Exploring how systems work. Thinking out loud.

Corpo Geschichte

Ich bekomme jedes Mal Kopfschmerzen, wenn ich den Tempel betrete und das Geschnatter auf meine Sinne trifft. Wie eine Party mit zu vielen Leuten und zu wenig Musik. Ich weiss, sie haben die Stadt vor diesen weintrinkenden, zigarettenrauchenden Existenzialisten gerettet. Sie — die Gänse — haben die Stadt geweckt. Die fiesen Wachhunde haben das Ganze verschlafen. Aber Mann, diese Kopfschmerzen, jedes Mal, wenn ich Junos Tempel betrete. Wie auch immer, es ist ein Vertrag. Ich muss sie nur einmal am Tag füttern und der Senat bezahlt mich dafür. Ein guter Deal.

Ja, Herr Publicani, es war ein guter Deal, wahrscheinlich einer der frühesten dokumentierten öffentlichen Aufträge Roms. Nein, das Eintreiben von Steuern kam später, wahrscheinlich. E. Badian hat die Details in seinem wunderbaren Buch «Publicans and Sinners» — hauptsächlich dazu, dass es ziemlich schwierig ist, Genaueres zu wissen: unterschiedliche Quellen, nicht immer die besten. Trotzdem gibt er sein Bestes und stellt eine Menge antiker Business-Case-Berechnungen an.

Die vorstandstaugliche Version: Das Unternehmen begann im antiken Rom. Der Staat beauftragte privates Kapital damit, staatliche Aufgaben zu übernehmen, die er selbst nicht bewältigen konnte. Das Geschäft war gut, schuf Wohlstand, produzierte Betrug und erforderte regelmässige Korrekturen. Dieses Muster wiederholte sich im Laufe der Geschichte: Charter Companies erhielten souveräne Macht, um den Seehandel und die nationale Kontrolle ausserhalb Europas voranzutreiben. Dann überschritten sie ihre Grenzen. Free Incorporation demokratisierte die Institution in den 1850er-Jahren, während jeder öffentliche Zweck in Vergessenheit geriet. Standard Oil zeigte, was ungebremste Unternehmensgründungen hervorbrachten. Roosevelt benannte das Problem und versuchte, es einzudämmen. Das Muster war immer dasselbe: Eine Notwendigkeit schuf die Form, Legitimität wurde verliehen, die Macht wurde überdehnt, der Staat musste korrigieren. Dann dokumentierten Berle und Means 1932, was dieses Muster hervorgebracht hatte: Eigentum und Kontrolle trennten sich voneinander — als Gründungsbedingung der modernen Unternehmen, nicht als ihre Entartung. Und dann zeigte Pistor, weshalb diese Ordnung nie neu ausgehandelt wurde: Das Kapital herrscht durch das Recht und wird von ihm geschützt. Das Unternehmen bleibt «collectively indispensable, yet individually unpredictable» — und die Frage, wem gegenüber es verantwortlich ist, wurde nie gelöst.

Wir wissen mit Sicherheit, dass bei diesen Verträgen ernsthaft Geld ins Spiel kam, als 218 v. Chr. die Hannibalischen Kriege begannen. Und zu diesem Zeitpunkt wurden auch die societates publicanorum bedeutend. Und dies, meine Damen und Herren, ist die Geburt dessen, was irgendwann zum modernen Unternehmen werden sollte, dem Gegenstand dieses Essays. Okay, man nennt es Proto-corporate, also ist es noch nicht ganz dasselbe, sondern eher eine erste Alphaversion. Ich weiss, es gibt Leute, die jede Verbindung zwischen den societates publicanorum und dem modernen Unternehmen bestreiten. Nun, ich stelle euch gerne meinem früheren Professor für römisches Recht vor, dann könnt ihr das mit ihm diskutieren.

