte, das ein Unternehmen produziert, auf den Kunden aus. Schlechte Entscheidungsfindung, Struktur, Kultur, Kontrolle, psychische Gesundheit und Bewertung – der Kunde erlebt alles davon.

    Und natürlich musste ich noch eine weitere Geschichtslektion hinzufügen. Dieses Mal ging es um die Geschichte der Corporations, die im antiken Rom begann. Bereits der Anfang zeigte ein Muster, das sich im Verlauf der Geschichte wiederholen sollte: Corporations übernahmen öffentliche Funktionen, erzeugten Wohlstand, produzierten Betrug und machten regelmässige Korrekturen notwendig. Dasselbe Muster galt vor 2’200 Jahren ebenso wie während der Industrialisierung. Die Ursache des Problems liegt darin, dass Eigentum und Kontrolle als Gründungsbedingung der Corporation voneinander getrennt wurden. Eine Untersuchung des Rechts zeigt uns, weshalb dieses Problem so schwer zu beheben ist. Die Idee war, dass Corporations durch das Recht sowohl Rechte als auch Pflichten erhalten würden. Tatsächlich wird das Recht jedoch hauptsächlich dazu verwendet, die Rechte zu schützen, nicht die Pflichten durchzusetzen. Die Accountability wurde nie in einer öffentlichen Diskussion geklärt.

    Bis 1970 ein kurzer Essay scheinbar alles veränderte. Friedman behauptete, die einzige Verantwortung von Managern bestehe darin, den Gewinn für Shareholder zu maximieren. Unterstützt wurde er von Wissenschaftlern, die Agency Theory entwickelten und Eigentum sowie Anreize als Instrumente zur Ausrichtung von Managern propagierten. Die Medien und die Wall Street sprangen auf den fahrenden Zug auf. Doch die ganze Idee war von Anfang an falsch. Eine Corporation kann nicht auf Verträge reduziert werden, die den Shareholdern dienen. Die Fakten waren falsch: Manager zerstörten nicht systematisch die Renditen der Shareholder, und aktienbasierte Anreize verbesserten die langfristige operative Performance nicht. Rechtlich war die Idee falsch: Shareholder besitzen Aktien, nicht Corporations. Und auch das Ergebnis war falsch: Exzessive Managervergütungen, Short-Termism und Ungleichheit nahmen zu, während die Shareholder kein versprochenes goldenes Zeitalter erhielten. Es hatte immer Alternativen gegeben, doch die entstandene Ideologie führte zu schlechteren Ergebnissen als das System, das sie ersetzt hatte.

    Nachdem wir so tief in den Kaninchenbau hinabgestiegen waren, musste ich kurz Luft holen und etwas Logik einatmen. Also führte ich dich in die Welt der Nachhaltigkeit ein. Denn Nachhaltigkeit ist nicht nur eine ethische Diskussion, sondern auch ein Prinzip des Ressourcenmanagements. Die Unterscheidung ist wichtig, weil das eine eine Übereinstimmung der Werte verlangt, das andere lediglich Arithmetik. Jede Ressource, die dein Unternehmen benötigt, besitzt eine Regenerationsrate: Arbeitskräfte, Kunden, Lieferanten und natürliche Ressourcen. Der Regenerationszyklus fast jeder wichtigen Ressource ist länger als dein Management-Zeithorizont. Carlowitz prägte den Begriff 1713 und entwickelte ein dreistufiges Programm: Nutze das Vorhandene effizienter, finde Alternativen, wenn eine Ressource erschöpft wird, und investiere in die Regeneration des Bestands, bevor du ihn benötigst. Dadurch wird Nachhaltigkeit zu einer geradlinigen Business Practice.

    Nach dieser frischen Luft mussten wir uns den schwersten Themen widmen, und alles begann mit Standards. Clause 5.1, Leadership & Commitment, ist der Schlüssel jedes Managementsystems, denn diese Clause stellt eine moralische Frage: Übernimmst du Verantwortung für dieses System? Wir sahen, dass Moral – das, was man zu befolgen behauptet – und Ethik – die Diskussion darüber, weshalb es wichtig ist – etwas sind, das die meisten Unternehmen vermeiden. Die Menschen darin beanspruchen neutrale technische Positionen, während sie still und ohne moralische Argumentation entscheiden, was das Richtige ist. Dadurch entstehen moralische Positionen, die nie tatsächlich geprüft wurden. Doch die ethische Diskussion darüber, ob sie noch Bestand haben, findet nie statt.

    Während dieser Reise haben wir viele Arten gesehen, wie Organisationen, wie Unternehmen, scheitern können. Relativ kleinere Dinge wie schlechte Frameworks für Entscheidungen, schlechte Strukturen und eine unterentwickelte Führungsrolle, bis hin zu den schweren Dingen: Mitarbeitende nicht als Menschen zu behandeln und moralisches Denken zu vermeiden. Damit gelangen wir zur Frage, weshalb wir uns dafür entscheiden zu scheitern. Es ist kein Wissensproblem. All die Dinge, die wir auf dieser Reise gefunden haben, sind seit Langem bekannt. Etwas anderes hindert uns daran, das Richtige zu tun. Wir sahen auch, dass das Problem nicht einfach einige schlechte Menschen an der Spitze sind. Das System macht es leicht, mitzumachen, und schwer, Widerstand zu leisten. Das Richtige zu tun erfordert immer eine gewisse Anstrengung gegen die Strömung. Dinge wie Ideologie und Policy schaffen Rituale, mit denen Compliance leicht sichtbar gemacht werden kann. Handlungen der Compliance schaffen eine Atmosphäre, in der sie für alle verpflichtend wird. Alle machen mit, alle sind gleichzeitig Unterdrückte und Unterdrücker. Der Mechanismus ist real, doch er entbindet uns nicht von unserer individuellen Verantwortung. Psychologisch gibt es zusätzliche Gründe, weshalb wir dazu neigen, der Masse zu folgen. In grossen Gruppen beginnen Menschen, sich selbst und andere als austauschbare Rollen statt als Individuen zu behandeln. Das Problem ist, dass sie dadurch auch aufhören, als Individuen moralisch zu denken, was zu einer Gruppe ohne Moral führt. Eine Organisation kann nur dann überhaupt moralisch denken, wenn die Individuen in ihr dies weiterhin selbst tun. Ein Individuum zu bleiben setzt voraus, dass wir miteinander sprechen und einander auch widersprechen. Das funktioniert nur unter Menschen, die verschieden genug sind, um etwas zu sagen zu haben, und gleich genug, um einander zu verstehen. Nur dann können wir Organisationen schaffen, die sinnvoll sind und Wert erzeugen können. Denn Organisationen haben kein Gewissen, Menschen schon. Wir müssen teilnehmen, argumentieren und diskutieren, sonst werden wir und unsere Organisationen scheitern.

    Dieses Argumentieren und Diskutieren steht im Zentrum der zweiten Reihe von Essays, die ich – zumindest für mich selbst – «Conversations with the Caterpillar» genannt habe. Du kennst das weise, ständig paffende Insekt, das auf einem grossen Pilz sitzt, mit Alice spricht und ihr hilft, dem Ganzen etwas Sinn zu geben, indem es sie ständig herausfordert. Die Raupe ist nicht eine einzelne Person, sondern mehr als ein Dutzend sehr kluger Menschen, und den meisten von ihnen sind wir noch gar nicht begegnet.

    Ich hoffe also, dass du dich genauso darauf freust wie ich, mit ihnen eine gute Pfeife zu rauchen und zu reden.

    Zum Prozess und zum Einsatz von AI: Seltsamerweise begann dieses Projekt damit, dass ich meine englischen Schreibfähigkeiten für ein anderes, grösseres Projekt trainieren wollte, weil ich schon immer vom Deutschen ins Englische als Schreibsprache wechseln wollte. Nun, wie sich herausstellte, ist dieses Projekt selbst ziemlich gross geworden. Der Hauptgrund dafür war, dass ich – weil ich mich, meine Motivation und meine Fähigkeiten ständig infrage stelle – zu überlegen begann, ob mich dieses ganze Business-Dings wirklich genug interessiert, um noch ein paar Jahre damit zu verbringen. Und ob ich überhaupt etwas beitragen kann, das ich selbst für wertvoll halte. Nach mehr als 50’000 Wörtern kann ich wohl sagen, dass beides der Fall ist. Ich werde also in nächster Zeit weder nach Venedig ziehen und mich zum Gondoliere umschulen lassen noch in British Columbia zu einem vegetarischen Jäger und Sammler werden. Entschuldigung, Max.

    Da dies unter Schriftstellern inzwischen ein Thema ist, möchte ich offenlegen, welche Technologie ich verwende und insbesondere, ob und wie ich AI einsetze. Zunächst möchte ich jedoch sagen, dass ich fest an das magische Konzept des Buches glaube und Bücher in physischer Form für noch wunderbarer halte. Gleichzeitig muss ich als professioneller Leser effizient sein, und digitale Bücher sind effizienter. Heute lese ich nur noch ungefähr jedes fünfte Buch als Hard Copy, den Rest digital. Autoren und Bücher finde ich gewöhnlich über andere Autoren sowie durch Empfehlungen von Freunden und AI. Und ja, ich lese sie immer noch selbst. Was AI betrifft, setze ich sie sehr intensiv ein. Die beste Zusammenfassung meiner Nutzung findet sich in der ersten Anweisung, die jedes von mir verwendete AI-Modell erhält: Agiere als Editor, Korrektor, intellektueller Sparringspartner, skeptischer Leser und Hüter der Struktur – verfasse niemals eigentliche Inhalte oder Texte für Essays oder Bücher. Und bezeichnenderweise werden Übersetzungen zurück in meine erste Sprache – Deutsch – aus Zeitgründen stark von AI unterstützt.

  • Warum wir uns fürs Scheitern entscheiden

    Warum wir uns fürs Scheitern entscheiden

    Der tschechische Schriftsteller und Staatsmann Václav Havel erzählt in seinem Essay »The Power of the Powerless« die Geschichte eines Vorgesetzten, den er einmal hatte. Braumeister Š liebte seinen Beruf – er wollte gutes Bier brauen und arbeitete hart daran, Wege zu finden, um eine schlecht laufende Brauerei zu verbessern. Er verbrachte den grössten Teil seiner Zeit bei der Arbeit. Und er drängte seine Kollegen im staatlichen Unternehmen ständig zu mehr Einsatz, einfach weil er annahm, dass sie alle genauso leidenschaftlich gutes Bier brauen wollten wie er. Was sie, wie Havel einräumt, nicht wollten – nicht in der Atmosphäre der durch den Sozialismus verursachten Gleichgültigkeit gegenüber Arbeit in den 1970er-Jahren. Š unterbreitete dem Manager der Brauerei regelmässig seine Verbesserungsvorschläge. Doch dieser Mann hatte keine Leidenschaft für die Kunst des Bierbrauens. Er kannte dieses Glücksgefühl nicht, das entsteht, wenn man etwas wirklich Aussergewöhnliches erschafft. Also wies der Manager Š stets ab und wurde ihm gegenüber zunehmend feindselig. Er begann, Šs Bemühungen aktiv zu bekämpfen. Š sah keinen anderen Ausweg, als dem Vorgesetzten seines Managers zu schreiben. Er versuchte zu erklären, warum die Brauerei so schlecht lief. Seine Verbesserungen hätten allen geholfen. Die Kunden hätten das Bier lieber getrunken, der Manager wäre erfolgreicher erschienen, und die Mitarbeitenden, Š eingeschlossen, wären motivierter gewesen. Doch nichts änderte sich. Der Manager war im System besser vernetzt. Šs Brief wurde als Angriff auf die Brauerei, das Management und das System betrachtet. Weil er die Wahrheit sagte, wurde er als Saboteur bezeichnet. Schliesslich versetzte man ihn in eine andere Brauerei, stufte ihn zurück und versah ihn mit dem Etikett des Dissidenten. Das Bier blieb schlecht. Und alle – zumindest die Menschen, die dort arbeiteten – wussten, warum.

    Die vorstandstaugliche Version: Organisatorisches Scheitern ist kein Wissensproblem. Es gibt immer Menschen, die es erkennen. Etwas anderes hindert uns am Handeln. Scheitern wird nicht durch schlechte Einzelpersonen an der Spitze verursacht. Es wird durch Systeme erleichtert, die das Mitmachen einfach und den Widerstand schwierig erscheinen lassen – unabhängig davon, wie offensichtlich richtig die Alternative ist. Havel zeigt, wie Ideologie und Policy zu Ritualen werden, die ausgeführt werden müssen. Die Bedeutung dahinter wird irrelevant; das öffentliche Zeigen von Fügsamkeit lässt Fügsamkeit auch für alle anderen verpflichtend erscheinen. So wird jeder gleichzeitig zum Unterdrücker und zum Unterdrückten. Wenn alle teilnehmen und alle durch das System geprägt werden, scheint niemand mehr verantwortlich zu sein. Das ist eine Falle, keine Schlussfolgerung. Thompson lehnt sowohl die ausschliessliche Schuldzuweisung an die Spitze als auch die Schuldzuweisung an das System ab. Verantwortung muss Person für Person zurückverfolgt werden: Was hat jemand getan? Was wusste diese Person? Hatte sie echte Alternativen? Jung erklärt, dass Menschen sich selbst und andere innerhalb grosser Gruppen zunehmend als austauschbare Rollen statt als Individuen betrachten. Eine Gruppe von Menschen, die aufgehört haben, als Individuen zu urteilen, besitzt keine kollektive moralische Fähigkeit – »eine Million Nullen«. Eine Organisation kann nur dann überhaupt moralisch urteilen, wenn die Menschen in ihr dies weiterhin selbst tun. Arendt zeigt, wie Menschen Individuen bleiben: indem sie weiterhin offen miteinander sprechen und sich ehrlich widersprechen, statt lediglich Zustimmung zu signalisieren. Das funktioniert nur unter Menschen, die unterschiedlich genug sind, um einander etwas zu sagen zu haben, und gleich genug, um einander verstehen zu können – was sie Pluralität nennt. In ihrer Untersuchung Eichmanns zeigt sie, was geschieht, wenn dies vollständig aufhört: ein Mann, der nur noch in vorgefertigten Floskeln sprechen konnte und deshalb überhaupt nicht mehr in der Lage war, vom Standpunkt eines anderen Menschen aus zu denken. Kein Monster – jemand, der schlicht aufgehört hatte zu urteilen. Organisationen haben kein Gewissen. Menschen haben eines. Kein System, wie viel Druck es auch ausübt, hebt die individuelle Verantwortung auf. Es bleibt eine Entscheidung – gemeinsam teilzunehmen und zu urteilen oder zu scheitern.

    Wenn wir Organisationen scheitern sehen, liegt das nicht an fehlendem Wissen. In einer Organisation gibt es immer genügend Menschen, die wissen, was falsch läuft. Wir haben gesehen, dass der richtige Weg oft logisch, durch Belege gestützt oder sogar vollkommen offensichtlich ist. Und manchmal ist er aufgrund moralischer Überlegungen schlicht das Richtige. Trotzdem fühlt es sich an, als würde man gegen eine Wand laufen, als wäre es irgendwie illegal oder gefährlich, sich gegen die etablierte Ordnung zu stellen. Die Frage lautet also nicht, warum die Menschen es nicht besser wissen. Sie lautet, warum sie trotz besseren Wissens nicht handeln – und warum das System dieses Scheitern unauffällig, ja sogar notwendig erscheinen lässt. Und warum wird der Versuch, das Richtige zu tun und ein Scheitern zu verhindern, in einer Organisation zur falschen Art zu handeln?

    Du könntest sagen, dass Havels Beispiel das Leben in einer kommunistischen Diktatur beschreibt und dass dies lediglich ein repressives politisches Umfeld war, das sich grundlegend von einem gewöhnlichen Unternehmen unterscheidet. Was, wenn diese Wahrnehmung völlig falsch ist? Was, wenn es überhaupt nicht um Diktatur geht, sondern um etwas Strukturelleres, das sich auch an anderen Orten finden lässt? Havel analysiert dies sehr genau und gelangt zu einer besseren Beschreibung dessen, was das System, gegen das er kämpfte, tatsächlich war. Er nennt es posttotalitären Automatismus. Jede Diktatur beginnt auf die gleiche Weise: Eine Person oder Gruppe an der Spitze erteilt Befehle, die durch Gewalt oder Angst durchgesetzt werden. Doch das ist nur der Anfang. Mit der Zeit lernen die Menschen, was von ihnen erwartet wird. Wir sind dieser Vorstellung schon begegnet, als Foucault erklärte, wie Kontrollen mit der Zeit verinnerlicht werden – das gleiche Grundprinzip. In Diktaturen funktioniert dies über Ideologie. Die Ideologie gibt den Menschen Verhaltensweisen oder Rituale vor, die sie ausführen sollen, um ihre Fügsamkeit sichtbar zu machen.

    Das ist Havels berühmtes Beispiel des Gemüsehändlers, der – wie man es ihm vorgeschrieben hat – stets ein Schild in sein Schaufenster stellt: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Sehr wichtig: Der Gemüsehändler ist kein überzeugter Hardcore-Sozialist. Er glaubt die Worte auf dem Schild nicht, aber sie sind ohnehin nicht wichtig. Entscheidend ist, dass er es ausstellt. Diese Handlung sagt: Ich kenne die Regeln. Ich werde mich benehmen. Lasst mich in Ruhe. Und natürlich ist er damit nicht allein. Alle tun es. Die Kioskfrau, der Polizist, der Brauereimanager. Alle stellen ihre Schilder auf. Sie erschaffen ein Panorama der Fügsamkeit. Und auf teuflische Weise entsteht daraus ein System, in dem Fügsamkeit verpflichtend wird. Durch den öffentlichen Akt der Fügsamkeit verhält sich jeder gleichzeitig fügsam und erzwingt die Fügsamkeit der anderen. Dieser Automatismus ersetzt die traditionelle Vorstellung von Diktatur. Das System verlangt nicht, dass seine Führer an die Ideologie glauben – nur, dass alle sie aufführen. Die Aufführung erhält sich selbst.