Zu den publicani und den societates publicanorum: Unser Gänsefütterer war eine einzelne Person mit einem staatlichen Auftrag – manchmal waren es auch mehrere, aber sie legten ihre Ressourcen nicht zusammen, um ihre vertraglichen Pflichten zu erfüllen. Wichtig auch: Sie waren keine Staatsangestellten, es war eher ein Outsourcing-Job. Aber Gänse zu füttern ist eine relativ einfache Sache. Als Rom mit Hannibal konfrontiert war, der über die Alpen marschierte, musste es sechzehn Legionen – ungefähr 72’000 Soldaten – ins Feld schicken. Sie zu versorgen, überforderte die damalige römische Verwaltung. Die komplexe Logistik und die angespannte Staatskasse führten dazu, dass Rom den privaten Sektor beauftragte. Und selbst dann konnte diese Aufgabe nicht von einer einzelnen wohlhabenden Person – oder Familie – bewältigt werden. Mehrere mussten ihre Ressourcen zusammenlegen, um all die Tuniken, Helme, Lebensmittel und was für einen Unsinn man im Krieg sonst noch braucht, bereitstellen zu können. Der Staat musste also einen Vertrag mit einer Gruppe eingehen, die durch das gemeinsame Ziel vereint war, staatliche Aufträge und damit einen öffentlichen Zweck zu erfüllen. Diese societates taten vieles von dem, was moderne Unternehmen tun. Sie legten Kapital zusammen und finanzierten die Investitionen sogar vor – und der Staat bezahlte wahrscheinlich Zinsen, obwohl, du weisst schon, die Quellenlage ist etwas dubios. Sie hatten sich bereits vor dem jeweiligen Auftrag zusammengeschlossen, waren also nicht bloss One-Hit-Bands. Um 200 v. Chr. waren diese Verträge ausserdem substanziell; davor scheinen sie für wohlhabende Familien eher ein Nebengeschäft gewesen zu sein. Die Versorgung des Militärs blieb eine der wichtigsten Tätigkeiten, aber auch das Eintreiben von Steuern, der Bergbau, das Bauwesen und die Salzgewinnung wurden bedeutend.

Wir reden hier jedoch über Corpo, und das bedeutet, dass es damals wie heute ein paar faule Äpfel gab. Während der Hannibalischen Kriege wurden die Schifffahrtsrouten vom Staat garantiert. Da gibt es also diese Geschichte über einige feine Herren, die wertlose Waren auf seeuntüchtige Schiffe luden. Wenn diese sanken, liessen sich die Geschäftsleute vom Staat den Verlust der angeblich teuren Vertragsgüter erstatten. Besonders unmoralisch, weil der Staat zu diesem Zeitpunkt angegriffen wurde. Manche Quellen machen daraus einen Corpo-Politthriller – der Senat gekauft, bezahlte Mobs, die Gerichte stürmen, völlige Straflosigkeit für die feinen Herren. Badian, stets der vorsichtige Historiker, macht die Geschichte komplizierter. Der Betrug hat wahrscheinlich stattgefunden. Aber vermutlich schob der Senat die Sache einfach auf – Kriegszeiten waren ein schlechter Moment, um die eigenen Kriegslieferanten strafrechtlich zu verfolgen – und der Senat war ohnehin kein Gericht in unserem heutigen Sinn. Der Mob, der versuchte, die Verhandlung zu sprengen, war wahrscheinlich klein und wurde dafür bestraft. Weniger Netflix, mehr bürokratisches Durcheinander. Was irgendwie glaubwürdiger wirkt. Und vertrauter. Irgendwann kam es doch noch zu einer gewissen Rechenschaft, wenn auch chaotisch und unvollständig.

Eine weitere interessante Tatsache ergibt sich daraus, dass es in diesen Proto-Unternehmen keine Spezialisierung gab. Dieselben Gruppen bewarben sich um Aufträge im Bergbau und in der Versorgung des Militärs. Wechselte ein Auftrag von einer Gruppe zur anderen, wurden Ausrüstung, Infrastruktur und Menschen häufig einfach an die neue verkauft. Das zeigt, dass diese Gruppen über Vermögenswerte und eine organisatorische Struktur verfügten, die verkauft und übertragen werden konnten.

Um 150 v. Chr. war die römische Elite, die Mitglieder des Senats, mit den publicani verbunden – nicht in persona, aber innerhalb desselben Netzwerks. Aktives Lobbying für Geschäftsinteressen war nicht nötig, weil die wichtigen Leute aus Politik und Wirtschaft ohnehin alle miteinander verbunden waren. Es gab auf staatlicher Seite einige Kontrollmechanismen, aber sie wurden nur selten eingesetzt. Der Staat und die Proto-Unternehmen schienen eine gute Form der Zusammenarbeit gefunden zu haben. Bis zu der Geschichte mit den Brüdern Gracchus.

Tiberius und Gaius Gracchus waren römische Aristokraten im zweiten Jahrhundert v. Chr. Zuerst versuchte Tiberius, Landreformen zugunsten ärmerer Bürger durchzusetzen. Das richtete sich gegen den Senat, der öffentliches Land faktisch in Privatvermögen der politischen Klasse verwandelt hatte. Gaius Gracchus ging weiter. Er wollte die Besteuerung und die Verwaltung der Provinzen reformieren. Beide zielten darauf ab, den Machtgriff des Senats zu brechen — nicht durch einen direkten Angriff, sondern indem sie alternative Machtbasen aufbauten. Gaius gab der kommerziellen Klasse Kontrollmacht über die Statthalter in den neuen asiatischen Provinzen. Im Grunde gab er damit den publicani die Macht, genau jene Regierung zu kontrollieren, die eigentlich sie hätte kontrollieren sollen. So entstand eine seltsame umgekehrte Rechenschaftspflicht. Was nach einer alltäglichen dummen politischen Entscheidung klingt — irgendein Politiker gibt seinen reichen Freunden noch etwas mehr Macht —, endete damit, dass beide Brüder durch politische Gewalt getötet wurden. Es waren die ersten politischen Morde seit Jahrhunderten. Später sollte das sehr viel häufiger vorkommen. Rom wurde zum Epizentrum von Machtkämpfen. Es dauerte noch einmal 100 Jahre, aber dann — nach Caesar und der ganzen Geschichte — schaffte Augustus die Republik faktisch ab und verwandelte sie in eine verkleidete Monarchie. Damit schloss er auch viele Türen für private Tätigkeiten. Das Eintreiben von Steuern beispielsweise wurde wieder in die direkte staatliche Verwaltung integriert.

Das war das Ende der ersten grossen Unternehmen. Danach gab es kurze Auftritte von Corpo. Die Zünfte der mittelalterlichen Gesellschaften waren etwas mehr als reine Berufsverbände, aber keine wirklichen Unternehmen. Auch die Hanse, die italienischen Bankhäuser und die Stadtstaaten waren bedeutend, erreichten aber nie ganz die Bedeutung der römischen publicani. Sie waren kleiner, meist lokal und bündelten kein breit gestreutes Kapital für eine fortlaufende unternehmerische Tätigkeit. Einige von ihnen – etwa die italienischen Banken – waren in ihrer Struktur durchaus komplex, aber in ihrer Grösse mit den publicani nicht vergleichbar. Der Grund war ziemlich einfach. Es wurde nicht gebraucht. Europa war nach Rom wieder in kleinere Regionen zerfallen, deren Bedeutung weit hinter jener Roms zurückblieb. Diese römische Erfindung schlummerte deshalb ungefähr 1’400 Jahre, bis die Staaten wieder genügend Grösse erlangt hatten. Aber nicht nur die Staaten waren grösser geworden. Auch die Welt war es.

1492 überquerte Columbus den Atlantik, und vielleicht noch wichtiger: Vasco da Gama erreichte 1498 Indien, indem er Afrika umsegelte. Die Geburt des Ozeanhandels. Der Süden Europas verfügte über viel Erfahrung im Seehandel. Handelsrouten im Mittelmeer gab es bereits lange vor dem antiken Rom. Aber der Ozeanhandel war ein anderes Kaliber. Reisen dauerten Jahre statt Wochen. Das Kapital – für Schiffe und Handelsgüter – war während dieser ganzen Zeit gebunden. Die ersten Reisen wurden tatsächlich von den südeuropäischen Monarchien Spanien und Portugal finanziert, aber wir wissen, wie das ausging. Es brauchte ein weiteres Jahrhundert und zwei nördliche Grossmächte, um Strukturen zu schaffen, die für solche Unternehmungen besser geeignet waren. 1600 wurde die English East India Company gegründet, 1602 die Dutch East India Company. Die ersten Charter Companies.

Beide waren mit ihrem Unternehmen ausserordentlich erfolgreich. Die English East India Company hatte zu Spitzenzeiten mehr als 100’000 Beschäftigte, und darin sind die mehr als 200’000 Soldaten in ihren Diensten noch nicht enthalten. Ach ja, und sie besetzte im Grunde den gesamten indischen Subkontinent. Die Dutch East India Company war wirtschaftlich sogar noch beeindruckender. Sie schickte beinahe 5’000 Schiffe nach Asien und brachte mehr als 2.5 Millionen Tonnen Waren zurück.

Und es waren richtige Unternehmen. Sie hatten eine Vielzahl von Eigentümern, eine eigene Rechtspersönlichkeit und operierten getrennt von dem Staat, aus dem sie hervorgegangen waren. Obwohl sie wirtschaftlich getrennt waren, gewährten ihnen ihre jeweiligen Staaten ein Monopol und quasi-souveräne Macht – etwa das Recht, Kriege zu führen und Münzen zu prägen. Im Gegenzug mussten sie einen in ihren Charters festgeschriebenen öffentlichen Zweck erfüllen: den Handel und die Präsenz ihrer Nation auszuweiten.