    Das ist sehr wichtig, wenn wir bestimmen wollen, wer in einem System handelt und wer Verantwortung trägt. Systeme benötigen immer Akteure, die sie bilden und betreiben. Es gibt kein System ohne Akteure – und ja, wenn du es ganz genau nehmen willst, kann ein System aus Trägheit noch eine Weile Output produzieren, aber es kann ohne Akteure weder gebildet noch verändert oder aufrechterhalten werden. Im posttotalitären Automatismus haben wir gesehen, dass alle sowohl Objekt als auch Subjekt, sowohl Unterdrücker als auch Unterdrückte werden – sie sind sämtliche Akteure, die nötig sind, um das System am Laufen zu halten. Das würde nun bedeuten, dass tatsächlich niemand mehr verantwortlich ist, weil jeder zugleich Opfer und Täter ist. Dies und die Tatsache, dass es sich um einen Automatismus handelt, lassen das System wie eine metaphysische Ordnung erscheinen – als eine Macht, die sich als Tatsache oder Notwendigkeit präsentiert. Niemand hat eine Wahl, niemand ist verantwortlich. Erinnert dich das an etwas? Ich denke dabei jedenfalls an Shareholder Primacy – an die Art, wie sie bis heute als Tatsache akzeptiert wird: Der Markt hat entschieden. Roger Martins Fixing the Game zeigt genau dies: wie sie als Entschuldigung für alle möglichen Geschäftsentscheidungen verwendet wird. Und wir haben bereits festgestellt, dass es sich aufgrund fehlender empirischer Belege und mangelnder innerer Logik nicht um eine gültige Geschäftsstrategie, sondern um eine Ideologie handelt. Doch vollständige Verantwortungslosigkeit ist eine Falle, und wir werden später sehen, warum. Zuerst bleiben wir bei Havel, denn da ist noch mehr. Das System kann sich nicht durch dieselben Rituale korrigieren, durch die es sich reproduziert. Korrektur erfordert Kritisierbarkeit: Es muss jemanden geben, der seine Sprache, seine Belege und seine Annahmen aus einer Position heraus infrage stellen kann, die nicht von der Verpflichtung beherrscht wird, sie zu bestätigen. Und Selbstbeurteilung scheitert meistens, weil sie dazu neigt, die eigene Sichtweise des Systems zu bestätigen. Wir alle haben das in der betrieblichen Praxis erlebt, wenn Teams oder Einzelpersonen genau dazu aufgefordert werden. Selbstbeurteilung funktioniert am besten bei denjenigen, die bereits zum Zweifel fähig sind – und am schlechtesten genau dort, wo Zweifel am dringendsten benötigt werden.

    Wenn in diesem System des Automatismus tatsächlich jemand aufbegehrt, wie der Braumeister, fallen die Reaktionen gewöhnlich ziemlich hart aus. Er erhält nicht einfach eine Verwarnung. Er wird entlassen – oder zumindest mit dem kommunistischen Äquivalent davon bestraft. Er verliert Freunde und gesellschaftliches Ansehen. Es handelt sich also nicht um eine individuelle Strafe und auch nicht um die Strafe einer einzelnen Person. Es sind – wie wir oben gesehen haben – mehrere Menschen, das System selbst, die auf ihn losgehen. Ein bisschen viel dafür, dass er nur ein paar Verbesserungen vorgeschlagen und das Management kritisiert hat, findest du nicht? Die Sache ist die: Seine Handlung war nicht nur dieses einzelne Vergehen – genauso wenig, wie das Schild des Gemüsehändlers nur ein Schild ist. Tatsächlich legte er nicht nur das Scheitern des Bierbrauprozesses offen, sondern das Scheitern des gesamten Systems. Deshalb reagiert das ganze System. Seine Handlung war nun etwas Reales. Etwas, das jeder tun kann, und es bedeutet, in der Wahrheit zu leben. Gewöhnlich, erreichbar, normal – wenn wir nur die Handlung selbst betrachten. Doch wie wir gesehen haben, geht ihre Bedeutung weit darüber hinaus – und damit auch ihre Konsequenzen. Hinzu kommt, dass dies nicht bedeutet, dass sich das System verändert oder dass du etwas davon hast, wenn du dich zu Wort meldest oder handelst. Wahrscheinlicher ist, dass du dasselbe erleidest wie Havels Braumeister. Er lebte in der Wahrheit, doch er gewann nichts dadurch. Tu das Richtige und trage die Konsequenzen. Scheisse, oder?

    Nun, kehren wir zu unserem anderen Denkrätsel zurück: der vollständigen Verantwortungslosigkeit. Havel lässt uns an diesem Punkt hängen, und wir müssen die Lösung anderswo suchen. Dennis Thompson, ein amerikanischer Philosoph, untersuchte in seinem berühmten Artikel »The Moral Responsibility of Public Officials: The Problem of Many Hands« das Problem moralischer Verantwortung, wenn Entscheidungen scheinbar von Systemen oder Organisationen statt von Individuen getroffen werden. Und ja, Thompson schrieb über öffentliche Behörden, doch die strukturellen Bedingungen sind in Unternehmen dieselben, weshalb sich seine Überlegungen ebenso gut darauf anwenden lassen. Die Frage bleibt: Wenn alle beteiligt sind, ist dann überhaupt jemand verantwortlich? Seine Ein-Sekunden-Antwort würde vermutlich »Nein« lauten – aber geben wir ihm ein paar Sekunden mehr für eine bessere Antwort. Er lehnt beide naheliegenden Möglichkeiten ab: hierarchische Verantwortung – gib der Spitze die Schuld – und kollektive Verantwortung – gib allen gemeinsam als Gruppe die Schuld, also im Grunde dem System.

    Das hierarchische Modell hat mehrere Probleme. Führungskräfte sind nicht die einzigen Menschen, die in Organisationen handeln. Auch Menschen auf tieferen Ebenen treffen Entscheidungen, selbst wenn sie mit einem Befehl von oben konfrontiert sind. Hinzu kommt das Problem, dass alle unterhalb der Spitze automatisch einen Freibrief erhielten: »Ich habe nur meine Arbeit gemacht.« Und es würde bedeuten, dass Führungsverantwortung zu einem ritualisierten Opfer wird – die Führungskraft wird im Grunde zu einem bezahlten Sündenbock. Das ist schlecht, weil im Falle eines Scheiterns lediglich die Person an der Spitze ersetzt würde, während alle anderen Menschen und das System selbst unangetastet blieben.

    Das kollektive Modell schneidet nicht besser ab. Das Hauptproblem besteht darin, dass ein Kollektiv oder eine Gruppe, ein System oder eine Organisation nicht auf die gleiche Weise weiss, wählt und handelt, wie es nur ein Mensch kann. Die Mitglieder tragen auf sehr unterschiedliche Weise bei. Eine Person entwirft vielleicht eine Policy, eine andere genehmigt sie, jemand setzt sie um, eine weitere Person widerspricht, und manche waren überhaupt nicht beteiligt. Alle als gleichermassen verantwortlich zu bezeichnen, entspricht nicht der Wirklichkeit und ist unfair. Ausserdem nehmen wir in dem Moment, in dem wir von Gruppen oder Organisationen sprechen, den Individuen Verantwortung ab, sodass sie sich nicht mehr für ihre Entscheidungen oder Handlungen rechtfertigen müssen. Und die Unterscheidung zwischen denjenigen, die Entscheidungen trafen, und denjenigen, die vielleicht Widerstand leisteten oder überhaupt nicht beteiligt waren, wird bei kollektiver Verantwortung unmöglich.

    Thompsons Antwort ist etwas wie sorgfältig untersuchte persönliche Verantwortung – oder vielmehr Verantwortlichkeiten. Denn du musst Entscheidungen durch die Organisation hindurch zurückverfolgen und herausfinden, was jedes einzelne Individuum tatsächlich getan hat. Auf dieser Grundlage kannst du Verantwortung in unterschiedlichen Graden zuweisen. Nicht einfach oder sexy, aber eine echte Lösung für das Problem. Im Grunde müsstest du einige Fragen entwickeln, die für jede Person einzeln beantwortet werden. Was hat diese Person in diesem Fall getan? Haben ihre Handlungen oder Unterlassungen zum schädlichen Ergebnis beigetragen? Was wusste sie, oder was hätte sie vernünftigerweise wissen müssen? Handelte sie frei oder unter Zwang? Und hätte sie vernünftigerweise anders handeln können – widersprechen, warnen, sich weigern, zurücktreten? Am Ende erhältst du keine Antwort in Form von Ja oder Nein, sondern Verantwortung in unterschiedlichen Graden.

    Thompson erklärt uns, wie wir nach einem organisatorischen Scheitern Verantwortung zuweisen können. Doch er erklärt noch nicht, warum Individuen so oft genau jene Urteilskraft aufgeben, für die sie verantwortlich bleiben. Dafür brauchen wir die Psychologie, und diesmal wenden wir uns einem der Pioniere der modernen analytischen Psychologie zu: C. G. Jung. Nun gut, manche erinnern sich an ihn wegen einiger seiner seltsameren Ideen – Archetypen wie den Schatten und den weisen alten Mann sowie sein Interesse an paranormalen Erfahrungen. Doch er war ein wahrhaft grosser Deuter der Psyche. Und sein Essay »Gegenwart und Zukunft« ist eine hervorragende Analyse der Frage, warum das Individuum innerhalb eines Systems aufhört zu urteilen. Wenn wir vom Individuum sprechen, benötigen wir eine andere Perspektive als gewöhnlich – denn normalerweise sprechen wir wissenschaftlich: Wir suchen nach Durchschnittswerten, allgemeinen Regeln und wiederkehrenden Mustern. Das Problem daran besteht Jung zufolge darin, dass genau dies nicht das Individuum ist. Das Individuum ist nicht die Abstraktion. In gewisser Weise ist es die statistische Ausnahme – doch wir alle sind die Ausnahme. Seltsam? Lass mich dir ein einfaches Beispiel geben: Der durchschnittliche Mann ist 178 cm gross. Das Individuum namens Markus ist 197 cm gross. Die Durchschnittsgrösse beschreibt eine Population – sie kann uns schlicht nicht sagen, wie gross Markus ist. Wenn wir also das Individuum betrachten wollen, müssen wir sowohl die Ausnahme als auch die Theorie betrachten – und bitte beachte, dass Jung dies Theorie nennt, nicht ich.

    Nur eine kleine Korrektur an Jung, wenn er von Theorie, Statistik und Durchschnittswerten als Gegenstand der Wissenschaft und als Ursache dieser Massenbildung spricht. So wie ich Theorie verstehe, ist sie ein Mittel, um die Wirklichkeit zu erklären, keine Abstraktion. Statistische Analyse ist mehr als nur ein Durchschnitt. Deming wies darauf hin, dass die wichtigsten Zahlen in der Statistik eigentlich die Abweichungen vom Durchschnitt sind: die Variationen. Ich glaube, was Jung sah, war eher eine Abstraktion im Sinne einer Vereinfachung des sozialen Wesens. Theorie ist nicht schlecht – sie bietet Orientierung. Doch echtes Wissen über das Individuum, das er auch Selbsterkenntnis nennt, kann nur aus der Erfahrung des Individuums entstehen.

    Diese Perspektive ist wichtig, weil Menschen, wenn sie in eine grosse Organisation – oder Massenbewegung, wie Jung es nennt – eintreten, genau diese Sichtweise verlieren: die Fähigkeit, Menschen einschliesslich sich selbst als eigenständige Individuen zu betrachten. Sie werden zu austauschbaren Mitgliedern von Gruppen – zu Mitarbeitenden, Konsumenten oder Wählern. Du könntest sagen: »Ja gut, das sind wir nun einmal.« Das Problem hängt mit etwas zusammen, das wir bereits gesehen haben. Wenn der Beitritt zu einer Gruppe auch bedeutet, die individuellen Entscheidungen oder das eigene moralische Urteilen aufzugeben, kann die Gruppe dies nicht übernehmen, weil sie als Gruppe diese Fähigkeit nicht besitzt. In dieser Massenbildung landen wir deshalb bei dem, was Jung eine Million Nullen nennt – einer Gruppe aus moralisch passiven Bestandteilen. Wir alle wissen, dass eine Million Nullen noch immer null ergibt. Ganz gleich, wie viele Menschen zusammenkommen: Es entsteht ein moralisches Vakuum, das schlechte Akteure häufig ausnutzen. Die einzige Möglichkeit, wie eine Gruppe oder Organisation überhaupt noch moralisch urteilen kann, besteht darin, dass die Menschen in ihr dies weiterhin selbst tun. Der andere Fall, in dem ein Führer das scheinbare Denken übernimmt, ist häufig zum Scheitern verurteilt. Das nennt man Ego-Inflation. Die Masse projiziert ihre Bedürfnisse auf den Führer. Dadurch vergrössert sie ihn zu einer übermenschlichen Figur. Der Führer verinnerlicht diese Projektion und wird genau das – eine projizierte Grösse, keine wahre Grösse – und gerät in ihre Gefangenschaft. Stell dir vor, die Menge erschafft einen Gott, und der Gott-Führer wird von der Rolle, ein Gott zu sein, eingesperrt.

    Ist dieser Gott-Führer das Einzige, was die individuelle Moral ersetzen kann? Nein. Viel häufiger geschieht Jung zufolge, dass eine Policy der Organisation an ihre Stelle tritt. Erinnern wir uns: Was wurde laut Havel verwendet, um die Massen zu kontrollieren? Ideologie, richtig. Eine Policy wird ideologisch, wenn sie nicht länger das Urteilen anleitet, sondern es ersetzt – wenn »die Policy sagt es so« als Ende des moralischen Denkens behandelt wird. Ideologie sagt dem Bürger, was wahr sein muss; eine dysfunktionale Policy sagt dem Mitarbeiter, worüber nicht länger nachgedacht werden muss. Ich sehe keinen Unterschied darin, ob es sich um einen Staat, eine gesellschaftliche Gruppe oder ein Unternehmen handelt. Die Prinzipien sind immer dieselben.

    Was ist Jung zufolge die Gegenbewegung zur Massenbildung, da diese eine ziemlich starke Kraft darstellt? Das wäre organisierte Individualität. Doch bitte beachte: Das bedeutet nicht, dass das Individuum völlig allein handeln muss. Es bedeutet, dass es innerlich organisiert sein muss. Erkenne dich selbst, verstehe deine Ängste und Schwächen, sei gefestigt und handle beständig, statt lediglich zu reagieren.

    Jung erklärt, wie Individualität verloren geht. Doch was geht mit ihr verloren – und was müssen Individuen gemeinsam tun, wenn sie sie zurückgewinnen wollen? Unsere letzte Autorin für heute könnte diese Frage beantworten. Hannah Arendt ist eine der bedeutendsten politischen Philosophinnen des letzten Jahrhunderts. Sie schrieb viel über totalitäre Regime und ihre Funktionsweise, doch in ihrem grundlegendsten Werk »The Human Condition« analysierte sie, wie Menschen innerhalb der Gesellschaft aktiv sind. Dabei unterschied sie drei Formen: Arbeiten, Herstellen und Handeln.

    Arbeiten ist das, was wir tun, um das Leben aufrechtzuerhalten. Es dient der Befriedigung unserer biologischen Bedürfnisse – Dinge wie Lebensmittel anbauen und zubereiten, putzen und für uns selbst sorgen, selbst das Verdienen dessen, was wir zum Überleben benötigen. Die Grundlagen sozusagen. Arbeiten muss endlos wiederholt werden, weil alles, was es hervorbringt, rasch verbraucht wird – darin unterscheidet es sich nicht von dem, was jedes Tier tut. Jedes Lebewesen muss das Leben fortwährend erhalten. Entscheidend ist, dass diese ständige Wiederholung stattfindet, weil das Ergebnis verbraucht wird und das Bedürfnis dauerhaft besteht. In einem Unternehmen wären das beispielsweise wiederkehrende Produktionsschritte oder das Beantworten von Kundenanfragen.

    Herstellen erschafft die bleibenden Dinge – es erschafft die vom Menschen gemachte Welt. Ein Haus bauen, ein Buch schreiben, eine Maschine entwerfen, einen rechtlichen Rahmen schaffen. Herstellen hat deshalb einen Anfang und ein Ende und hinterlässt etwas relativ Dauerhaftes. In einem Unternehmensumfeld wären das Dinge wie die Entwicklung eines neuen Produkts oder von Software.

    Die letzte Tätigkeit ist das Handeln. Arendt zufolge geschieht es, wenn Menschen miteinander sprechen und handeln, dabei aber unterschiedliche Individuen bleiben. Es bringt nicht zwingend einen Gegenstand hervor. Auf diese Weise beginnen Menschen etwas Neues, gestalten die politische Welt und zeigen, wer sie als Individuen sind – beispielsweise wenn du öffentlich sprichst, dich gegen Ungerechtigkeit wehrst, ein Versprechen gibst oder mit anderen öffentlich über einen gemeinsamen Weg berätst. In einem Unternehmen wäre das die Diskussion eines schwierigen Problems oder die Entwicklung einer Strategie. All dies beinhaltet den Austausch der Ideen und Gedanken einzelner Menschen.

    Arendts Kategorien wurden durch die antike Unterscheidung zwischen dem privaten Haushalt, der Welt des Herstellens und dem öffentlichen politischen Raum geprägt. In der griechischen Polis waren diese Tätigkeiten sehr ungleich auf gesellschaftliche Gruppen verteilt – Sklaven arbeiteten, Handwerker stellten her, Bürger handelten. Doch Arbeiten, Herstellen und Handeln sind nicht einfach drei moderne Berufsklassen. Es sind unterschiedliche Tätigkeitsformen, und ein einziger Arbeitstag kann alle drei enthalten. Han van Diest und Ben Dankbaar haben genau diese Eigenschaft genutzt, um Arendts Unterscheidungen auf Organisationen anzuwenden – jeder Mensch arbeitet, stellt her und handelt in unterschiedlichen Anteilen, was unserer Wirklichkeit näherkommt. Selbst in den Stadtstaaten erledigte die politische Elite gewisse grundlegende Arbeiten wie sich zu waschen oder Essen zuzubereiten. Niemand ist vollständig frei von sich wiederholenden Aufgaben.