Wie bereits erwähnt, war die English East India Company im Grunde eine privat gegründete Besatzungsmacht. Und auch die niederländische Version war nicht unschuldig. Sie setzte ihr Handelsmonopol auf den verschiedenen Gewürzinseln mit Gewalt durch. Und dies waren nur die zwei bekanntesten Beispiele für Charter Companies. Es gab viele weitere, und sie alle lagen vollständig in den Händen von Shareholdern. Eine davon war die South Sea Company. Sie hatte Handelsprivilegien für das spanische Südamerika erhalten und dafür einen Teil der britischen Staatsschulden übernommen. Diese Geschäftsmöglichkeiten waren allerdings ziemlich beschränkt, weil Grossbritannien diese Gebiete gar nicht kontrollierte. Doch obwohl das Unternehmen mit einem gewaltigen Minus in den Büchern und einem schlechten Business Plan startete, waren die Erwartungen des Marktes enorm. 1720 begannen die Aktien bei £100 und stiegen auf £1’000. Dann brach das Vertrauen schnell wieder zusammen und Tausende Investoren wurden ruiniert.

Während es in Rom faule Äpfel gegeben hatte, die ein System ausnutzten, waren diese neueren Unternehmen darauf angelegt, auszubeuten – entweder durch die ihnen verliehene übermässige Macht oder durch die ersten Formen der Finanzspekulation. Im Fall der Finanzspekulation erkannte der Staat die Gefahr und reagierte mit einem Verbot. Grossbritannien verabschiedete den Bubble Act und verbot damit für die nächsten hundert Jahre neue Joint-Stock Companies ohne Royal Charter.

Aber ein vollständiges Verbot konnte nicht halten. Der Bedarf an privaten Unternehmen verschwand nicht. Im Gegenteil, die industrielle Revolution verlangte noch stärker danach. Die Maschinen, die Fabriken, die Infrastruktur — der Kapitalbedarf in dieser Grössenordnung machte die Rechtsform der einfachen Partnerschaft wirklich unzureichend. In den 1850er-Jahren waren neue Gesetze nötig. Auftritt der Limited Liability Acts in Grossbritannien und ähnlicher Gesetze der einzelnen Bundesstaaten in den USA. Der entscheidende Dreh bestand darin, dass jeder ein Unternehmen gründen konnte und, noch wichtiger, erstmals kein öffentlicher Zweck mehr verlangt wurde — ausser Geld zu verdienen, natürlich. Niemand stimmte darüber ab, den öffentlichen Zweck aufzugeben. Er hörte einfach auf, eine Voraussetzung zu sein, sobald jeder durch das Einreichen einiger Unterlagen ein Unternehmen gründen konnte. Die publicani existierten nur aufgrund staatlicher Verträge. Die Charter Company musste sich gegenüber dem Staat rechtfertigen. Das frei gegründete Unternehmen musste sich gegenüber niemandem rechtfertigen. Und das verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Allein in Grossbritannien wurden bis 1866 fast 5’000 Unternehmen mit Limited Liability gegründet.

Ein grosses Geschäft dieser Zeit waren die Eisenbahnen, mit grossen Unternehmen wie der London and North Western Railway und ihren rund 20’000 Beschäftigten. Damit entstand auch ein neuer Beruf: der Manager. Güter zu bewegen, ohne dass die Züge zusammenstiessen, verlangte Koordination, Aufsicht und Administration in einem bis dahin unbekannten Ausmass. Aber woher sollte man Leute nehmen, die eine Ahnung von Command-and-Control-Aktivitäten hatten? Nun, man holte sie aus der Armee – pensionierte Offiziere. Bis 1850 hatten Eisenbahngesellschaften 50 bis 60 Manager angestellt, Hunderte weitere sollten folgen. Falls du dich also jemals gefragt hast, woher das stammt, was McGregor später Theory X Management nennen sollte: Hier ist deine Antwort.

Diese neuen Unternehmen waren weitgehend frei von staatlicher Kontrolle. Sie hatten auch keinen öffentlichen Zweck. Sie entwickelten sich einfach aus sich selbst heraus und wuchsen natürlich. Nehmen wir Standard Oil in den USA als Beispiel. In seiner ersten Form wurde das Unternehmen 1870 gegründet und kontrollierte nur zehn Jahre später ungefähr 95 Prozent der amerikanischen Ölraffination. Danach wurde es als Trust organisiert und koordinierte 40 Unternehmen mit einem Wert von 70 Millionen Dollar. John D. Rockefeller – der Haupteigentümer von Standard Oil – hatte bis 1913 ein Vermögen von 900 Millionen Dollar angehäuft. Ein einzelner Mann besass damit ungefähr 2,3 Prozent des amerikanischen BIP. Free Incorporations machte Standard Oil nicht dominant. Aber sie erlaubte Unternehmen zu wachsen, ohne beweisen zu müssen, dass sie einem öffentlichen Zweck dienten. Schwache Regulierung und die wirtschaftlichen Besonderheiten des Ölgeschäfts erledigten den Rest.