    Was ich daraus mitnehme, ist, dass ein Gleichgewicht aller drei Formen entscheidend ist – und dass vor allem das Handeln nicht vernachlässigt werden darf, weil hier das grösste Risiko liegt. Handeln bedeutet nicht einfach, dass ein Mitarbeiter oder eine Gruppe den besten Weg findet, um ein vorgegebenes Ziel oder eine Zahl zu erreichen. Erinnere dich: Handeln bedeutet Urteilen und den Austausch von Ideen. Ein Projekt mit dem Ziel, ein schlankeres Unternehmen zu werden, wäre deshalb noch kein Handeln. Das wäre eine einfache Ergänzung, und wir haben in verschiedenen Beispielen gesehen, dass dies häufig systematisch unmöglich zu erreichen ist. Arendt meint Handeln im Sinne von Deliberation. Es geht also darum, zu diskutieren, was »schlanker« bedeutet, für wen, welche Zielkonflikte bestehen und ob dies die Zukunft ist, auf die wir gemeinsam zugehen wollen. Für Arendt ist dies wiederum die einzige wirklich würdige Form. Doch viele Autoren haben diese drei Tätigkeitsformen – Arbeiten, Herstellen und Handeln – als nebeneinander bestehende Formen angewandt, insbesondere in der Managementtheorie. In einer von Arendt inspirierten Lesart von Organisationen kann Handeln das Arbeiten aus der blossen Notwendigkeit und das Herstellen aus dem rein instrumentellen Denken erlösen. Handeln schafft Arbeiten und Herstellen nicht ab – es bringt ihre Zwecke zurück in einen Raum, in dem Menschen sie gemeinsam beurteilen können.

    Tätigkeit sollte nicht auf Fabrikation reduziert werden – auf einen kontrollierten Prozess zur Herstellung eines vorherbestimmten Ergebnisses. Fabrikation beginnt mit einem Ziel, wählt die notwendigen Mittel und behandelt das Material entsprechend dem Plan. Auf Menschen angewandt, macht dies sie zu Instrumenten, zum Mittel. Und wir haben bei Kant gesehen, dass dies nicht akzeptabel ist, ganz gleich, wie normal es uns heute erscheinen mag. Bei Arendt wird Pluralität durch den Versuch verdrängt, vorhersehbares menschliches Verhalten herzustellen – entschuldige, auf Pluralität kommen wir gleich zurück. Havel beschreibt dieselbe Struktur von einer anderen Seite: Persönliche Urteilskraft wird durch ritualisierte Aufführung ersetzt, bis sich das System automatisch reproduziert. Jung beschreibt ihre psychologische Voraussetzung: Individualität löst sich in Massenidentität auf. Das sind keine miteinander konkurrierenden Erklärungen. Es sind miteinander verbundene Stufen eines Mechanismus. Der Mensch hört auf, Ursprung eines Urteils zu sein, und wird zu einem funktionierenden Bestandteil einer grossen Maschine.

    Du könntest einwenden, dass dies übertrieben sei, weil es nur die Arbeit betrifft – lediglich die acht oder neun Stunden, während denen ich im Büro oder in der Fabrik bin – und dass dies der Kompromiss sei, den man im modernen Leben akzeptieren müsse: Du gibst einen Teil deiner Freiheit auf, lässt das Management entscheiden und erhältst dafür Lohn, Sicherheit und ein Leben ausserhalb der Arbeit. Das erste Problem dabei: Der sogenannte Great Compromise ist längst zusammengebrochen. Er war eine Idee der Industrialisierung, als die verbreitete Auffassung lautete, dass Arbeit und Privatleben sauber voneinander getrennt werden könnten – ungefähr so: Bei der Arbeit bin ich ein Zahnrad in einer Maschine, und in meinem Privatleben bin ich der wirklich menschliche Mensch. Doch in heutigen Organisationen sind die Anforderungen daran, was Beschäftigte von sich selbst in die Arbeit einbringen müssen, stark gewachsen. Knowledge Workers sollen kreativ und erkenntnisreich sein und dabei auf Bereiche zurückgreifen, die Teil ihrer Persönlichkeit sind. Service Workers müssen eine Verbindung zu den Kunden herstellen. Beschäftigte müssen sich selbst motivieren. Dieser Zusammenbruch ist natürlich dort am deutlichsten sichtbar, wo die Anforderungen an das Selbst am stärksten gewachsen sind, doch der Trend besteht überall. Hinzu kommt, dass wir bei unserem Blick auf die Geschichte der Arbeit gesehen haben, dass eine Trennung zwischen Arbeit und Selbst nie wirklich existierte. Die Vorstellung war von Anfang an ein Mythos. Arbeit war schon immer direkt damit verbunden, wer wir sind – nicht nur, weil acht Stunden die Hälfte unserer wachen Zeit ausmachen, sondern auch, weil Tätigkeit, also das, was wir tun, uns definiert. Schliesslich muss ich hinzufügen, dass meine Anwendung von Arendt, Jung und Havel auf Arbeit und Unternehmen nicht bedeutet, dass ihre Gedanken auf die acht Stunden im Büro beschränkt wären. Du bist auch Teil eines Systems, wenn du Dinge kaufst, isst oder so ziemlich irgendetwas anderes tust – sogar wenn du schläfst. Havel dachte an politische Systeme, Jung an die Psyche in der modernen Gesellschaft, und bei Arendt ging es um die gesamte menschliche Bedingtheit. Die verschiedenen Bereiche des menschlichen Lebens lassen sich nicht sauber voneinander trennen.

    Arendt zufolge benötigt Handeln, wie bereits erwähnt, Pluralität. Handeln in ihrem Sinne existiert nur zwischen unterschiedlichen Menschen, die miteinander interagieren können. Durch Sprache und Handlungen offenbaren du und ich unsere unterschiedlichen Standpunkte und tragen dazu bei, eine gemeinsame Wirklichkeit zu gestalten. Diskussion ist wichtig, weil niemand das endgültige Ergebnis besitzt. Unsere Übereinstimmungen und Meinungsverschiedenheiten, unsere Interpretationen und die wirklich neuen Dinge, die aus unserem Austausch entstehen können – gemeinsam bilden sie das, was ist. Damit dieser Austausch stattfinden kann, benötigen wir zwei Dinge: Gleichheit und Verschiedenheit. Hä? Klingt seltsam, ist aber wahr. Wir müssen gleich genug sein, um miteinander sprechen zu können – gleich genug, um die Überlegungen des anderen zu verstehen. Nicht ihm zuzustimmen, nur ihn zu verstehen. Gleichzeitig müssen wir unterschiedlich genug sein, um tatsächlich verschiedene Erfahrungen, Meinungen und Ansichten zu haben, damit wir einander etwas zu sagen haben. Wären alle genau gleich, gäbe es keinen Grund zu sprechen. Dies ermöglicht uns nicht nur, uns selbst zu definieren oder wir selbst zu sein, sondern auch, eine gemeinsame oder kollektive Wirklichkeit zu bilden. Für Arendt ist Massenbildung, wie Jung sie betrachtet, deshalb kein endgültiger Zustand – sie kann überwunden werden, aber nur, wenn die Selbstoffenbarung durch Sprache fortbesteht. Dieser aktive Zustand der Pluralität ist somit entscheidend dafür, dass Handeln einen Ausweg aus der Instrumentalisierung des Menschen eröffnet.

    Arendt schrieb ein weiteres Buch, das für diesen Mechanismus in der Gesellschaft wichtig ist. Es handelt davon, was geschieht, wenn er auf die schlimmstmögliche Weise versagt. »Eichmann in Jerusalem« ist Arendts Beobachtung des Prozesses gegen Adolf Eichmann im Jahr 1961. Eichmann war einer der wichtigsten Organisatoren der Deportation europäischer Juden in Ghettos, Konzentrationslager und Vernichtungslager. Es ist auch ein Buch über den Endzustand – darüber, was geschieht, wenn ein Mensch vollständig auf eine Formel reduziert wurde und weder Handeln noch Pluralität übrig geblieben sind. Lass mich eines klarstellen: Arendt zweifelte nie an Eichmanns Schuld oder daran, dass er für seine schrecklichen Verbrechen vollständig verantwortlich war. Was Arendt während des Prozesses beobachtete und infrage stellte, war die Darstellung Eichmanns als monströses Individuum. Sie versteht, warum dies geschieht – es ist sehr einfach, einem Monster, einem verdrehten, abnormalen Individuum, die Schuld zu geben, wenn wir zu verstehen versuchen, wie jemand solch schreckliche Dinge tun konnte. Sie stellte die beruhigende Erwartung infrage, dass derart monströse Taten von einer sichtbar monströsen Persönlichkeit begangen werden müssten. Doch was Arendt beobachtete, als sie dem Prozess folgte und die Verhörprotokolle las, war ein Mann voller Floskeln, der ausserhalb leerer, vorgefertigter Formeln nicht sprechen konnte und unfähig war, vom Standpunkt eines anderen Menschen aus zu denken. Das ist aufschlussreich: Seine Standardformulierungen – Pflicht, Gehorsam, Befehle, amtliche Notwendigkeit – verdeckten keine tieferen Gedanken. Es gab keine tieferen Gedanken. Er verwendete vorgefertigte Formeln sowohl zur Interpretation der Wirklichkeit als auch für seine moralischen Urteile, weil überhaupt kein echtes Denken mehr stattfand. Und in dem Moment, in dem ein Mensch die Fähigkeit verliert, den Standpunkt eines anderen einzunehmen, entsteht eine Abschottung von der Wirklichkeit – zugleich von seiner eigenen und derjenigen der anderen. Dadurch wird es möglich, Befehlen zu folgen, die zu bösen Verbrechen führen, als handle es sich um harmlose bürokratische Tätigkeiten. Dadurch wird das Begehen böser Taten normal oder banal. Es braucht also kein Monster, um sie zu begehen. Es braucht nur ein Individuum oder viele Individuen, die es versäumen – oder sich weigern –, ihre Fähigkeit zur Urteilskraft auszuüben. Die Tatsache, dass dies weiterhin eine Entscheidung ist, macht jeden Einzelnen voll verantwortlich. Und erinnere dich: Das System kann nicht verantwortlich gemacht werden, denn Systeme und Organisationen besitzen weder Moral noch Gewissen. Nur Menschen haben diese Fähigkeit. Ob Arendt Eichmanns ideologische Überzeugung unterschätzte, bleibt umstritten – spätere Historiker haben argumentiert, dass er ein überzeugterer Antisemit war, als ihr Porträt vermuten lässt. Für ihr Argument entscheidend ist, dass ideologische Überzeugung und bürokratische Gedankenlosigkeit nebeneinander bestehen können. Eichmann war das extreme Beispiel für etwas, das ständig geschieht, wenn Menschen sich entscheiden, ihre Fähigkeit zum Menschsein nicht zu nutzen.

    Die Negation unserer spezifisch menschlichen Fähigkeiten beginnt, wenn wir zulassen, dass wir von der Masse, der Organisation, dem System oder dem totalitären Regime aufgesogen werden. Sie beginnt, wenn persönliche Urteilskraft durch Ideologie ersetzt wird, wenn wir uns selbst zu einer Abstraktion ohne jene aussergewöhnlichen Eigenschaften machen lassen, die uns zu Individuen machen, und wenn wir aufhören, miteinander zu sprechen und einander zu verstehen.

    Es gibt kein einfaches Rezept, um dies zu verhindern. Ebenso wenig ist es ein einfacher Weg. Und eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Sicher ist jedoch, dass die Aufgabe dessen, was uns menschlich macht, zum Scheitern des Systems führen wird, in dem wir leben, und zu unserem eigenen Scheitern. Vor allem aber bleibt trotz allen systemischen Drucks die individuelle Verantwortung bestehen. Sie kann nicht wegkonstruiert werden. Es bleibt an uns, eine Entscheidung zu treffen. Wir können teilnehmen, diskutieren, Widerstand leisten, teilen, erschaffen und zusammenarbeiten. Oder wir können uns fürs Scheitern entscheiden.

    Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

    Havel, Václav. The Power of the Powerless. London: Vintage Classics, 2018 (Essay ursprünglich 1978 verfasst).

    Thompson, Dennis F. »The Moral Responsibility of Public Officials: The Problem of Many Hands.« American Political Science Review 74, Nr. 4 (Dezember 1980): 905–916.

    Jung, C. G. The Undiscovered Self: With Symbols and the Interpretation of Dreams. Übersetzt von R. F. C. Hull. Ursprünglich veröffentlicht als Gegenwart und Zukunft (Zürich: Rascher, 1957).

    Arendt, Hannah. The Human Condition. Zweite Ausgabe. Chicago: University of Chicago Press, 1998 (ursprünglich 1958 veröffentlicht).

    Arendt, Hannah. Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil. New York: Viking Press, 1963.

    van Diest, Han, und Ben Dankbaar. »Managing Freely Acting People: Hannah Arendt’s Theory of Action and Modern Management and Organisation Theory.« Radboud University Repository.

    Martin, Roger L. Fixing the Game: How Runaway Expectations Broke the Economy, and How to Get Back to Reality. Boston: Harvard Business Review Press, 2011.

  • Von Göttern und Standards

    Von Göttern und Standards

    Meine Knie beginnen unkontrolliert zu zittern. Er murmelt erst seit einer Minute zusammenhangloses Nichts, aber ich weiss bereits, dass das hier ganz übel läuft. Zum Glück verdeckt der Besprechungstisch mein angstvolles Zittern. Doch dann stellt der Auditor ihm – dem grossen Chef – eine weitere Frage, und er beantwortet sie überhaupt nicht. Ich meine, sein Mund bewegt sich, und es kommen Wörter heraus, aber sie ergeben einfach keinerlei Sinn. Einige von euch werden die Situation kennen. Zertifizierungsaudit – Managementsysteme – CEO-Interview. Der Auditor soll Kapitel 5.1, Führung und Verpflichtung, überprüfen: Die oberste Leitung übernimmt die Rechenschaftspflicht für die Wirksamkeit des Managementsystems. Ja, nun, dafür müsste er eine verdammte Ahnung davon haben, worum es überhaupt geht, was er aufgrund seiner Antworten offensichtlich nicht hat. Und das, obwohl er vorher gebrieft wurde. Ich weiss, dass das nicht der Sinn der Sache ist, aber wir machen es alle. Dann verkündet der Auditor sein Urteil, meine Knie hören auf zu zittern, und nun bin ich einfach nur noch schockiert. »OK, alles bestens. Wir sind hier fertig.« Moment mal, was? Wie sich herausstellt, ist diese kleine Szene ein ziemlich guter Ausgangspunkt, um über Ethik zu sprechen.

    Die vorstandstaugliche Version: Kapitel 5.1, Führung und Verpflichtung, ist der Schlüssel zu jedem Managementsystem – der Rest des Standards baut darauf auf, und trotzdem ist es die Anforderung, die nur selten mit wirklicher Strenge auditiert wird. Verpflichtung zeigt sich nicht in dem, was im Besprechungsraum gesagt wird, sondern in dem, was eine Organisation tatsächlich belohnt. Moral ist das, was du zu befolgen behauptest. Ethik bedeutet, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen, warum das wichtig ist und wie Wertkonflikte gelöst werden sollen. Die meisten Unternehmen kommen über den ersten Punkt nie hinaus. MacIntyres Diagnose: Wir verwenden die Wörter noch immer, aber wir haben den Bezugsrahmen verloren, mit dessen Hilfe wir den Streit darüber entscheiden könnten. Der Manager ist zu einem modernen Archetyp geworden: Er beansprucht eine neutrale technische Position, während er stillschweigend und ohne moralische Argumentation darüber entscheidet, was das Richtige ist. Das ist nicht die Abwesenheit eines moralischen Standpunkts. Es ist ein moralischer Standpunkt, der sich nie rechtfertigen musste. Kapitel 5.1 stellt eine moralische Frage – übernimmst du Verantwortung für dieses System? –, verkleidet sie aber als technische Anforderung. Genau diese Verkleidung macht es so einfach, die Antwort vorzutäuschen. Ethik ist kein dekorativer Satz an der Wand. Sie ist die fortlaufende, unangenehme Arbeit, zu prüfen, ob die eigenen erklärten Regeln noch immer Bestand haben – und die meisten Organisationen sind so aufgebaut, dass sie diese Arbeit nie leisten müssen.

    Die Anforderung zu Führung und Verpflichtung ist keine Besonderheit der ISO-Managementsystemstandards. Du findest ähnliche Anforderungen in zahlreichen Standards zu Safety, Security, Nachhaltigkeit und Qualität. Irgendwo steht jeweils, dass das Ganze von oben kommen und von den Führungskräften vollständig unterstützt werden muss. Diese Anforderungen entstanden, weil Managementsysteme lange als Spezialistenthemen betrachtet wurden. Die Verfasser der Standards erkannten jedoch, dass die Führung den Ton angeben muss, weil der ganze Rest des Standards sonst weitgehend nutzlos ist. Wenn die Führung die Umsetzung nicht unterstützt, keine Ressourcen bereitstellt und nicht selbst nach den verkündeten Grundsätzen handelt, warum sollte sich der Rest der Organisation darum kümmern? Das Problem ist, dass dies nur selten gründlich überprüft wird. Häufig wirkt das Ganze wie ein Höflichkeitsbesuch zwischen Auditor und CEO, und ganz gleich, was der alte Herr von sich gibt, er erhält eine genügende Note.

    Das Interessante daran ist, dass es sich nicht einfach um einen technischen Punkt in einem Standard handelt. Es geht um etwas Grundsätzliches: darum, wie Unternehmen mit Werten umgehen. Wenn der grosse Chef etwas nicht für wichtig erklärt, zählt es im Unternehmen nicht, und alle übrigen Kapitel bauen auf dieser Verpflichtung auf. Denn Standards sind wie … Ha, erwischt, dazu kommen wir später. Aber im Ernst: Diese eine Anforderung ist wirklich entscheidend dafür, was wir in Unternehmen tun, warum wir es tun und wie wir es tun – für Mittel und Zwecke. Und sie hat mit dem Thema dieses Essays zu tun, mit diesem grossen Wort, das für die meisten von uns fast zu gross ist, um es richtig zu fassen: Ethik. Genauer gesagt Business Ethics. Du weisst schon, dieses Ding, von dem jeder Hollywoodfilm über das Unternehmensleben behauptet, dass es wie Dreck behandelt wird.