Die Regierung musste reagieren. Zuerst tat sie das 1890 mit einem Gesetz, dem Sherman Antitrust Act, und danach mit dem sogenannten Trust-busting unter zwei amerikanischen Präsidenten: Roosevelt und Taft. In seiner ersten Botschaft an den Kongress beschrieb Roosevelt 1901 die Lage deutlich: «They are indispensable instruments of our modern civilization; but I believe that they should be so supervised and so regulated that they shall act for the interests of the community as a whole.» Immer mehr Menschen erkannten, weshalb diese neuen Unternehmen für die Gesellschaft ein Problem darstellten. Und wieder fand Roosevelt 1902 die richtigen Worte: «We have a great, powerful, artificial creation which has no creator to which it is responsible.» Das Recht hatte eine künstliche, eine juristische Person geschaffen, aber sie hatte keine Seele. Standard Oil wurde schliesslich 1911 von den Gerichten in 34 einzelne Unternehmen aufgeteilt.

Um die Jahrhundertwende interessierte sich auch die Wissenschaft stärker für Unternehmens. Nicht nur, um eine Ausbildung für den neuen Beruf des Managers aufzubauen, sondern auch als Forschungsgegenstand. Adam Smith war 1776 ein früher Ausreisser gewesen, der Grossteil der Literatur entstand erst im frühen 20. Jahrhundert. Doch nur wenige erhielten so viel praktischen Einblick wie der österreichische Einwanderer Peter Drucker. Nachdem er 1942 seine Gesellschaftsanalyse “The Future of Industrial Man” geschrieben hatte, wurde er von GM eingeladen, das Unternehmen zu analysieren. Drucker war fasziniert von der dezentralisierten M-form des Unternehmens. Die verschiedenen Automarken – etwa Chevrolet, Pontiac und Cadillac – waren als weitgehend autonome operative Divisions organisiert, während GM lediglich eine koordinierende Kontrollfunktion ausübte. Das löste das Problem, dass Top Management in grossen Organisationen keine operativen Entscheidungen treffen kann. Kleinere Divisions halten die Entscheidungsfindung auf einer tieferen Ebene, wo sie noch machbar ist. Das entsprach weitgehend dem, was Drucker für Unternehmen gefordert hatte, und er entwickelte die Idee in seinem Buch “Concept of the Corporation” weiter. Er drängte GM zudem dazu, Beschäftigte weniger als Ressource oder Kostenfaktor zu behandeln und die gesellschaftliche Aufgabe des Unternehmens ernst zu nehmen, ihnen Funktion und Status zu geben. GM setzte Druckers strukturelle Empfehlung um. Doch als es um sein menschliches und gesellschaftliches Argument ging, reagierte das Unternehmen mit einem Essay-Wettbewerb für Beschäftigte: «My Job and Why I Like It.» Das zeigt die Lücke zwischen einem der fortschrittlichsten Unternehmen ihrer Zeit und dem wichtigsten Management-Denker dieser Zeit. Gesellschaftliche Verantwortung war zu einem Gimmick geworden, nicht zu einem zentralen Ziel der Unternehmen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderten sich Unternehmen vor allem darin, wie sie finanziert wurden und wem sie gehörten. Das ursprüngliche Modell, in dem Unternehmen hauptsächlich durch externe Quellen finanziert wurden, begann sich in Richtung interner Finanzierung zu verschieben: Zwei Drittel des Kapitals, das Nichtfinanzunternehmen zwischen 1945 und 1970 aufnahmen, stammten aus internen Quellen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Shareholder in den USA von 6 Millionen im Jahr 1952 auf 25 Millionen im Jahr 1965. Der alte kleine Club von Eigentümern wurde allmählich durch eine grosse, mehrheitlich passive Bevölkerung von Eigentümern ersetzt. Das Top Management konnte langfristig investieren, ohne die Zustimmung der Shareholder zu benötigen. Diese Finanzarchitektur liess Druckers Vision der Unternehmen als gesellschaftlicher Institution für kurze Zeit realistisch erscheinen. Und es gab Anzeichen dafür: die Beschäftigungsgarantie von P&G, die staatsbürgerliche Bildung bei Heinz. Aber es bestand auch die Gefahr des alten Sprichworts: «Everybody’s business is nobody’s business.» Weit gestreuter Aktienbesitz drohte, das Unternehmen aller in die Verantwortung von niemandem zu verwandeln.

Doch in den 1970er-Jahren geschah etwas anderes, das sich in den 1980ern dramatisch beschleunigte. Die geduldige interne Finanzierung wurde zunehmend durch den externen Druck der Shareholder ersetzt, Renditen zu sehen. Wir treten in die Zeit der Hostile Takeovers und Leveraged Buyouts ein. Das goldene Zeitalter der grossen alten Unternehmen wurde zerlegt – und damit auch die Stabilität und dem, wenn auch immer begrenzten, gesellschaftlichen Zweck, den Unternehmens sich selbst gegeben hatten. 1993 hatte Manpower – eine Temporärarbeitsagentur – GM als grössten Arbeitgeber der USA abgelöst.

Neben Druckers früher Gesellschaftstheorie gab es weitere Stimmen, welche das Unternehmen kritisch betrachteten. 1932 schrieben Adolf Berle und Gardiner Means “The Modern Corporation and Private Property”, um auf einige systemische Schwachstellen hinzuweisen. Sie erkannten: Wenn du das Vermögen vieler Menschen konzentrierst, muss die Kontrolle über dieses Vermögen einer einheitlichen Leitung übertragen werden. Jemand muss die Verantwortung für das Unternehmen übernehmen. Dieser Jemand ist nicht mehr der Eigentümer des Vermögens. Es ist das, was später als Top Management bezeichnet wurde. Daraus entstehen zwei Fragen. Erstens: Welche motivierende Kraft treibt die Person – oder die Personen – an, die das Sagen haben? Es ist nicht ihr Geld, das auf dem Spiel steht. Zweitens: Wie wird der Wohlstand, genauer gesagt der Gewinn, verteilt? Die Person an der Spitze erledigt die Arbeit, aber das Geld gehört dem Vermögenseigentümer. Daraus ergibt sich eine merkwürdige Symmetrie zwischen dem Eigentümer – oder besser dem Investor – und dem Arbeiter. Beide werden zu Lohnempfängern. Der Arbeiter für die Arbeit und der Investor für das Kapital. Beide sind nur Ressourcen im Prozess des Unternehmens. Keiner der beiden besitzt oder kontrolliert wirklich etwas. Der Manager befindet sich irgendwo in der Mitte – in diesem Fall nicht im Middle Management, sondern zwischen Kapital und Arbeit. Aber wer kann ihn eigentlich als die verantwortliche Person benennen? Seine Legitimität ist unklar. Wird das alte Sprichwort also tatsächlich wahr: Everybody’s business ist wirklich nobody’s business? Und wie bereits bei GM erwähnt, stand in den 1930er-Jahren viel auf dem Spiel. AT&T ist ein weiteres Beispiel. 1930 war sein Vermögen grösser als jenes von 20 amerikanischen Bundesstaaten, aber das Unternehmen «gehörte» 10 Millionen Shareholdern. 10 Millionen Menschen besitzen nicht gemeinsam eine Sache. Das wäre Chaos. Hast du schon einmal versucht, gemeinsam mit jemand anderem ein Auto zu besitzen?

Berle und Means versuchten, das Problem aus verschiedenen Richtungen zu lösen. Nach der traditionellen Logik des Eigentums müsste die Kontrolle beim Eigentümer oder Investor bleiben. Das würde aber bedeuten, dass das Management keine Kontrolle hat und deshalb handlungsunfähig ist. Das Management kann diese Logik auch nicht einfach verneinen, weil es sie ursprünglich benutzt hat, um Kapital von Investoren zu erhalten. Gib mir Geld, dann gehört dir ein Teil unseres grossartigen Gummibärchen-Unternehmens!

Der traditionellen Logik des Gewinns ergeht es nicht viel besser. Sie besagt, dass der Gewinn den Aufwand belohnen sollte, der in ein Unternehmen gesteckt wurde. Das würde bedeuten, dass der Gewinn der Kontrolle folgen müsste. Wenn das Management die kontrollierende Kraft ist, müsste es den ganzen Gewinn erhalten und nicht der passive Eigentümer. Offensichtlich ist auch das keine befriedigende Lösung.

Damit waren die traditionellen Konzepte nicht mehr brauchbar. Es hatte eine Trennung zwischen aktivem Eigentum – dem tatsächlichen Unternehmen – und passivem Eigentum – den Aktien – stattgefunden. Und weil der Gewinn nicht die Motivation des Managements sein konnte, musste diese neu definiert werden: als Kombination aus Lohn, Prestige, Macht und Empire-building. Das machte den neuen Top Executive eher zu einer Figur wie Alexander dem Grossen. Nun, das löste die Frage, wer die Kontrolle haben sollte, auch nicht.