    Wie üblich müssen wir ein wenig zurückgehen, aber nicht allzu weit, nur bis ins frühe 20. Jahrhundert und zu meinem liebsten Juristen, der zum Ökonomen und Soziologen wurde: Max Weber. Er untersuchte, woher das stammt, was wir heute Arbeitsethik nennen würden. Du kennst die ganze Vorstellung: hart arbeiten, no pain, no gain. Sei nicht schockiert, aber ein guter Teil davon kommt aus der Religion, genauer gesagt aus dem frühen Protestantismus. Religion war für mich immer ein seltsames Thema. Ich versuche, Bernard-Shaw-mässig an sie heranzugehen: Ich glaube nicht daran, aber ich versuche, sie wirklich zu verstehen. Im Protestantismus, vor allem im Calvinismus, wurde den Menschen vermittelt, dass sie nicht sicher sein konnten, ob Gott ihnen Erlösung gewähren würde. Es gab keinen direkten Weg, sich die Erlösung durch Beichte und Absolution oder die Teilnahme an einem anderen Ritual zu verdienen. Das machte die Menschen natürlich ziemlich nervös. Deshalb versuchten sie, durch ein diszipliniertes, geordnetes und produktives Leben zu zeigen, dass sie gute Menschen waren. Arbeit wurde damit zu mehr als bloss einer Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie wurde zu einer moralischen Prüfung. Und da diese Prüfung kein Ende kannte – anders als ein bestimmtes Ritual, das irgendwann abgeschlossen war –, gab es keinen Moment, in dem man sagen konnte: »Ich habe jetzt genug Gutes getan.« Die Prüfung wurde dauerhaft.

    OK, aber das sind wir heute nicht mehr, selbst wenn du protestantisch erzogen wurdest – wie ich. Stimmt. Mit der Zeit verblasste der religiöse Glaube, doch die Gewohnheit blieb bestehen und überschritt sogar religiöse Grenzen. Moderne Organisationen – nicht nur Unternehmen, sondern beispielsweise auch Schulen – übernahmen diese Gewohnheit: die Disziplin, die Effizienz, die Vorstellung von ständiger Arbeit, selbst nachdem der spirituelle Zweck längst verschwunden war. Das ist es, was Weber als das stählerne Gehäuse bezeichnete: Wir folgen einem System aus Arbeit und Disziplin, das einst mit religiöser Bedeutung erfüllt war, sich heute jedoch oft leer anfühlt.

    Doch dieses Vakuum wurde tatsächlich mit dem gefüllt, was wir heute beobachten. Für diese Analyse können wir Robert Jackalls »Moral Mazes: The World of Corporate Managers« heranziehen. Als guter Soziologe verband er historische Analyse mit empirischer Forschung. Beginnen wir mit der historischen Seite. Er setzt dort an, wo Weber uns zurückgelassen hat, und beschreibt einen frühen Moment, in dem sich offizielle moralische Autorität und moderne Geschäftslogik voneinander trennten, dabei aber weiterhin dieselbe Sprache verwendeten. Die Puritaner in Neuengland spalteten sich Mitte des 17. Jahrhunderts in eine städtische Kaufmannsgruppe und die landgebundenen Hüter des Covenants. Letztere betrachteten die Kolonie weiterhin klar als eine religiöse Gemeinschaft, die durch den Glauben an Gott verbunden war. Ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten mussten der religiösen Mission untergeordnet bleiben. In städtischen Zentren wie Boston entwickelte sich dagegen eine andere Klasse. Sie konzentrierte sich viel stärker auf den boomenden Handel und begann, nach einer moderneren wirtschaftlichen Logik zu handeln – du weisst schon, Preise entsprechend Angebot und Nachfrage, Geschäfte mit der Aussenwelt. Sie riefen nicht laut: Vergesst Gott und preist den Kapitalismus. Sie verwendeten weiterhin ihre puritanische Sprache, deuteten wirtschaftlichen Erfolg nun aber als Beweis für Gottes Segen und für ihren eigenen Fleiss.

    Das hat sich bis in das heutige Unternehmensleben fortgesetzt, das zu einer permanenten Prüfung darüber geworden ist, ob du als guter, zuverlässiger und beförderungswürdiger Mensch betrachtet wirst. Und weil deine Überzeugungen weder geprüft noch beobachtet werden können, zählt nun, was du sagst, welche Loyalität du zeigst, was du lieferst und wie du dich gegenüber deinen Vorgesetzten verhältst. Das zuvor erwähnte Vakuum wurde schliesslich durch den Chef gefüllt. Der Chef hat Gott ersetzt – doch anders als Gott folgt der Chef keinen festen Geboten und wird alle zwei Jahre ausgetauscht.

    Dieses ständige Beweisen des eigenen Werts fand schliesslich auch seinen Weg in die Tätigkeit des Auditierens. Audits sind nichts anderes als wiederkehrende Überprüfungen dessen, was du getan hast. Gleichzeitig sind sie aber auch eine Prüfung dessen, was für ein Mensch du bist – oder, im Fall eines Unternehmens, was für eine Organisation es ist. Zumindest dieser letzte Teil ist meine Interpretation, also beschwert euch darüber bitte nicht bei Jackall.

    OK, das ist viel, ich weiss. Folgen wir Jackall noch ein Stück weiter und lassen wir die Puritaner fürs Erste hinter uns. Er betrachtet die Unternehmenshierarchie und stellt fest, dass sie ein wenig wie ein feudales Loyalitätssystem funktioniert. Dein Chef und der Burgherr erfüllen ähnliche Rollen. Er schützt dich, wenn etwas schiefläuft, verschafft dir Zugang zu Ressourcen, befördert dich und schützt dich vor der Kritik des Königs – Entschuldigung, seines Vorgesetzten. Im Gegenzug versorgst du ihn mit Informationen, verteidigst seine Position, stellst ihn nicht infrage und gehst nicht über seinen Kopf hinweg. Ja gut, so funktioniert es eben, könntest du sagen. Stimmt. Aber der entscheidende Punkt ist, was dabei verloren geht. Dieses Verhalten respektiert nur noch die Loyalitätskette; sachliche Wahrheit oder moralische Richtigkeit werden fallengelassen.

    Autorität bezieht sich damit nicht auf eine abstrakte Institution, sondern auf die persönliche Beziehung zu deinem unmittelbaren Vorgesetzten. Es geht also weniger um Loyalität gegenüber einem Unternehmen oder einem System als vielmehr um Loyalität gegenüber einer Person.

    Jackall hat Unternehmen tatsächlich untersucht – er hat Manager interviewt und konkrete Fälle beobachtet. Er greift sich diese Dinge also nicht einfach aus der Luft. In einem seiner Fälle geschieht in einem Unternehmen etwas wirklich Schlimmes. Der Mitarbeiter, der das Problem entdeckt, informiert seinen Chef darüber. Doch der Chef weigert sich, etwas zu unternehmen. Daraufhin meldet der Mitarbeiter den Fall direkt dem Vorgesetzten seines Chefs. Offiziell hat das Top Management Offenheit, Integrität und Eskalation stets gelobt. Der Mitarbeiter erlebt jedoch vor allem die informelle Reaktion. Er wird nicht mehr befördert und schliesslich so stark unter Druck gesetzt, dass er das Unternehmen verlassen muss. Die Begründung des Managements lautet, er habe gezeigt, dass man ihm nicht zutrauen könne, innerhalb der Loyalitätsstruktur zu arbeiten.

    Ein weiterer interessanter Bereich ist der Informations- und Befehlsfluss. Vorgesetzte neigen dazu, ihre Anweisungen nach unten vage zu halten. Instruktionen sind selten konkret, insbesondere wenn es um unangenehme Massnahmen wie Entlassungen geht. Jackall fand sogar Fälle, in denen das Top Management lediglich eine beiläufige Bemerkung über Überbesetzung machen musste und das mittlere Management darauf mit umfassenden Entlassungen reagierte. Häufiger sind Fälle, in denen das Top Management allgemeine Anweisungen gibt und die Ausführung den Untergebenen überlässt. Ist das Ergebnis einer Massnahme erfolgreich, wird das Management sie selbstverständlich als Beleg für den Erfolg seiner Führung darstellen.

    Das Filtern schlechter Nachrichten ist ein weiteres wichtiges Phänomen und steht in direkter Verbindung zum vorherigen Beispiel. In Unternehmen geschieht häufig Folgendes: Ein Problem wird normalerweise von Mitarbeitenden entdeckt und gemeldet. Der Vorgesetzte bezeichnet es daraufhin als beherrschbar. Das mittlere Management beschreibt die Situation als vorübergehende Schwierigkeit, und wenn die Information schliesslich das Top Management erreicht, ist das Projekt weiterhin auf Kurs. Das geschieht, weil sich jede Ebene der Hierarchie selbst sowie die Menschen oberhalb und unterhalb von ihr schützt. Negative Informationen werden abgeschwächt, damit sie auf niemanden ein schlechtes Licht werfen.

    All diese Beispiele verfolgen dasselbe Ziel. Sie dienen dazu, nach oben und unten in der Hierarchie plausible deniability aufrechtzuerhalten.

    Ein ähnliches Phänomen zeigt sich bei der Festlegung von Zielen. Menschen in Unternehmen müssen sich regelmässig auf eine Zahl verpflichten, die sie später liefern sollen – beispielsweise eine Budgetzahl oder einen Performance Indicator. Das Problem besteht darin, dass diese Verpflichtung keine moralische Bindung an eine sachlich begründete Zahl darstellt, sondern eine Vereinbarung, die aus einer Diskussion oder einem Prozess hervorgegangen ist. Im Grunde handelt es sich um einen Deal. In dieser Diskussion werden alle Beteiligten die Zahlen mit Reserven versehen oder versuchen, sie im eigenen Interesse zu gestalten. Das Senior Management will eine ambitionierte Zahl, das untere Management eine überlebbare. Beide Seiten wissen, dass Annahmen angepasst werden. Später präsentieren alle das Ergebnis als feste Verpflichtung. Die Organisation behandelt die Zahl öffentlich als harte Tatsache, obwohl die Insider wissen, dass sie aus politischen Verhandlungen hervorgegangen ist. Um das klarzustellen: Wenn die Verhandlung von Zielen offen und für alle transparent wäre, wäre sie nicht unehrlich. Die Unehrlichkeit beginnt in dem Moment, in dem die ausgehandelte Zahl als ehrliche Prognose dargestellt wird und nicht als politischer Kompromiss.

    Und an diesem Punkt müssen wir wieder das schwere Geschütz auffahren. Der moralische Test des deutschen Philosophen Immanuel Kant fragt, ob du dein Verhalten verallgemeinern könntest – also ob du wollen könntest, dass alle so handeln wie du. Ja, ich verwende Kant, bevor ich ihn richtig eingeführt habe. Hab etwas Geduld, die Definitionen kommen gleich. Wenn nun alle Beteiligten stillschweigend Reserven und Eigeninteressen in die Zahlen einbauen und die Zahl nicht als ehrliche Prognose behandeln, würde niemand diese Verpflichtungen noch als verlässlich ansehen. Sie wären nichts anderes als eine Fälschung. Der Prozess funktioniert nur, solange Menschen davon ausgehen, dass solche Versprechen ehrlich und sachlich gemeint sind. Diese Praxis schadet letztlich all jenen, die weiterhin glauben, dass Verpflichtungen gegenüber Zahlen aufrichtig sind. Sie ziehen den Kürzeren. Und genau das ist Kants eigentlicher Punkt: Ein lügenhaftes Versprechen funktioniert nur auf den Schultern derjenigen, deren Versprechen weiterhin Vertrauen geniessen.

    Nun habe ich euch versprochen, dass es in diesem Essay um Ethik geht. Deshalb müssen wir uns darauf einigen, was dieser Begriff überhaupt bedeutet. Erlaubt mir, es relativ einfach zu halten und euch eine lange philosophische Diskussion über die Terminologie zu ersparen. Ethik ist nicht dasselbe wie Moral oder Moralität. Moral bezeichnet eine Reihe von Regeln, Pflichten und Werten, denen Menschen zu folgen behaupten: »Ich lüge nicht.« – »Ich behandle Menschen fair.« Das können wir auch als first-order stated content bezeichnen. Es ist einfach das, was ausdrücklich behauptet wird. Ethik beginnt dort, wo wir einen Schritt von diesen Regeln zurücktreten – auch second-order reflection genannt. Sie untersucht und begründet Moral: Warum ist es wichtig, nicht zu lügen? Was tun wir, wenn Werte miteinander in Konflikt geraten? Angenommen, du müsstest lügen, um deinen Freund davor zu bewahren, ermordet zu werden. Du würdest lügen, oder? Nun, geh und diskutiere das mit Kant. Dann gibt es noch moral reasoning. Damit ist das Nachdenken darüber gemeint, was man tun soll, weil es richtig ist – nicht bloss, weil es nützlich ist. Also nicht: »Was bringt mir etwas?« oder »Was ist sicher?«, sondern: »Was ist richtig, selbst wenn es mich etwas kostet?« Für Hardcore-Kantianer wie mich spielen diese Fragen nicht in derselben Liga. Nur die letzte Frage ist echtes moral reasoning; die anderen zählen nicht als moralisches Argument.

    OK, das ist bereits kompliziert genug, könntest du denken. Entschuldigung, aber für diese Diskussion muss ich noch einen weiteren Begriff hinzufügen. Er stammt vom Philosophen Alasdair MacIntyre: Emotivism. Sein Argument lautet, dass wir in unserer heutigen Gesellschaft noch immer moralische Wörter verwenden – Gerechtigkeit, Pflicht, Rechte, Verantwortung –, aber den philosophischen Bezugsrahmen verloren haben, der es uns einst erlaubte, die Bedeutung dieser Wörter zu begründen. Uns fehlt gewissermassen die Sprache, um Gerechtigkeit zu rechtfertigen. Als Randbemerkung: Kantianer würden sagen, dass jeder vernünftige Mensch denselben moralischen Wert besitzt und niemals bloss als Werkzeug für jemand anderen behandelt werden darf. Daraus würde ein Kantianer die Forderung nach gleicher Achtung und konsequent anwendbaren Regeln ableiten. Bei Aristoteles würde es ungefähr heissen, dass Gerechtigkeit Bestandteil menschlichen Gedeihens und einer wohlgeordneten Gemeinschaft ist. Bei den Utilitaristen wäre Gerechtigkeit durch ihre Folgen für das allgemeine Wohlergehen gerechtfertigt. Entschuldigung an die Philosophie-Fraktion für diese lächerliche Komprimierung der drei Schulen.

    Das Problem ist laut MacIntyre, dass uns diese Bezugsrahmen heute fehlen. Wir argumentieren noch immer, irgendwie, aber mit Fragmenten. Das bedeutet, dass uns häufig der gemeinsame Massstab fehlt, mit dessen Hilfe sich ein Streit tatsächlich entscheiden liesse. Oder wir argumentieren nur wie philosophische Dummköpfe: »Das ist ungerecht.« – »Nein, ist es nicht.« – »Nun, ich lehne es jedenfalls entschieden ab.« Das ist weder eine Diskussion noch eine Begründung. Es sind lediglich zwei Menschen, die ihre Vorlieben oder Gefühle äussern. MacIntyre sieht darin einen Hauptgrund dafür, weshalb wir heute solche Schwierigkeiten mit ethischen Fragen haben.

    Einer der Orte, an denen sich dies besonders deutlich zeigt, ist eine Figur, die wir alle kennen: der Manager. Für MacIntyre ist der Manager einer von drei modernen Archetypen – neben dem Ästheten und dem Therapeuten. Der Manager beansprucht neutrale technische Effizienz: nichts Persönliches, nur Business. Damit verbirgt er jedoch einen moralischen Standpunkt zu den Zwecken – zu den Ergebnissen seiner Handlungen und zu den Zielen. Diese Zwecke werden als bereits entschieden und als vorgegebene Tatsachen behandelt: Gewinn erhöhen, Kosten senken, Ziel erreichen. Natürlich stimmt das nicht. Seine implizite moralische Aussage lautet, dass dies die richtigen Ziele sind. Nur – um das klarzustellen – hat er diese nie begründet. Über diese Ziele wurde nie diskutiert, nicht einmal mit ihm selbst. Er hat sich eingeredet, keine Wahl zu haben.

    Ähnlich verhält es sich mit dem Unterschied zwischen internal goods und external goods. In einer Praxis – Auditieren, Führung oder Medizin – gibt es internal goods, die nur zugänglich werden, wenn man die Tätigkeit tatsächlich ausübt und darin gut wird: festzustellen, wie ein System wirklich funktioniert, ein fundiertes Urteil zu treffen, einen kranken Menschen zu heilen. External goods – Geld, Ansehen und Macht – sind etwas anderes. Sie sind nicht notwendigerweise schlecht, aber du kannst sie durch ganz unterschiedliche Tätigkeiten erlangen. Das Problem besteht darin, dass sich insbesondere Unternehmen häufig auf external goods konzentrieren. Sie gestalten die Praxis so, dass diese Güter erreicht werden, und vergessen dabei, worin das internal good überhaupt besteht. In einem Audit gibt es beispielsweise stets einen Konflikt zwischen unabhängiger Verifizierung – dem internal good – und der Bindung des Kunden, dem Erzielen von Honoraren und ähnlichen Dingen – den external goods. Ein klassischer Interessenkonflikt.

    Damit kommen wir etwas näher an das Handwerk heran. Internal goods sind nicht einfach ein einzelnes Gut, sondern gehen aus einer Tradition hervor, aus einer lang andauernden Auseinandersetzung darüber, was in einer bestimmten Praxis tatsächlich funktioniert. Nehmen wir das Qualitätsmanagement. Shewhart entwickelte die statistische Prozesslenkung und die Lehre von der Variation. Deming erweiterte dies um Management, Systeme und Verantwortung. Danach kamen all die Qualitätsdenker, die Kundenorientierung, Prozessdenken und Continuous Improvement ergänzten. Schliesslich überführte ISO einen Teil davon in einen formalen Standard. Das ist eine reiche Tradition. Zahlreiche Meinungen und Diskussionen sind in eine Schatzkammer von internal goods eingeflossen – oder besser gesagt in eine über Generationen geführte Auseinandersetzung darüber, was am besten funktioniert. Die Gefahr liegt auf der Hand: Sobald diese Tradition zu einem festen Standard wird, der nie verändert wird, kann sie sich nicht mehr weiterentwickeln. Und wenn sich der Fokus zweitens auf das external good richtet – darauf, die Zertifizierung für diesen Standard zu bestehen –, geraten die internal goods in Vergessenheit.

    Wenn ich diesen Gedanken etwas erweitere – und ich bin sicher, Organisationspsychologen haben dafür längst einen richtigen Begriff –, nenne ich das einfach dekorative und praktizierte Tugenden. Dekorative Tugenden sind die Dinge, von denen eine Organisation behauptet, dass sie ihr wichtig sind. Praktizierte Tugenden sind dagegen die Dinge, die sie tatsächlich unterstützt. Nehmen wir wiederum die Zertifizierung. Das internal good besteht darin, dass der Auditor wahrheitsgemäss beurteilt, ob die Führung wirksam ist. Das external good besteht darin, dass die Zertifizierungsgesellschaft den Kunden behält. Die dekorative Tugend wäre, dass die Auditgesellschaft während des Audits Verpflichtung und Integrität zur Schau stellt. Die praktizierte Tugend zeigt sich hingegen darin, was das Anreizsystem der Auditgesellschaft tatsächlich belohnt: Auditoren, die Konflikte vermeiden, Kunden zufriedenstellen und keine Schwierigkeiten verursachen – unabhängig davon, welche Werte das Unternehmen offiziell verkündet.

    Nun ist das alles ziemlich hochtrabendes Zeug. Spielt es im Unternehmensalltag wirklich eine Rolle? Einverstanden, manchmal habe ich dieses Gefühl ebenfalls. Wir arbeiten für unseren Chef und nicht für unser Unternehmen, weil er uns entlassen kann. Ziele sind häufig politischer Kram, der die Realität nicht abbildet und wie das Ergebnis von =RAND() wirkt. Und ja, wir scheinen die Fähigkeit verloren zu haben, über Moral oder Ethik zu sprechen oder irgendetwas davon vernünftig zu begründen. Und wenn es um Werte und die Tradition unseres Handwerks geht, nun ja, Gewinn ist eben wichtiger, das weiss doch jeder. Bedeutet das, dass wir einfach zu einem Haufen Business-Zyniker geworden sind?

    Tatsächlich ist es normaler als das, weniger zynisch und weniger spektakulär. Die beste Fallstudie dafür ist Diane Vaughans Untersuchung des Space-Shuttle-Unglücks der »Challenger« von 1986 und dessen, was bei der NASA und ihren Subunternehmen vor dem Start geschah. Was technisch geschah, ist unbestritten: Eine Dichtung in einer der Trägerraketen hielt wegen der tiefen Temperatur nicht dicht, und heisses Gas trat an einer Stelle aus, an der es nicht austreten durfte. Eine solche Erosion der Dichtungen war bereits zuvor beobachtet worden, und ihre Bedeutung war innerhalb der NASA und des verantwortlichen Subunternehmens mehrfach diskutiert worden, auch am Abend vor dem Start. Der Start der Challenger fand dennoch statt. 73 Sekunden nach dem Abheben brach das Raumfahrzeug auseinander, und alle sieben Besatzungsmitglieder starben. Danach gab es zahlreiche Anhörungen und Untersuchungen zur Startentscheidung. Diese Untersuchungen, ebenso wie die Medien und die Öffentlichkeit, kamen weitgehend zu dem Schluss, dass verantwortliche Manager eine schlechte, unmoralische Entscheidung getroffen haben mussten: den Zeitplan einhalten, zusätzliche Kosten vermeiden und starten, obwohl ein bekanntes Ausfallrisiko bestand. Es gibt sogar ein berühmtes Gespräch aus einer internen Sitzung des Subunternehmens vor dem Start. Ein Senior Manager konfrontierte den Leiter der Ingenieure, der sich gegen den Start ausgesprochen hatte, mit den Worten: »Take off your engineering hat and put on your management hat.« Also eindeutig unmoralisches Unternehmensverhalten.

    Das Problem ist: Das war nicht die eigentliche Ursache. Vaughan untersuchte den Fall bis ins kleinste Detail und fand schliesslich keine smoking gun, keinen Verstoss gegen interne Regeln, der das Geschehen allein erklären würde. Keinen bösen Manager. Die Beteiligten hielten sich weitgehend an die internen Regeln. Das Problem bestand darin, dass sich stillschweigend verschoben hatte, was als akzeptabel galt.

    Das Space-Shuttle-Programm stand seit seiner Gründung im Jahr 1972 unter Kosten- und Zeitdruck. Von Anfang an bestand eine Lücke zwischen der erklärten Verpflichtung und den tatsächlich bereitgestellten Ressourcen. Dadurch entstand eine Kultur ständiger Reibung zwischen Safety einerseits und Zeit- und Ressourcendruck andererseits. Das kann erklären, was Vaughan als normalization of deviance bezeichnete. Sie beobachtete ein wiederkehrendes Muster: Probleme – wie die Materialschwäche, die zum Unglück beitrug – wurden gemeldet. Anschliessend wurden sie offiziell anerkannt und anhand interner Standards überprüft. Häufig wurden sie danach formell akzeptiert – nennen wir das die erste Normalisierung. Dann fand ein Shuttle-Start statt, nichts geschah, und dieser Erfolg wurde zum Beleg für den nächsten Zyklus. Nennen wir das, wenn du willst, die zweite Normalisierung. Vaughan nummeriert es nicht so, aber das Muster wiederholt sich. Wird dieser Ablauf oft genug wiederholt, verschwinden viele Probleme einfach in der Normalität. Weil es jedes Mal zu keiner Katastrophe und zu keinem Schadensfall kommt, bestätigt sich die Organisation nicht nur in der Annahme, dass das einzelne Problem akzeptabel war. Das gesamte Muster, der Modus Operandi, wird erneut bestätigt. Dies war nicht der einzige Mechanismus, den Vaughan bei der NASA fand, aber wohl der grundlegendste. Hinzu kam eine umgekehrte Beweislast: Es musste bewiesen werden, dass etwas unsicher war, anstatt nachzuweisen, dass es sicher war. Redundanz wurde als Rechtfertigung dafür betrachtet, weiterzufliegen, und nicht als Warnung, dass das Design selbst versagte. Ausserdem gab es etwas, das bei Organisationen nach schweren Unfällen immer wieder als Problem identifiziert wurde: structural secrecy. In solchen Fällen ist der Informationsfluss so organisiert, dass Informationen nur in Fragmenten vorhanden sind und das Gesamtbild verloren geht. Bei Chernov und Sornette findest du weitere Beispiele dafür. Structural secrecy kann unbeabsichtigt und strukturell entstehen, wie im Fall der NASA, oder absichtlich als aktive Verschleierungsstrategie eingesetzt werden.

    Für Vaughan waren die Ursachen des Challenger-Unglücks organisatorischer und kultureller Natur. Und das verbindet den Fall mit internal goods und external goods. Wenn der Start zum Standardergebnis von Safety-Prozessen und Dokumentationen wird, ist das internal good vergessen worden. Die moralische Absicht des Systems ist verloren gegangen.

    Ich muss hier zwei Punkte ergänzen, weil sie meiner Ansicht nach wichtige Lehren für alltägliche Unternehmenspraktiken enthalten. Der erste betrifft Audits. Als Auditor halte ich es für entscheidend, die Fehlerfälle einer Organisation zu finden und zu analysieren. Was tut eine Organisation, wenn ein Safety-System versagt? Was tut sie, wenn sie schlechte Qualität produziert? Nur wenn eine Organisation auf den negativen Fall reagieren und sich anpassen kann, besitzt sie das System und die Kultur, die sie benötigt. Perfektion gibt es nicht. Entscheidend ist, ob du Fehler eingestehen und darauf reagieren kannst. Der zweite Punkt, der an diesem Beispiel deutlich wird, führt zurück zur Ethik. Er betrifft Risk Management und insbesondere die Skalen, die zur Risikobewertung verwendet werden, sowie den Risk Appetite einer Organisation. Ich habe häufig für eine intensivere und kontinuierliche Überprüfung dieser Parameter in Unternehmen plädiert. Denn dabei handelt es sich nicht bloss um ein Zahlenspiel, sondern um eine praktische Anwendung ethischer Diskussionen innerhalb von Unternehmen. Akzeptieren wir Verletzungen als Folge unserer Tätigkeiten? Akzeptieren wir Emissionen? Wenn ja, in welchem Ausmass und warum?

    Da wir mit Standards und Zertifizierungen begonnen haben, werden wir auch damit enden – mit Lawrence Buschs Analyse in »Standards: Recipes for Reality«. Bereits im Titel bringt er es auf den Punkt: Standards beschreiben die Realität nicht nur. Sie helfen dabei, sie zu formen. Sie sind eine Anleitung. Und noch wichtiger für unsere Diskussion: Sie mögen neutral und faktenbasiert erscheinen, tragen in Wirklichkeit jedoch gesellschaftliche Werte in sich. Sie sind eine Verschmelzung des Technischen mit dem Ethischen. Kapitel 5.1 ist dafür das perfekte Beispiel. »Die oberste Leitung übernimmt die Rechenschaftspflicht für die Wirksamkeit des Managementsystems« klingt technisch. Tatsächlich lautet die Frage jedoch: Glaubst du an dieses Zeug, und handelst du danach? Es ist eine Frage der Verpflichtung im moralischen Sinn.

    Warum verstecken Standards diese Dimension? Ein Teil der Antwort liegt in ihrer Geschichte. Standards stammen aus einem weitgehend technischen Hintergrund. Kurz gesagt: Zahlreiche handwerkliche Regeln fanden ihren Weg in moderne Standards. Deshalb gibt es noch immer Standards für Schweissnähte und ähnliche Dinge. Darin steckt keine moralische Argumentation. Der andere Grund besteht darin, dass Standards den Anschein überprüfbarer Kategorien erwecken wollen und alles zu verbergen versuchen, was sich nicht leicht nachweisen lässt. Busch beschreibt dieses Phänomen als commensurability. Damit ein Standard praktikabel ist, braucht er Standardisierung – ja, ich weiss, ziemlich offensichtlich –, damit Dinge miteinander verglichen werden können. Denn um Dinge vergleichen zu können, müssen sie zunächst vergleichbar gemacht und gewissermassen in dieselbe Kategorie eingeordnet werden. Genau das tut ein Standard. Vergleichbarkeit ist wiederum notwendig, damit eine Rangordnung, ein Urteil und schliesslich eine Zertifizierung möglich werden. Denn das ist ein weiteres zentrales Merkmal von Standards: Verifizierung, Überprüfung und Zertifizierung. Wir haben bereits gesehen, dass Zertifizierungen external goods sind. Auch das ist nicht grundsätzlich schlecht, aber es lenkt vom internal good ab. Nach einem Umweltmanagementstandard zertifiziert zu sein, ist nicht dasselbe, wie grün zu sein. Noch problematischer wird es, wenn das external good – die Zertifizierung – das internal good überlagert. Wenn Unternehmen beginnen, Zertifikaten nachzujagen und nicht dem eigentlichen Ziel des Standards. Aus »Machen wir es gut?« wird »Bestehen wir das Audit?« Und jeder Praktiker in diesem Bereich würde zustimmen, dass dies viel zu oft geschieht.

    Ich möchte Buschs Analyse um einige Punkte ergänzen. Die Gefahr einer solchen Korruption von Standards ist bei methodischen Standards – beispielsweise einem Qualitätsmanagementstandard – grösser als bei rein technischen Standards. Kapitel 5.1 kann beispielsweise korrumpiert werden, ohne eine einzige Zahl zu verändern oder ein Dokument zurückzudatieren. So, wie es heute in den meisten Fällen auditiert wird, muss der CEO lediglich eine gute schauspielerische Leistung erbringen. Das muss sich ändern. Sachliche Belege für Verpflichtung können die Zuweisung von Ressourcen oder das Nachverfolgen von Massnahmen aus einem Management Review sein. Nicht perfekt, aber besser.

    Zweitens betrachtet Busch widersprüchliche Standards als Problem. Verschiedene Standards berücksichtigen unterschiedliche Stakeholder, weshalb gegensätzliche Interessen entstehen können – Health & Safety versus Quality versus Environment. Nehmen wir Klimaanlagen in Europa. Schlecht, weil sie den Energieverbrauch erhöhen. Gut, weil sie die Temperaturen in Gebäuden auf ein für Mitarbeitende erträgliches Niveau senken. Ich halte solche Konflikte für etwas Gutes und Erwartbares. Sie zwingen uns zu einer Diskussion über Werte. Wenn diese Diskussion richtig geführt wird, ermöglicht sie uns nicht nur, neue Lösungen für Probleme zu finden, sondern verbessert auch die Anwendung der Standards.

    Damit hängt mein dritter Punkt zusammen: Standards benötigen nicht einfach einen festen Revisionsmechanismus – wie ISO-Standards ihn beispielsweise bereits haben. Sie müssen auch mehr und vielfältigere Stakeholder-Gruppen einbeziehen, damit die zugrunde liegenden moralischen und politischen Annahmen eines Standards erneut zur Diskussion gestellt werden können. Dadurch könnten sich Standards besser weiterentwickeln und an Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft anpassen.

    Mein letzter Punkt ist die Erinnerung daran, dass Standards und Organisationsstrukturen – ähnlich wie Gesetze – individuelle Urteilsbildung niemals ersetzen. Standards können vieles sein: eine Anweisung, ein Leitfaden, eine Grenze für unsere Tätigkeiten. Letztlich werden Entscheidungen jedoch innerhalb dieser Grenzen und von einzelnen Menschen getroffen. Moral reasoning muss deshalb in jedem einzelnen Fall von einer Person oder einer Gruppe geleistet werden – und zwar auf allen Ebenen.

    In Organisationen geschieht häufig Folgendes: Auf den unteren Ebenen wird nur über die sachliche Möglichkeit gesprochen. Das nennt man functional rationality: »Wie kann ein Ziel erreicht werden?« Substantive rationality – »Ist dies das richtige, vernünftige, erstrebenswerte und ethisch vertretbare Ziel?« – wird nur auf der obersten Ebene diskutiert. Doch selbst dort bleibt die Diskussion meist dünn. Der Hauptgrund dafür ist vermutlich, dass der obersten Ebene die detaillierten Informationen fehlen, über die nur die unteren Ebenen verfügen. Diese Ebenen sind jedoch nicht befugt, solche Diskussionen zu führen. Das System ist damit eine strukturelle Falle.

    Doch das ist lediglich ein funktionales Problem der Ethik im Business. Das umfassendere Problem wird von den meisten Autoren nicht einmal erkannt. Es besteht darin, dass moral reasoning im Business und in unserer modernen Gesellschaft weitgehend durch Überlegungen zu Wünschen und Bedürfnissen ersetzt wurde. »Was bringt mir etwas?« – »Was ist sicher?« Und zwar sowohl auf individueller als auch auf organisatorischer Ebene. »Was ist gut für das Unternehmen?« Das bedeutet, dass Ethik ausgehöhlt und durch etwas ersetzt wurde, das nur noch Psychologie und Soziologie benennen können. MacIntyre erkennt dies, kommt meiner Meinung nach jedoch zum falschen Schluss. Für ihn begann das Problem bereits damit, dass die Aufklärung die früheren moralischen Bezugsrahmen entfernte und nur die Vernunft übrigliess. Ich stimme ihm nicht zu. Kant hat gezeigt, dass allein mit Vernunft eine sehr fruchtbare ethische Diskussion möglich ist. Aber das können wir bei einem Lager und einem Guinness diskutieren.

    Ich weiss, dass dieser Text nicht einfach zu verfolgen war. Ethik war nie ein leichtes Thema, und sie sollte es auch nicht sein. Letztlich ist sie jedoch das, was unseren Handlungen einen Grund und einen Zweck gibt. Ohne sie bleiben uns nur Mittel und Werkzeuge – und am Ende werden wir selbst genau dazu: zu einem Werkzeug. Und so kompliziert ist sie eigentlich auch nicht. Ethik ist im Grunde einfach Reflexion – eigentlich Auseinandersetzung – mit Wissen. Einfach, oder?

    Nun, ich denke, es gibt mehr zu entdecken.

    Bist du ein Mittel oder ein Zweck? LinkedIn

    Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

    Jackall, Robert. Moral Mazes: The World of Corporate Managers. Oxford University Press, 1988 (20th-anniversary edition with new closing essay, 2010).

    MacIntyre, Alasdair. After Virtue: A Study in Moral Theory. University of Notre Dame Press, 1981.

    Vaughan, Diane. The Challenger Launch Decision: Risky Technology, Culture, and Deviance at NASA. University of Chicago Press, 1996 (enlarged edition).

    Busch, Lawrence. Standards: Recipes for Reality. MIT Press, 2011.

    Porter, Theodore. Trust in Numbers: The Pursuit of Objectivity in Science and Public Life. Princeton University Press, 1995. One-sentence citation only.

    Robison, Peter. Flying Blind: The 737 MAX Tragedy and the Fall of Boeing. Doubleday, 2021.

    Chernov, Dmitry, and Didier Sornette. Man-Made Catastrophes and Risk Information Concealment: Case Studies of Major Disasters and Human Fallibility. Springer, 2016.

    Farber, Henry S., Daniel Herbst, Ilyana Kuziemko, and Suresh Naidu. «Unions and Inequality over the Twentieth Century.» Quarterly Journal of Economics, 2021 (NBER Working Paper 24587).

    OECD. OECD Principles of Corporate Governance. OECD Publishing, Paris, 1999.