Berle und Means sahen drei mögliche Antworten. Erstens: den Shareholdern mehr Kontrolle geben. Berle und Means betrachteten dies jedoch nur als vorläufige Absicherung dagegen, dass sich das Management am Vermögen der Investoren bediente, nicht als Antwort auf die Frage, wozu das Unternehmen eigentlich da ist. Zweitens: dem Management unbeschränkte Kontrolle über die Unternehmen geben. Nun, damit könnten sie mit dem Geld anderer Leute verheerenden Schaden anrichten. Die dritte Möglichkeit bestand darin, Corporate Power als Gemeinschaft oder Public Trust zu verstehen. Weder Shareholder noch Management können das Unternehmen ausschliesslich für sich beanspruchen. Unternehmen sind ausserdem längst über diese beiden Parteien hinausgewachsen, weil sie Arbeiter, Konsumenten und Gemeinschaften betreffen. Diese Macht muss deshalb auf breitere gesellschaftliche ebenso wie auf finanzielle Interessen ausgerichtet werden. So entsteht ein kompliziertes Konstrukt, das verschiedene Interessen gegeneinander abwägen muss. Es wird tatsächlich dem Staat ähnlicher, der unterschiedliche Stakeholder und Verantwortlichkeiten ausbalanciert. Das ist keine einfache Aufgabe und war es auch nie. Stattdessen erklärte Mitte der 1970er-Jahre ein Ökonom namens Milton Friedman einfach die erste Möglichkeit – die vorläufige Absicherung – zur richtigen und einzig möglichen Antwort.

Weshalb das Privileg des Kapitals nie wirklich neu ausgehandelt wurde, braucht eine Erklärung. Und genau das war mein Einstieg in diese Diskussion – weil diese Erklärung von einer Rechtswissenschaftlerin stammt. Katharina Pistor veröffentlichte 2019 ihre Analyse “The Code of Capital: How the Law Creates Wealth and Inequality”, und für Menschen ohne juristischen Hintergrund dürfte sie ziemlich erhellend sein. Das Kapital herrscht nämlich aufgrund des Rechts. Wir sehen die Auswirkungen davon in Wirtschaftskrisen: bei der amerikanischen Bankenrettung 2008/09, als der Staat Banken rettete, deren rechtliche Architektur Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert hatte, während der Covid-19-Krise, während der Grossen Depression und immer wieder. Aber wir sehen es auch weiter zurück in der Geschichte, als der Staat feudalen Status oder koloniale Rassenhierarchien verlieh, die einen direkten Einfluss auf Eigentum hatten. Max Weber erkannte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass die feudale Gesellschaft verschiedenen Gruppen Privilegien verliehen hatte. Der moderne Kapitalismus ersetzte diese durch Gesetze, die eigentlich für alle gleich sein sollten. Doch Unternehmen lernten schnell, immer komplexere Gesetze zu nutzen, um sich neue Vorteile zu verschaffen – alles unter dem Motto der Effizienz und der Behauptung, was gut für die Wirtschaft sei, sei gut für alle.

Pistor stellte jedoch fest, dass Vermögenseigentümer nicht den Rechtsstaat wollten. Sie wollten lediglich rechtlichen Schutz für sich selbst. Das führt zu absurden Situationen. Nimm englische Landbesitzer im 17. und 18. Jahrhundert. Sie kämpften darum, dass ihre Landtitel rechtlich anerkannt wurden, und nahmen danach Schulden darauf auf. Doch als die Gläubiger die Hypotheken vollstreckten, schrien sie Zeter und Mordio. Sie liessen ihre Anwälte Trusts errichten, um ihr Vermögen vor den Gläubigern zu schützen. Die Gerichte verteidigten diesen Schutzschild, und die Gläubiger verloren ihr Geld und ihre Eigentumsrechte. Grosse Gläubiger lernten später dasselbe Spiel und kämpften für ein Konkursrecht, das ihre Ansprüche vor jene von Beschäftigten und Kunden stellte.

Der wirklich lustige Teil – zumindest für juristisch Denkende – besteht jedoch darin, dass all diese kapitalistischen Spiele das Recht benötigen, um Eigentum überhaupt erst zu schaffen. Etwas zu besitzen und daran Eigentum zu haben, ist nämlich nicht dasselbe. Besitz ist mehr oder weniger eine tatsächliche Angelegenheit. Ich halte einen Apfel in der Hand, also besitze ich ihn. Nun könnte der Apfel von meinem Apfelbaum stammen, oder ich könnte ihn im Supermarkt gekauft haben. Dann gehört er mir auch. Aber was, wenn ich ihn vom Apfelbaum eines anderen gepflückt habe? Ich besitze ihn noch immer, aber er gehört mir nicht. Eigentum bedeutet, das Recht an etwas zu haben. Und Rechte werden – zumindest in modernen Staaten – durch das Gesetz verliehen. Ohne Recht gäbe es also kein Eigentum. Aber weshalb gibt es dann all diese merkwürdigen Business-Schweinereien? Weshalb kann das Recht all das nicht besser regulieren? Das Problem besteht darin, dass Recht zwangsläufig verallgemeinert. Es versucht, alle Tätigkeiten zu erfassen, nicht einige wenige im Detail. Und es ist immer unvollständig, weil es nicht jeden zukünftigen Fall vorhersehen kann. Deshalb besteht immer die Möglichkeit, es auszunutzen, bevor das System die Lücke schliessen kann. Was die Sache noch seltsamer macht: Der rechtliche Schutz, den das Kapital geniesst, wird nie als Subvention bezeichnet, Sozialleistungen dagegen immer. «Es ist legal» beendet die Diskussion, bevor jemand fragen kann, wessen Interessen das Gesetz eigentlich dient. Die Ausnutzung des Rechts ist noch absurder, weil sie sich gegen ein System richtet, das überhaupt erforderlich ist, um Vermögen zu schaffen. Oder wie Pistor sagt: «Recht ist der Stoff, aus dem das Kapital geschneidert ist.»

Unternehmens sind eine interessante Sache, weil sie künstliche Gebilde sind, aber gleichzeitig so viele nützliche Tätigkeiten enthalten, ohne die eine moderne Gesellschaft nicht möglich wäre. Doch wie bei allem, was definiert werden muss, wird dabei vieles vergessen. Der Sozialwissenschaftler und Systems Thinker Gregory Bateson erklärte, was der Semantiker Alfred Korzybski meinte, als er sagte: «Die Karte ist nicht das Territorium.» Die Wirklichkeit wird nicht auf das Papier gezeichnet. Auf der Karte erscheinen nur die Unterschiede – der See, der Berg, der Weg. Gäbe es an einem Stück Land nichts Besonderes, würdest du auf einer Karte nur seine Grenzen sehen. Dasselbe gilt für Unternehmens. Eingezeichnet wurden nur die Besonderheiten: Eigentum, Haftung und Vertragsbeziehungen. Das ist es, was codiert wurde. Alles Gleichförmige – die Arbeit, die Gemeinschaften, die Auswirkungen auf das Ökosystem – erschien nicht. Wir haben deshalb nur ein fragmentiertes Bild davon, was Unternehmens sind.

Drucker bezeichnete sie als die erste autonome Institution, ein Machtzentrum innerhalb der Gesellschaft und doch unabhängig vom Nationalstaat. Ein unverzichtbares Instrument, wie Roosevelt es beschrieb. Oder wie es die Economist-Autoren Micklethwait und Wooldridge formulierten: «collectively indispensable, yet individually unpredictable.» Viele Fragen wurden nie gelöst. Doch das macht das Unternehmen nicht zu etwas, das wir aufgeben sollten, sondern zu etwas, an dem wir arbeiten müssen.

Ich denke, es gibt mehr zu entdecken.

Ist das Unternehmen eine fehlerhafte Notwendigkeit oder eine Alpha version von etwas wirklich Grossartigem? LinkedIn

Glaub mir nicht einfach so, hier sind ein paar gute Bücher:

Badian, E. Publicans and Sinners: Private Enterprise in the Service of the Roman Republic. Cornell University Press, 1972. (Available on Internet Archive.)

Micklethwait, John and Wooldridge, Adrian. The Company: A Short History of a Revolutionary Idea. Modern Library, 2003.

Berle, Adolf and Means, Gardiner. The Modern Corporation and Private Property. Macmillan, 1932 (revised edition 1967). Book I, Chapter 1 and Book IV, Chapters I and II only.

Bateson, Gregory. «Form, Substance and Difference.» 1970 Korzybski Memorial Lecture. In Steps to an Ecology of Mind. Chandler, 1972.

Drucker, Peter F. The Future of Industrial Man. John Day, 1942.

Drucker, Peter F. Concept of the Corporation. John Day, 1946.

Pistor, Katharina. The Code of Capital: How the Law Creates Wealth and Inequality. Princeton University Press, 2019. Last chapter.

Roosevelt, Theodore. First Annual Message to Congress, December 3, 1901.