  • It’s not about hugging trees, baby

    It’s not about hugging trees, baby

    Er packte seine Sachen zusammen und räumte die Hütte. Die Säcke mit dem Mais standen noch immer auf dem Tisch, zusammen mit dem Staub vom Boden draussen. Zumindest war es einmal Boden gewesen, bevor der ausbleibende Regen ihn in Beton verwandelt hatte. Der letzte Tropfen Wasser, den er berührt hatte, waren die Tränen seiner Kinder gewesen. Sie wollten nicht weg, aber sie mussten. In der Stadt würde es wenigstens Arbeit geben, hier gab es ganz sicher keine mehr. Darum machte er die Hütte zu. Auch er würde gehen, um Arbeit zu finden. Aber die Maissäcke standen noch immer auf dem Tisch. Alles andere war verstaut. Diese brauchten einen besonderen Platz, ganz hinten, sicher und geschützt. Bei all dem Hunger durften sie nicht angerührt werden. Alle Besitztümer waren für Essen verkauft worden, das Vieh war weg. Aber die Säcke mit dem Saatgut, die waren heilig. Ohne sie gäbe es kein nächstes Jahr, keine Zukunft.

    Es klingt vielleicht so, aber das hier soll keine rührselige Geschichte sein. Es zeigt, worum es bei Sustainability wirklich geht. Ich mache zweimal im Jahr Seminare zu ihrem aktuellen Business-Akronym ESG. Während der Vorstellungsrunde frage ich die Teilnehmenden, was Sustainability für sie persönlich bedeutet. Meistens bekomme ich eine von zwei Reaktionen. Die eine Hälfte des Raums ist laserfokussiert auf ESG-Reporting-Standards und Regulierungen. Die andere Hälfte zuckt beim Wort «Sustainability» zusammen — zu Greenpeacey, zu politisch, zu weich, kein echtes Business-Thema. Beide verfehlen den Punkt. Den Punkt, den der Bauer bereits verstanden hatte.

    Die vorstandstaugliche Version: Sustainability ist keine ethische Diskussion. Sie ist ein Prinzip des Ressourcenmanagements. Der Unterschied ist wichtig, weil das eine Wertübereinstimmung verlangt, das andere nur Rechnen. Jede Ressource, die dein Unternehmen braucht, hat eine Regenerationsrate: Mitarbeitende, Kunden, Lieferanten, natürliche Inputs. Dein Management-Zeithorizont ist wahrscheinlich kürzer als die meisten dieser Regenerationszyklen. Die historische Antwort auf Ressourcenverknappung war fast immer Displacement — eine andere Quelle finden — statt Management. Eine Displacement Strategy funktioniert, wenn die neue Ressource eine höhere oder vergleichbare Regenerationsrate hat. Wenn nicht, wird aus Displacement die Liquidation von Bestand. 79% der Manager, die McKinsey und CPPIB befragt haben, sagten, sie fühlten sich unter Druck, innerhalb von zwei Jahren oder weniger starke finanzielle Performance zu zeigen. Der Regenerationszyklus fast jeder wichtigen Ressource ist länger als das. Carlowitz prägte den Begriff 1713 und entwarf das Drei-Schritte-Programm. Er war ein deutscher Bergbauadministrator, der Holzknappheit lösen musste. Sein Programm gilt bis heute: Nutze das, was du hast, effizienter, finde Alternativen dort, wo die Ressource erschöpft wird, investiere in die Regeneration des Nachschubs, bevor du ihn brauchst. Dein Job als Manager ist nicht, den Planeten zu retten. Dein Job ist, die Rechnung für die Ressourcen zu machen, welche du brauchst. Sustainability ist nicht Bäume umarmen, sondern gute Business Practice.

    Ein früher Strang dieser Idee taucht bei Quesnay und den Physiokraten auf — nein, das ist keine Punk Band. Es war eine Bewegung, die ungefähr ab den 1750s in Frankreich aktiv war. François Quesnay, ein königlicher Arzt, veröffentlichte das «Tableau Économique», in dem er ein frühes Modell der Wirtschaft als Kreislauf beschrieb. Darin ist die Quelle des Reichtums die Natur — Land, Boden, Ernte und so weiter. Wirtschaft wird damit als eine Tätigkeit verstanden, die nicht einfach nur Dinge aus der Natur produziert, sondern so zirkulieren muss, dass sie Jahr für Jahr weitergehen kann. Jeder Überschuss — vor allem der finanzielle — in der Wirtschaft kommt aus dem Land selbst. Damit Wachstum weitergehen kann, muss die Natur also erhalten bleiben. Das war eine extreme Sicht, weil sie allen Wert aus Produktion ablehnte. Aber es war der erste Versuch, ein ökonomisches Modell zu schaffen, das nicht über der Natur steht, sondern sie als Grundlage verstand.

    Etwa zur gleichen Zeit hatte die Forstwirtschaft sowohl in England als auch in Deutschland ein praktischeres Problem. Holz war seit Jahrhunderten das wichtigste Baumaterial gewesen — und dazu Brennstoff fürs Heizen und Kochen. Ende der 1600s zeigten der grosse Schiffsbau in England und der Bergbau in Deutschland erste Anzeichen dafür, dass die natürlichen Holzbestände knapp wurden — sprich: Sie gingen voll Saruman auf die Wälder los. Beide Länder mussten das Problem unabhängig voneinander lösen. Zwei Personen und zwei Bücher sind hier wichtig. In England war es John Evelyn mit «Sylva; or, A Discourse of Forest-Trees and the Propagation of Timber in His Majesty’s Dominions» von 1664, und in Deutschland war es Hans Carl von Carlowitz mit der «Sylvicultura oeconomica» von 1713. Beide lösten das Problem intellektuell, aber wir konzentrieren uns auf Carlowitz, weil seine Ideen viel mehr Auswirkungen hatten — eigentlich bis heute.

    Während Evelyn ein Wissenschaftler war, der für die Royal Society arbeitete, war Carlowitz Bergbauadministrator in Sachsen. Er hatte eine gute Ausbildung, studierte Recht und öffentliche Verwaltung und machte — für einen jungen Adeligen ziemlich üblich — eine Grand Tour, also eine Art Studienreise, die ihn nach London, Paris, Rom und an viele andere Orte führte. Er war nicht als Förster ausgebildet, kam aber aus einer Familie von Förstern. 1708 erhielt er ein Krisenmandat: Der sächsische Bergbau hatte nicht mehr genug lokales Holz, und die Preise stiegen. Er sollte eine Lösung finden. Also schrieb er ein Buch. Und das ist die Geburt des Begriffs Nachhaltigkeit — «sustainable», wie wir ihn heute auf Englisch kennen: «… daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weil es eine unentbehrliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.» Gemeint ist: eine dauerhafte, verlässliche Nutzung, ohne die das Land in seiner Existenz nicht bestehen kann.

    Carlowitz gestaltete ein praktisches Drei-Schritte-Programm, das dem, was wir bis heute verwenden, nicht unähnlich ist. Erstens Effizienz — die Ressource besser nutzen, also weniger einsetzen, um denselben Effekt zu erreichen. Zweitens Substitution — wenn möglich Alternativen zur Ressource finden. Und drittens Regeneration — in die Zukunft der Ressource investieren. Im Fall von Holz war das Aufforstung, und davon gibt es im Buch eine Menge. Aber allgemeiner hatte er nicht nur die Kernidee von Sustainability gefunden, sondern das ganze Programm. Er erkannte, dass Sustainability mit drei Themen zu tun hatte: Ressourcenmanagement, soziale Gerechtigkeit — er nannte Nahrung und Unterhalt für alle, und dass das Gemeinwohl wichtiger sei als der Schatzkammer des Fürsten — und auch Verantwortung für zukünftige Generationen. Er kritisierte im Buch sogar kurzfristiges Denken. Das Buch ist als historische Quelle ziemlich erstaunlich — versuch aber nicht, es zu lesen, das Deutsch mit viel zu starkem Lateineinfluss ist wirklich mühsam. Such dir lieber einen Sekundärtext — zum Beispiel Grobers «Die Entdeckung der Nachhaltigkeit».

    Was daran so erstaunlich ist: Carlowitz hat die vollständige Sustainability-Definition in seinem Buch über Forstwirtschaft 250 Jahre vor dem Brundtland Report von 1987, der heute als die massgebliche Definition gilt: «Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.» Aber die Idee stammt aus dem Jahr 1713.

    Seitdem hat sich die Idee erweitert, meistens ohne dass die Denker überhaupt von Carlowitz wussten. Adam Smith verwendete 1776 nachhaltiges Denken, als er über Wirtschaft im Allgemeinen schrieb. Produktive Arbeit muss das Kapital reproduzieren, das sie verbraucht hat, plus einen Überschuss, sonst schrumpft der Output im nächsten Jahr. Der Output dieses Jahres muss die Aktivität des nächsten Jahres auf gleichem oder höherem Niveau finanzieren, sonst ist das System nicht nachhaltig.

    Marx wandte das Prinzip 1867 auf Arbeit an. Arbeitskraft — du weisst schon, arbeitende Menschen — muss reproduziert werden. Die Arbeiterschaft hat eine Regenerationsrate wie jede natürliche Ressource auch. Das bedeutet: Es müssen neue Menschen geboren werden und aufwachsen, damit sie irgendwann zu Arbeitern werden. Er kritisierte das Fabriksystem, weil es diese Ressource erschöpfte, indem es Frauen und Kinder in die Produktion zog und damit die Haushaltsfunktion kannibalisierte, die die nächste Generation von Arbeitern hervorbrachte. Das klingt sehr antifeministisch — und das ist es auch, aber das war die Zeit — und es ist eine sehr kalte Betrachtungsweise — und das ist es ebenfalls. Schau, was immer du von Marxs Politik hältst: Diese ganze Passage im «Kapital» enthält kein politisches oder ethisches Argument. Sie ist reine Ressourcenlogik, gestützt auf Daten von Fabrikinspektoren.

    Hicks schrieb 1939 in seiner berühmten formalen Definition von Einkommen, dass Einkommen der maximale Konsum während einer Periode ist, bei dem man am Ende genauso gut dasteht wie am Anfang. Das bedeutet: Du kannst deine Kapitalbasis nicht konsumieren und es Einkommen nennen. Das ist kein Einkommen. Das ist Liquidation. Genau das passierte in der grossen Shareholder-Maximization-Bewegung von den 1970s bis heute. Und es war Hicks, der das Prinzip von Sustainability auf Kapital und Einkommen anwandte.

    Hobfoll verwendete es 1989 in der Psychologie in seiner «Conservation of Resources Theory», auf Deutsch etwas schwerfällig Ressourcenerhaltungstheorie. Menschen versuchen, die Ressourcen zu gewinnen, zu schützen und wiederaufzubauen, die sie brauchen, um funktionieren zu können. Stress entsteht, wenn diese Ressourcen bedroht, verloren oder ohne Rückfluss investiert werden — du weisst schon, zum Beispiel in einer Firmenkultur, die konsequent mehr verlangt, als sie zurückgibt. Diese Ressourcen haben einen Erneuerungszyklus — Atmen, Meditation, arbeitsfreie Zeit. Aber zu viel oder zu intensive Arbeit kann diesen Zyklus überfordern. Ein Unternehmen, das Aufmerksamkeit, Vertrauen, Kompetenz und Customer Goodwill verbraucht, ist nicht nachhaltig. Es liquidiert seine eigene Zukunft. Das ist Hobfolls individueller Rahmen — die organisatorische Anwendung ist von mir, aber die Logik hält.

    Dieselbe Logik gilt für Kundenbeziehungen. Drèze und Bonfrer zeigten 2009, dass die Maximierung des Werts aus einzelnen Kunden — im Moment so viel wie möglich herausholen — zu einer kleineren und weniger profitablen Kundenbasis führt, als wenn man den Kundenpool als erneuerbare Ressource behandelt, die gepflegt werden muss.

    Die Grundidee findet man überall. Aber warum ist es dann heute so ein Problem, sie anzuwenden? Einer der Gründe ist, dass es in den 1870s etwas gab, das Marginal Revolution genannt wird. Sie griff Sustainability nicht direkt an, sondern das, was Wert in der Ökonomie bedeutet. Unabhängig voneinander kamen einige Autoren auf die brillante Idee, dass der objektive Wert eines Produkts — auf Basis von Ressourcen und Arbeit — ökonomisch nicht wirklich wichtig sei. Wichtig sei nur der Preis, den jemand bereit ist, dafür zu bezahlen. Wenn aber Ressource oder Arbeit nicht mehr wichtig sind, wurde auch die Frage «Ist die Ressource nächstes Jahr überhaupt noch da?» unwichtig. Preis, abgetrennt von der Quelle des Produkts, wurde zum einzigen Massstab. Das ist ein Grund, warum das Prinzip Sustainability unter die Oberfläche verschwand: Sobald Preis das einzige sichtbare Signal wird, kann die Ressourcenbasis aus dem Blick verschwinden.

    Bis Politik und Ökologen — und sogar Unternehmen — es in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wiederentdeckten. Seit den 1960s wurde der schlechter werdende Zustand der Umwelt immer offensichtlicher. Der Club of Rome, die UN im Brundtland Report, die Umweltkonferenzen und später die Sustainable Development Goals reagierten auf einen klaren Bedarf. Sustainability wurde zu einer Umweltidee. Eine Vielzahl von NGOs wurde gegründet und leistet in diesem Bereich grossartige und wichtige Arbeit. Irgendwann tauchte das Wort auch in anderen Bereichen auf. Wir sahen es im Marketing als etwas, das langlebig oder von guter Qualität bedeutet — eine nachhaltige Jacke — oder bei Produkten, die irgendeine Verbindung zu Recycling oder zum Offsetting von Umweltauswirkungen haben. Der Missbrauch von Begriffen ist natürlich nicht neu. Humpty Dumpty bei Lewis Carroll sagte schon: «When I use a word it means just what I choose it to mean.» Alice antwortet: «The question is whether you can make words mean so many different things.» Worauf Humpty Dumpty kontert: «The question is which is to be master — that’s all.» Wer ein Wort kontrolliert, kontrolliert seine Bedeutung. Das Problem ist nur, dass fast alles, was dieser Typ sagt, komplett bescheuert ist.

    Wörter haben Bedeutung, und sie sind wichtig. Sustainability kommt vom lateinischen sustinere — von unten her stützen — strukturelle Tragfähigkeit, wenn du so willst. Das deutsche «Nachhalt» bedeutet das, woran man sich hält, wenn alles andere nachgibt. Und das stammt aus einem der ersten Wörterbücher — «Campes Wörterbuch der deutschen Sprache», veröffentlicht zwischen 1807 und 1811. Zwei Sprachen, unterschiedliche Bilder, dasselbe Konzept: Tragfähigkeit unter Druck. Und wir entdecken etwas, das eigentlich auch aus der Entwicklung des Begriffs klar sein sollte. Die Kernlogik von Sustainability ist nicht zuerst politisch, ökologisch oder ethisch. Diese Schichten können dazukommen, und oft sollten sie das auch. Aber das Grundprinzip braucht sie nicht. Es braucht nur Arithmetik: Verbrauche eine Ressource nicht schneller, als sie sich regenerieren kann. Sustainability war immer in Business und Ressourcenmanagement verwurzelt. Carlowitz war Bergbauadministrator. Evelyn reagierte auf eine Versorgungskrise der Marine. Die Physiokraten analysierten landwirtschaftliche Produktivität. Smith und Marx schrieben über industrielle Produktionssysteme. Hicks definierte Kapitalrechnung. Hobfoll schrieb über Arbeitspsychologie. Und es gibt viele mehr — etwa Drèze & Bonfrer, die über Customer Relationship Management schrieben. Jede ernsthafte Formulierung des Konzepts stammt von jemandem, der ein Ressourcenproblem in einem Produktionssystem lösen wollte. Die ethischen und politischen Versionen kamen später — oft aus guten Gründen. Aber sie liessen Manager auch vergessen, dass die Grundversion viel einfacher war. Dir wurde also eine Version des Konzepts verkauft, die seine ursprüngliche Bedeutung verdeckt und, noch wichtiger, seine Anwendung und Nutzung verkompliziert. Brundtland verlangt ein ethisches Commitment gegenüber zukünftigen Generationen. Das Sustainability Triangle verlangt eine politische Balance zwischen drei Bereichen. Religiöse Stewardship verlangt eine theologische Prämisse. Nur die Forstdefinition — schlag nicht mehr Holz, als nachwächst — verlangt keine ethische Prämisse. Nur Arithmetik und einen Zeithorizont, der länger ist als die Ernte dieses Jahres.

    Es ging immer darum, die Zahlen zusammenzurechnen. Wie bei einem der wichtigsten Sustainability-Werkzeuge, der Displacement Strategy. Die historische Antwort auf Ressourcenverknappung war fast immer Verdrängung — der Austausch einer Ressource durch eine andere — statt Management des Verbrauchs. Als Venedig seine Wälder erschöpfte und ungarisches Holz importierte, verdrängte es lokales Holz durch ausländisches Holz. England ersetzte Holz als Heizquelle durch Kohle. Das Problem der Displacement Strategy ist, dass sie von der Regenerationszeit des Ersatzes abhängt. Holz zu Kohle: negativer Tausch — du ersetzt eine Ressource mit einem jahrzehntelangen Regenerationszyklus, Holz, durch eine, die Millionen Jahre braucht, Kohle. Kohle zu Solar: positiver Tausch — du ersetzt einen so gut wie nicht erneuerbaren Bestand durch eine Ressource, deren Regenerationsrate jede denkbare Konsumrate übersteigt. Displacement funktioniert, bis die Regenerationszeit des Ersatzes den menschlichen Planungshorizont übersteigt — wie bei Kohle oder Öl. Ab diesem Punkt managst du keine Ressource mehr, sondern liquidierst einen Bestand.

    Das lässt sich auch auf andere Business-Bereiche anwenden: qualifizierte Workforce durch billige ausgelagerte Arbeit ersetzen, Lieferanten über ihre Resilienzgrenze hinaus auspressen, kurzfristige Customer Extraction maximieren — das sind alles Displacement Strategies. Sie funktionieren, bis der Bestand aufgebraucht ist, weil du die Regenerationsrate nicht berücksichtigt hast. Und wenn sie nicht mehr funktionieren, ist die Infrastruktur, es anders zu machen, meistens bereits abgebaut. Die Zahlen gehen nicht auf. Es ist nicht nur nicht nachhaltig, es ist nicht logisch.

    Der Grund, warum das so wichtig ist, ist der Anwendungsteil, auf den ich vorhin hingewiesen habe. Indem Sustainability auf eine globale Ebene gehoben wurde — mit dem Club of Rome, Brundtland und den Klimakonferenzen — wurde die Anwendung von Sustainability als Business Practice in den Köpfen von Managern schwieriger. Versteh mich nicht falsch: Die globale Diskussion über sustainable oder umweltfreundliche Entwicklung ist real und notwendig. Manche Themen müssen — auch, und sehr wichtig: auch, aber nicht ausschliesslich — auf internationaler oder nationaler Ebene angegangen werden. Aber der Scope Shift vom einzelnen Wald zum planetaren System hat die Verbindung zwischen Sustainability und der Entscheidung auf Unternehmensebene gebrochen. Unternehmen schauen auf globale Ziele und Grenzen und denken: hat nichts mit meinen Quartalszahlen zu tun. Und das ist nicht wahr, und es ist auch nicht kompliziert. Die Verbindung ist einfacher, als das globale Framing vermuten lässt.

    Dein Job als Manager ist nicht, den Planeten zu retten. Dein Job ist, die Rechnung für deine eigenen Ressourcen zum Funktionieren zu bringen. Jede Ressource, von der dein Business abhängt, hat eine Regenerationsrate. Deine Workforce: Wie lange dauert es, echte Kompetenz aufzubauen? Deine Kundenbasis: Wie hoch ist die natürliche Erneuerungsrate, wenn du aufhörst, Loyalität aktiv zu erschöpfen? Deine Lieferantenbeziehungen: Wie lange dauert der Wiederaufbau, nachdem du sie über ihr Limit hinaus ausgepresst hast? Deine natürlichen Ressourceninputs: Was passiert, wenn die Supply Chain bei den aktuellen Extraktionsraten nicht mehr liefern kann? Der Management-Zeithorizont der meisten Organisationen — zwei Jahre, gemäss 79% der Manager bei Barton & Wiseman 2014 — ist kürzer als der Regenerationszyklus fast jeder Ressource, die zählt.

    Carlowitz‘ Drei-Schritte-Programm muss auf jede Ressource angewendet werden: Erstens nutze das, was du hast, effizienter. Dann finde Alternativen dort, wo die ursprüngliche Ressource erschöpft wird. Dann investiere in die Regeneration des Nachschubs, bevor du ihn brauchst. Das ist keine Umweltstrategie. Das ist Ressourcenmanagement. Ohne das bist du langfristig nicht mehr im Geschäft. Und obwohl Carlowitz über Forstwirtschaft schrieb, geht es bei Sustainability nicht darum, Bäume zu umarmen. Es ist einfach gute Business Practice, baby.

    Es ist wirklich nicht so kompliziert oder schwierig. Die Arbeit muss einfach gemacht werden. Am besten, ohne dass dich jemand dazu zwingt. Denn das ist es, was verantwortungsvolle Menschen tun. Wir denken über die Konsequenzen unseres Handelns nach. Sustainability ist also im Grunde das, was Business ist, wenn es endlich erwachsen wird.

    Bei diesem Thema gibt es nichts mehr zu entdecken, nur noch Handeln.

    Bist du Teil des Problems oder Teil der Lösung? — LinkedIn

    Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

    Grober, Ulrich. «Die Entdeckung der Nachhaltigkeit». Kunstmann Verlag, 2010.

    King, Andrew A., und Michael J. Lenox. «Does It Really Pay to Be Green? An Empirical Study of Firm Environmental and Financial Performance.» Journal of Industrial Ecology 5, Nr. 1 (2001): 105–116.

    Porter, Michael E., und Claas van der Linde. «Toward a New Conception of the Environment-Competitiveness Relationship.» Journal of Economic Perspectives 9, Nr. 4 (1995): 97–118.

    Mazzucato, Mariana. «The Value of Everything: Making and Taking in the Global Economy». PublicAffairs, 2018.

    Power, Michael. «The Audit Society: Rituals of Verification». Oxford University Press, 1997.

    Drèze, Xavier, und André Bonfrer. «Moving from Customer Lifetime Value to Customer Equity.» Quantitative Marketing and Economics 7, Nr. 3 (2009): 289–320. https://escholarship.org/uc/item/70t6b7r8

    Barton, Dominic, und Mark Wiseman. «Focusing Capital on the Long Term.» Harvard Business Review, Januar–Februar 2014.

    Hobfoll, Stevan E. «Conservation of Resources: A New Attempt at Conceptualizing Stress.» American Psychologist 44, Nr. 3 (1989): 513–524.

    Carroll, Lewis. «Alice’s Adventures in Wonderland». 1865.

  • Der Ökonom des Teufels

    Der Ökonom des Teufels

    Wenn ich in den ernsthaften Denkermodus wechsle, fahre ich mir durch die Haare, kratze mich am Bart und rücke meine Brille zurecht, weil ich hoffe, dadurch besser fokussieren zu können. Das stimmt übrigens tatsächlich — mein Augenarzt hat es mir erklärt. Ist Physik, schlag es nach. Dann drehe ich mich zu meiner Tafel um und beginne wie ein verrückter Wissenschaftler darauf herumzukritzeln. Elf Posts sind geschrieben, und die Liste wird immer länger: institutionelle Entscheidungsrahmen schaffen, systemische und strukturelle Probleme in Organisationen lösen, kulturellen Wandel durch organisationales Lernen ermöglichen, an Idealen arbeiten statt an hübschen Bildern, Arbeitsplätze gestalten, die Identität stiften und nicht bloss Beschäftigung bieten, experimentieren und Arbeitsweisen finden, die Menschen ermöglichen zu wachsen statt billige Gefängnisse zu bauen, für gesunde und sichere Arbeitsplätze sorgen, verstehen dass Motivation aus sinnvoller Arbeit entsteht und nicht aus Geld, in den Managementberuf investieren, Prozesse gestalten die Kunden einbeziehen, Unternehmen bauen die ihre wirtschaftliche und ihre gesellschaftliche Rolle gleichzeitig erfüllen.

    Weisse Kreide, hier und da ein wenig verschmiert. Aber es sieht richtig aus, vernünftig, keine Utopie. Das alles stammt aus praktischen Beobachtungen und ein paar klugen Büchern. Ich kann dazu nicken. Ich wette, viele von euch können das auch. Warum geschieht das dann nicht in grossem Massstab? Weil solche Dinge, zumindest meiner Erfahrung nach, im Schneideraum des Konzernfilms häufig auf dem Boden landen. Oder weil du beim Versuch, sie umzusetzen, gegen irgendeine unsichtbare Wand läufst. Der Film und die Wand haben einen Namen. Und ein Datum. Und weil es sich um einen Film handelt, natürlich auch einen Autor.

    Die vorstandstaugliche Version: 1970 schrieb ein Ökonom einen 3’500 Wörter langen Leitartikel. Er besass keine rechtliche Grundlage, keine empirische Unterstützung und scheiterte an seinen eigenen Massstäben. Trotzdem strukturierte er den globalen Kapitalismus neu. Friedman behauptete, die einzige Verantwortung von Managern bestehe darin, die Gewinne für Shareholder zu maximieren. Sechs Jahre später argumentierten Jensen und Meckling, Manager könnten auf Kosten der Investoren ihre eigenen Interessen verfolgen — deshalb müssten ihre Interessen durch Eigentum und Anreize auf jene der Shareholder ausgerichtet werden. 1999 institutionalisierte die OECD das alles und machte es zu einem globalen Prinzip der Corporate Governance. Die gesamte Idee war von Anfang an falsch. Ein Unternehmen lässt sich nicht auf Verträge im Dienst der Shareholder reduzieren. Die Tatsachenbehauptungen waren falsch: Manager zerstörten die Renditen der Shareholder nicht systematisch, und Stock-based compensation verbesserte die langfristige operative Leistung nicht. Rechtlich war es falsch: Shareholder besitzen Aktien, nicht Unternehmen. Und das Ergebnis war falsch: Die Vergütung des Top Managements, Kurzfristdenken und Ungleichheit nahmen enorme Ausmasse an, während die Shareholder kein versprochenes goldenes Zeitalter erlebten. Zwischen 1933 und 1976 erzielte der S&P 500 jährlich 7,5 Prozent Rendite. Nachdem Shareholder Primacy zur Doktrin geworden war, waren es 6,5 Prozent.Die Alternative war immer vorhanden: Stakeholder Hierarchy mit Entscheidungsregel. In einem guten Unternehmen ist Shareholder Value eine Folge, kein Ziel. Die Doktrin, die angeblich die Frage nach dem Zweck des Unternehmens beantwortete, war rechtlich nie vorgeschrieben und führte zu schlechteren Ergebnissen als das System, das sie ersetzte.

    13. September 1970. Milton Friedman. «New York Times Magazine».

    Der Film heisst Shareholder Primacy, falls du dich das gerade gefragt hast. Friedman war nicht der grosse böse Schurke. Er gehörte zur sogenannten Chicago School der Ökonomie. Seine Ideen beeinflussten Staatsoberhäupter wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Und im Kern geht es um die Vorstellung, Shareholder Value sei das Wichtigste im Business. Ah, ich sehe, wie sich im Raum ein paar Schultern senken. Ja, der Grund, warum dein Team letztes Jahr um 10 Prozent verkleinert wurde. Der Grund, warum dein Projekt in sechs statt in den geplanten neun Monaten fertig sein musste.

    1970 schrieb Friedman den Essay «The Social Responsibility of Business Is to Increase Its Profits». Im Wesentlichen sagte er darin, das Top Management sei Agent der Shareholder, gewissermassen deren Angestellte. Klingt richtig? Wir werden sehen. Friedman erklärte, Shareholder-Geld für gesellschaftliche Ziele auszugeben, sei Besteuerung ohne Vertretung. Das Top Management dürfe also nicht einfach Geld des Unternehmens — Entschuldigung, der Shareholder — nach eigenem Gutdünken ausgeben. Die einzige gesellschaftliche Verantwortung eines Unternehmens bestehe darin, seinen Gewinn zu steigern. Es ist ein kurzer Leitartikel, 3’500 Wörter, der sich gegen unnötige Ausgaben des Top Managements richtete. Das Problem war nur: Die Ausschüttungsquote an die Shareholder befand sich damals in einer absolut stabilen Phase — und das schon seit Jahren. Wovon sprach er also? Geduld.

    Sechs Jahre später veröffentlichten die Ökonomen Michael Jensen und William Meckling im «Journal of Financial Economics» den Aufsatz «Theory of the Firm: Managerial Behavior, Agency Costs and Ownership Structure». Er wurde zur Grundlage dessen, was heute Agency Theory heisst. Zunächst einmal bestehen Unternehmen im Grunde aus einem Nexus of Contracts, einem Geflecht von Verträgen. Das sei es, was sie sind. Und am Ende dieses Geflechts stehen die Shareholder. Sie sind die obersten Bosse. Sie engagieren die Mitglieder des Boards als ihre Agenten. Und dann gibt es noch etwas namens Agency Costs. Sie entstehen, wenn Manager nicht den Interessen der Shareholder dienen. Moment, was? Ja, manchmal tut das Top Management andere Dinge, statt für den Gewinn der Shareholder zu arbeiten — es kauft etwa Privatjets oder teure Büros. Oder führt gelegentlich einfach ein Unternehmen. Das kostet Geld, und für den Shareholder ist das ein Problem, weil es seinen Gewinn schmälert. Wie bringt man all diese lästigen Geldausgaben zum Verschwinden? Stock-based compensation lautet die Antwort, denn sie richtet die Interessen des Managements auf jene der Shareholder aus. Der Aufsatz von Jensen und Meckling verlieh Friedmans ursprünglicher Idee mathematische und akademische Legitimität.

    Danach explodierte die Idee förmlich, und das Konfetti des Shareholder Value landete überall — und ich meine wirklich überall: in der Wirtschaft, der Wissenschaft, den Medien und der Politik. Selbst die Stimme der Vernunft im internationalen Business, die OECD, stellte 1999 die Rechte der Shareholder ins Zentrum ihrer globalen Grundsätze zur Corporate Governance, auch wenn sie Mitarbeitende, Gläubiger, Lieferanten und andere Stakeholder weiterhin ausdrücklich anerkannte. Die kleine Idee aus einem kurzen Gastbeitrag in einer Sonntagszeitung war zum globalen Konsens der Corporate Governance geworden. Warum? Es müssten doch Unmengen von Studien dazu existiert haben, mit jeder Menge Belegen für diese Idee. Lustigerweise nicht. Sie wurde einfach zur dominierenden Vorstellung. Die Wissenschaft erklärte sie für schlüssig, und wir wissen ja alle: Wissenschaftler müssen das nur sagen, Belege braucht es keine. Die Medien fanden eine einfache Geschichte, die sie erzählen konnten. Du weisst schon: Der arme Shareholder wird von verschwenderischen CEOs ausgeraubt. Beratungsfirmen konnten die Idee und gleich das passende Produkt dazu verkaufen: Maximierung der Shareholder-Rendite, Kosten senken, Unternehmen hochjubeln. Und die grossen Börsen verfügten über eine Handelsmaschine, die Aktien zum Mittelpunkt der Geschäftswelt machen musste. Es war die perfekte Kombination aus einer einfachen Idee und all den institutionellen Akteuren, die davon profitieren konnten.

    2001 verkündeten zwei führende Gesellschaftsrechtler aus Yale und Harvard in «The End of History for Corporate Law» dieselbe Botschaft. Die Debatte war endgültig entschieden. Für elf Monate. Dann kam Enron.

    Natürlich verursachte Friedman Enron nicht direkt. Er wies das Top Management von Enron nicht an, jenen Betrug zu begehen, der zum Bankrott führte. Friedman lieferte lediglich das moralische Argument: Manager müssen für die Shareholder arbeiten. Jensen und Meckling lieferten die Maschinerie dazu. Manager sind Agenten, deren Interessen mit jenen der Shareholder in Einklang gebracht werden müssen. Also gibt man ihnen Aktien, um sie mit den Shareholdern zu verbinden. Anschliessend werden die Manager den Aktienkurs nach oben treiben.

    Nun, wenigstens ist das gut für die Shareholder — und die Manager. Doch selbst gemessen an ihrem eigenen Versprechen war die Bilanz kaum beeindruckend. Zwischen 1933 und 1976 hatte die jährliche Rendite des S&P 500 bei 7,5 Prozent gelegen. Von 1976 bis 2011 waren es 6,5 Prozent. Die Shareholder erhielten also weniger. Was wir dafür bekamen, waren Enron, WorldCom, Xerox, HealthSouth, Lehman Brothers, Wirecard und Wells Fargo: Fälle von Finanzbetrug, weil die Steuerung des Aktienkurses wichtiger geworden war als die Führung des realen Unternehmens. Aber es ging nicht nur um Buchhaltung. Volkswagen entwickelte Software, mit der Abgastests manipuliert wurden, um die Kosten einer echten Einhaltung der Vorschriften zu vermeiden. Und einer der tragischsten Fälle war Deepwater Horizon. Engineering und Prozesssicherheit wurden vernachlässigt, um Zeit und Kosten zu sparen. Die Katastrophe, die 11 Menschen tötete und 134 Millionen Gallonen Öl im Golf von Mexiko freisetzte — ein Muster, das die National Commission on the BP Deepwater Horizon Oil Spill ausführlich dokumentierte und dabei feststellte, dass das Wissen und die Erfahrung der Industrie im Bereich der Tiefsee-Sicherheit über Jahre hinweg abgenommen hatten. Diese Katastrophen hatten unterschiedliche unmittelbare Ursachen, aber sie teilten dieselbe gefährliche Steuerungslogik: Messbare finanzielle Leistung und Aktienkurs standen wiederholt über der Gesundheit des zugrunde liegenden Systems.

    Am Ende führt alles zu Deming zurück: Wenn du ein numerisches Ziel vorgibst, werden die Menschen versuchen, genau diese Zahl zu verbessern — nicht das System dahinter.

    Und es ist nicht so, als hätte irgendeines dieser Versagen die Doktrin beendet. Die verabschiedeten Gesetze trugen wenig dazu bei, den nächsten Crash zu verhindern. Wenn überhaupt, brachte jeder Crash über mehr als 25 Jahre hinweg noch mehr vom Gleichen hervor. Das ist keine Theorie, die getestet wird, sondern eine Ideologie, die verabreicht wird.

    Wenn die Sache also derart katastrophal ausging, musste wenigstens die ursprüngliche Idee brillant und grossartig gewesen sein. War sie aber nicht. Die Debatte, die Friedman neu eröffnete, war bereits entschieden gewesen. 1954 hatte Adolf Berle, der führende Gesellschaftsrechtler seiner Zeit, seine Niederlage in der Debatte eingestanden — zugunsten der anderen Seite. Es erstaunt mich immer wieder, dass Shareholder Primacy zu jenen Theorien gehört, bei denen man die Risse sofort erkennt.

    Friedman hielt seinen ganzen Vortrag darüber, dass Manager, wenn sie nicht mit Laserfokus auf Shareholder und Gewinn ausgerichtet seien, das Geld des Unternehmens für andere Dinge ausgäben, etwa für Corporate Social Responsibility. Das sei wie eine Steuer, die das Unternehmen und seine Shareholder bezahlen müssten. Und Friedman sagte, das sei Besteuerung ohne Vertretung, ohne Legitimation — wie in irgendeiner kommunistischen Diktatur. Das hat er tatsächlich gesagt, aber nun ja: 1970 und Kalter Krieg. Nur hatten Manager in einem Unternehmen schon immer eine sehr direkte Legitimation. Wenn du Friedmans Metapher vom Unternehmen als politischem System verwenden willst — was merkwürdig ist, weil er der Mann der Deregulierung war — dann ist die tatsächliche Legitimation bereits vorhanden. Die Shareholder wählen das Board, das Board stellt die Manager ein oder entlässt sie. Perfekt. Was Friedman verlangte, gab es bereits.

    Dann fährt er mit all diesen gesellschaftlichen Ausgaben fort und sagt, es handle sich dabei nur um Dinge, die das Gesetz nicht verlange und die für das Unternehmen wirtschaftlich keinen Sinn ergäben. Aber was ist mit all dem, was Unternehmen bereits tun, weil das Gesetz es verlangt — Sozialversicherungsbeiträge, Sicherheitsstandards und Arbeitnehmerschutz? Oder weil es schlicht wirtschaftlich sinnvoll ist, zum Beispiel anständige Löhne zu bezahlen, damit einem die Leute nicht davonlaufen? Irgendwann fällt fast alles, was ein Manager tun könnte, in eine dieser beiden Kategorien. Was bleibt dann noch? Die 100-Franken-Spende an den WWF?

    Wovon sprach Friedman also? Vielleicht lag es an der Zeit — vielleicht ruinierten die Manager damals tatsächlich die Shareholder. Wir haben bereits gesehen, dass sie das nicht taten. Die realen Renditen waren stabil. Die Ausschüttungsquote hatte während der vorangegangenen drei Jahrzehnte konstant bei 40 bis 45 Prozent gelegen. Lazonick und O’Sullivans Aufsatz aus dem Jahr 2000 «Maximizing Shareholder Value: A New Ideology for Corporate Governance» ist die empirische Quelle für die meisten Zahlen in diesem Essay. Friedman beschrieb eine Lösung für ein Problem, das nicht existierte.

    Aber Jensen und Meckling mussten doch etwas erkannt haben. Sie entwickelten die Agency Theory, die bis heute anerkannt ist. Und es stimmt — daran gibt es nichts auszusetzen: Wenn Manager Ressourcen kontrollieren, die ihnen nicht vollständig gehören, entstehen Kosten. Gut gemacht. Eigentlich gingen sie nicht weit genug. Denn es sind nicht nur Kosten, die von den Shareholdern getragen werden müssen. Manager oder Shareholder können auch Kosten für Mitarbeitende verursachen, indem sie Personal abbauen oder Löhne einfrieren; für Kunden, indem sie ihnen zu viel verkaufen; für Lieferanten, indem sie Zahlungsfristen verlängern; für Gemeinden, indem sie Steuervergünstigungen verlangen; für den Staat, indem sie Rettungskosten verursachen; oder für die Umwelt, indem sie sie verschmutzen. Doch ihre Agency Theory benannte den Shareholder als einziges mögliches Opfer — Entschuldigung, als Prinzipal.

    Aber selbst abgesehen von diesem kleinen Versehen fehlt der gesamten Idee ein solides Fundament. Das Prinzipal-Agent-Modell beruht auf drei Tatsachenbehauptungen, die allesamt falsch sind. Erstens behauptet es, Shareholder besässen Unternehmen. Doch Unternehmen sind im rechtlichen Sinn Personen. Niemand besitzt sie wie einen Vermögensgegenstand. Shareholder haben Rechte und Pflichten, aber das ist nicht dasselbe, wie das Unternehmen zu besitzen. Jensen und Meckling beschrieben das Unternehmen als Nexus of Contracts. Das ist, als würde man sagen, ein Mensch sei bloss eine Ansammlung von Organen und Knochen und Muskeln und was auch immer. Das Unternehmen ist nicht das, was seine Verträge aus ihm machen. Es ist das, was das Gesetz aus ihm macht: eine juristische Person mit Rechten und Pflichten, die unabhängig von jeder Vereinbarung zwischen Shareholdern, Management, Mitarbeitenden oder irgendjemand anderem bestehen. Diese Rechte und Pflichten wurden durch das Gesetz geschaffen, nicht ausgehandelt. Sie lassen sich nicht wegverhandeln. Jensen und Meckling blickten durch die juristische Person hindurch und sahen nur die darunterliegenden Verträge. Aus dem Blick verschwand alles, was das Recht geschaffen hatte und durch keinen Vertrag ersetzt werden konnte.

    Nun, das ist alles juristisches Gerede — was ist mit der realen Welt? Gute Frage. Die Antwort lautet: Dort ist es genauso. Auch in der realen Welt ist das Unternehmen eine juristische Person, denn es existiert nur, weil ihm ein Rechtssystem diesen Status verliehen hat. In der realen Welt ist es eine Person. Seltsam? Ja, aber genau das war die ganze Idee des Unternehmens. Was Jensen und Meckling beschreiben, ist kein Unternehmen, sondern ein einfaches Einzelunternehmen oder eine Personengesellschaft. Und sie hätten es besser wissen müssen — sie sind schliesslich die Experten. Im ersten Jahr Privatrecht lernte ich, dass Shareholder nicht die einzige Gruppe sind, die Verpflichtungen gegenüber dem Unternehmen hat. Mitarbeitende haben Ansprüche auf aufgeschobene Vergütung, berufsspezifische Investitionen und Pensionsversprechen. Lieferanten tätigen beziehungsspezifische Investitionen. Gemeinden haben Infrastruktur rund um das Unternehmen aufgebaut. Sie alle haben einen Einsatz im Spiel des Unternehmens. Deshalb nennen wir sie Stakeholder. Die Arbeitnehmenden, die während der Finanzkrise von 2008 ihre Stellen und Pensionen verloren, trugen das Restrisiko. Die Shareholder, die gerettet wurden, trugen es wohl weniger als sie.

    Ausserdem stimmt es nicht wirklich, dass Shareholder das Board engagieren. Ein Board wird in einem gesetzlich festgelegten und abgesicherten Governance-Prozess gewählt. Anschliessend soll es innerhalb seiner Treuepflicht ein unabhängiges Urteil fällen. Es ist die Stimme der Vernunft im Spiel — der Weisse Rat, sozusagen, auch wenn wir wissen, wie das ausgegangen ist. Aber es ist nicht dazu da, einfach die Anweisungen der Shareholder auszuführen.

    Als Nächstes kommt eine ganz praktische Denkfalle: das Vergütungsproblem. Stock options sollten Management und Shareholder aufeinander ausrichten und für gute, altmodische Geschäftsentscheidungen sorgen. Das Problem war, dass der Aktienkurs zur Messgrösse wurde — und der hat nichts mit guter operativer Leistung zu tun. Er zeigt, was Menschen auf einem Markt für eine Aktie zu bezahlen bereit sind. Entscheidend sind also die Erwartungen. Ein Unternehmen für reale Leistung zu führen und es für Erwartungen zu führen sind zwei verschiedene Dinge. Der legendäre Ökonom Keynes bezeichnete das vor fast hundert Jahren als Beauty Contest. Und er erkannte, dass es nicht nur um Erwartungen geht — sondern darum, was du glaubst, dass andere erwarten. Damit hast du dich noch einen weiteren Schritt vom realen Unternehmen entfernt.

    Die Forschung konnte nie belegen, dass die massive Ausweitung von Stock-based compensation die langfristige operative Leistung zuverlässig verbessert. Was sie zweifellos verbesserte, war die Vergütung des Top Managements. Deren Vergütung verdoppelte sich in den 1980er-Jahren und vervierfachte sich in den 1990er-Jahren. 1965 verdiente ein CEO 44-mal so viel wie ein durchschnittlicher Fabrikarbeiter. 1998 war es das 419-Fache. Moment — aber das bedeutet doch, dass diese Agency Costs stiegen. Ja, genau das taten sie. Das Agency-Problem war real. Die umgesetzte Lösung machte es schlimmer.

    Aber das Beste kommt noch: die Menschen, für die das ganze System entworfen worden war — die Shareholder. Es gab sie gar nicht. Friedman, Jensen und Meckling gingen alle von einem Shareholder aus, der opportunistisch und egoistisch handelt und dem das Wohlergehen anderer gleichgültig ist — gewissermassen der kleinste menschliche gemeinsame Nenner, erhoben zum Führungsgremium der Wirtschaft. Gut, wer ist dann der typische Shareholder? Es gibt ihn nicht. Ungefähr die Hälfte sind institutionelle Investoren, von Hedgefonds bis zu Pensionskassen. Irgendwo dahinter stehen Menschen, aber sie sind vom tatsächlichen Aktienbesitz so weit entfernt, dass sie unsichtbar und machtlos sind. So wie ich — ich bin Teil einer Pensionskasse, habe aber keine Ahnung, was dieser Fonds besitzt, geschweige denn irgendeine echte Kontrolle darüber. Irgendwo gibt es einen Fondsmanager, der eine gewisse Kontrolle ausübt, aber auch ihm gehört das Vermögen nicht. Dann gibt es einige sehr vermögende Menschen, die Aktien direkt besitzen. Und nicht nur die Shareholder selbst sind höchst unterschiedlich — es ist auch die Dauer, während der Aktien gehalten werden. 1960 blieben Shareholder von an der NYSE kotierten Unternehmen, berechnet anhand der Handelsaktivität, im Schnitt mehr als 8 Jahre bei ihrer Investition. 2010 war der durchschnittliche Shareholder rechnerisch nach vier Monaten wieder weg. Das bedeutet, dass du jedes Quartal einer neuen Gruppe von Shareholdern gegenüberstehst. Verschiedene Shareholder haben vollkommen unvereinbare Interessen — der Hedgefonds und die Pensionskasse besitzen dieselben Aktien und wollen das Gegenteil voneinander. Shareholder Value zu maximieren bedeutet, die aggressivsten, kurzfristigsten und am wenigsten diversifizierten Shareholder gegenüber den langfristigen Interessen der meisten realen Investoren zu bevorzugen.

    Shareholder Value zu steuern bedeutet, das Erwartungsspiel zu spielen — nicht echten Wert zu schaffen. Übertriffst du die Schätzung der Analysten, steigt der Aktienkurs. Verfehlst du sie, fällt er. 1983 erfüllten US-Unternehmen die Gewinnerwartungen in ungefähr 50 Prozent der Fälle — das entspricht dem, was man von einem zufälligen System erwarten würde. 1997 übertrafen sie die Erwartungen in 70 Prozent der Fälle. Das Management war in dieser Zeit nicht besser darin geworden, Unternehmen zu führen — es war nur besser darin geworden, ein Spiel zu spielen.

    Du kannst sagen, das klinge alles nach schwarzer Magie des Business. Aber was bedeutete es in der Realität? Du kennst die Antwort bereits. Was geschieht, wenn Unternehmen verschlankt und hübsch gemacht werden? Menschen werden entlassen, selbst wenn es den Unternehmen gut geht. Die Jahre 1983 bis 1987 waren Boomjahre. 4,6 Millionen Arbeitnehmende in den USA verloren ihre Stelle. 35 Prozent waren zwei Jahre später noch immer arbeitslos, und wer wieder Arbeit fand, musste dauerhafte Lohneinbussen hinnehmen. Gleichzeitig verliess ein immer grösserer Teil der Gewinne die Unternehmen in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen — 1989 waren es 81 Prozent. Dieses Geld war früher in das Unternehmen reinvestiert worden. Jetzt verschwand es. Aber Moment — das war doch der Aufstieg des Silicon Valley. All diese neue Technologie musste aus Forschung und Entwicklung stammen. Ja, aus Investitionen, die Jahrzehnte zuvor getätigt worden waren, nicht aus jenen dieser Zeit. Du weisst schon, Kleinigkeiten wie das Internet und GPS. Die neue Doktrin erntete nur noch. Das Einzige, was stieg, war die Vergütung des Managements — auf das 419-Fache eines Arbeiterlohns.

    Und trotzdem fühlt es sich irgendwie richtig an, den Shareholder als obersten Boss zu akzeptieren, nicht wahr? So soll es doch funktionieren. So wurde das System eingerichtet. Wenn du mit dem System das Recht meinst, stimmt das nicht. Das Gesellschaftsrecht verlangt im Allgemeinen nicht, dass Manager den heutigen Aktienkurs maximieren — weder in den USA noch im Vereinigten Königreich, in der EU oder in der Schweiz. Selbst in Asien, wo das Gesellschaftsrecht ganz anders ausgestaltet ist, wirst du diese Pflicht nicht finden. Wenn die verschiedenen nationalen Gesetze überhaupt etwas über den Zweck eines Unternehmens sagen, reicht das Spektrum von Wachstum über die Herstellung hochwertiger Produkte und den Schutz der Mitarbeitenden bis zur Wahrung des öffentlichen Interesses. Solange Board und Management ihre Macht nicht missbrauchen, um sich selbst zu bereichern, können sie unterschiedliche Richtungen einschlagen.

    Shareholder Value zu maximieren ist keine Verpflichtung des Managements. Es ist eine von mehreren Möglichkeiten. Friedman machte daraus ein Muss. Menschen, die davon profitierten, entwickelten es anschliessend zu einem faktischen Gesetz weiter. Die Kosten tragen jene Menschen, die keinen Gastbeitrag in der «New York Times» schreiben konnten.

    Alternativen hatte es schon seit Jahrzehnten gegeben. Drucker hatte sie 1942. Deming in den 1950er-Jahren. Japan ging einen anderen Weg. Die wichtigsten Prinzipien waren dort stets der Fortbestand des Unternehmens und langfristige Beziehungen zu Mitarbeitenden, Lieferanten und Kunden gewesen. Kontinentaleuropa besass eine Tradition, in der sowohl Shareholder als auch Mitarbeitende Mitspracherechte hatten. Beide Regionen bewegten sich durch Privatisierung, institutionelle Investoren, aktienbasierte Vergütungsanreize, Finanzialisierung und den Druck nach höheren Renditen langsam in Richtung Shareholder Primacy. Die Stimmen und Beispiele für Alternativen waren immer vorhanden. Das Problem war nie mangelndes Wissen.

    Shareholder sind selbstverständlich sehr wichtig für ein Unternehmen. Aber sie sind nicht die einzige wichtige Gruppe. Die Bedürfnisse aller Stakeholder müssen berücksichtigt werden, denn ohne ihren Beitrag kann das Unternehmen nicht wachsen. Ja, ja, alle sind wichtig. Wir haben sie alle in unserer Strategie, auf unseren Postern und manchmal sogar in unseren Slogans. Aber so einfach ist es nicht. Wenn du die Gruppen nur auflistest, weiss noch niemand, wie Entscheidungen getroffen werden sollen. Oberflächlich betrachtet stellen Stakeholder widersprüchliche Forderungen: Ich will mehr Gewinn. Ich will mehr Lohn. Ich will mehr Steuern. Wie löst du dieses Problem? Das Konzept ist einfach — es heisst Stakeholder Hierarchy. Sie gibt Managern eine Entscheidungsregel, wenn Stakeholder-Interessen miteinander in Konflikt geraten. Kunden an erster Stelle bedeutet: Wenn Ressourcen knapp sind, weisst du, wohin sie fliessen. Mitarbeitende an zweiter Stelle bedeutet, dass du weisst, was als Nächstes kommt. Shareholder an letzter Stelle bedeutet nicht, dass sie unwichtig sind — es bedeutet, dass ihr Nutzen daraus entsteht, dass du die anderen Dinge gut machst. Die Hierarchie ist entscheidend. Ohne sie hast du eine organisationale Persönlichkeitsstörung: konkurrierende Ziele ohne Entscheidungsregel. Mit ihr hast du ein leitendes Prinzip, das bessere Shareholder-Renditen hervorbringt als Shareholder Primacy.

    Ein Wort der Vorsicht: Stakeholder Hierarchy wurde auch schon missbraucht. Trickle-down economics behauptete, dass es irgendwann allen zugutekomme, wenn man Corporations und Vermögende reicher mache. Es gibt keine überzeugenden empirischen Belege dafür. Stakeholder Hierarchy muss auf realer Leistung beruhen, nicht auf Versprechen.

    Der Real Market — die tatsächliche Leistung des Unternehmens — sollte das oberste Ziel von Unternehmen sein. Der Real Market schafft Wert durch Produkte, Dienstleistungen und Beziehungen. Der Aktienmarkt übersetzt Erwartungen über diesen Wert in Preise. Gefährlich wird es, wenn das Management beginnt, Erwartungen für den Aktienmarkt zu produzieren, statt Wert für den Real Market. Offenbar ist die Realität doch das bessere Spiel. Wer hätte das gedacht?

    Warum bleibt Shareholder Value trotzdem die dominierende Idee? Wir haben gesehen, welchen Schaden sie anrichten kann. Es gibt eine bekannte und erprobte Alternative. Und sie ist kein Geheimnis. Selbst die grossen Förderer der Shareholder Primacy haben sich von ihren ursprünglichen Behauptungen distanziert. Jensen zog sich von einer kurzfristigen, aktienkursgetriebenen Shareholder Primacy zurück — als Co-Autor von «Just Say No to Wall Street» im Jahr 2002. Noch vernichtender ist, was das Aushängeschild der Shareholder Primacy, GE-Chef Jack Welch, 2009 nach seiner Pensionierung in einem Interview mit der «Financial Times» sagte: «Shareholder value is a result, not a strategy. Your main constituencies are your employees, your customers and your products.»

    Ich denke, es gibt mehr zu entdecken.

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    Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

    Friedman, Milton. «The Social Responsibility of Business Is to Increase Its Profits.» New York Times Magazine, 13. September 1970.

    Jensen, Michael C., und William H. Meckling. «Theory of the Firm: Managerial Behavior, Agency Costs and Ownership Structure.» Journal of Financial Economics, Bd. 3, Nr. 4, Oktober 1976.

    Lazonick, William, und Mary O’Sullivan. «Maximizing Shareholder Value: A New Ideology for Corporate Governance.» Economy and Society, Bd. 29, Nr. 1, Februar 2000.

    Stout, Lynn. «The Shareholder Value Myth: How Putting Shareholders First Harms Investors, Corporations, and the Public.» Berrett-Koehler Publishers, 2012.

    Martin, Roger L. «Fixing the Game: Bubbles, Crashes, and What Capitalism Can Do.» Harvard Business Review Press, 2011.

    Welch, Jack. Zitiert in Guerrera, Francesco. «Welch Condemns Share Price Focus.» Financial Times, 12. März 2009.

    Keynes, John Maynard. «The General Theory of Employment, Interest and Money.» 1936.